David-Bowie-Ausstellung in London : Ein Android schlägt auf der Erde ein

Das Model, der Sänger, der Schauspieler, der Maler, der Konzeptkünstler: Die Ausstellung „David Bowie is“ des Victoria & Albert Museums in London feiert den britischen Popstar.

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David Bowie im Bodysuit von Kansai Yamamoto (1971). Foto: Victoria & Albert Museum
David Bowie im Bodysuit von Kansai Yamamoto (1971).Foto: Victoria & Albert Museum

„Where are we now?“ Ja, gute Frage in diesen vorweihnachtlichen Frühlingstagen. Wo sind wir jetzt, leibhaftig oder in Gedanken? Trifft David Bowie nach vielen Jahren stummer Abwesenheit mit seinen neuen Songs noch einmal ein Lebens- oder besser Überlebensgefühl? Das Gefühl mittlerweile, dass die Jugend und selbst das Midlifekrisenalter nicht ewig dauern, aber Pop uns begleiten wird bis an das Ende unserer Tage?

„Heroes for just one day“ und „Rock ’n’ Roll Suicide“ hin oder her: Die meisten jener Helden sind noch da und haben selbst – allerdings vergleichsweise vernünftige, arbeitsame – Kinder in dem Alter, das damals so wild und kreativ erschien. Die gebrauchten Posen sind immer mal wieder schön anzusehen, wenn auch mit Verfremdungseffekt. Diesen Eindruck distanzierter Leidenschaft, gekühlten Überdrucks und gespielten Untergangs gab es bei Bowie immer schon. Das tritt mit abnehmender Nähe zu Kohleheizung und Vinyl nur plastischer hervor. Wie eisig diese Aufforderung zum Tanz im Grunde war, „Let’s Dance“!

Nach dieser kleinen Orientierungstour lässt sich mit Sicherheit sagen, wo er jetzt ist, der 1947 in London als David Robert Jones geborene Künstler. Er steht mit dem Album „The Next Day“ in vielen Ländern an der Spitze der Charts, und er ist im Museum angekommen – oder das Victoria & Albert ist auf ihn gekommen. Es ist nicht das erste Mal, dass die Institution, die sich selbst als „the world’s greatest museum of art and design“ bezeichnet, Popkultur dokumentiert. Doch Bowie ist wie ein Dammbruch. Die Welt dürstet nach einem Großen. Über 50000 Vorbestellungen liegen vor für die Ausstellung, die am Samstag offiziell eröffnet, angeblich steigt die Zahl stündlich um einige Tausend. Das ist Museumsrekord und überhaupt kein Wunder bei dem Medienhype, der die Insel erfasst hat. Das freut den deutschen V & A -Direktor Martin Roth, früher Dresden, der sein Amt im September 2011 angetreten und die Bowie-Welle geerbt hat. Sie wird zur Sturmflut werden, wenn sich die Gerüchte über eine Tournee realisieren.

David Bowie in Berlin
David Bowie (8. Januar 1947 - 10. Januar 2016). Hier ein Bild von 1976 in Berlin. Foto von Archival Pigment Print auf Baryt. Courtesy: EYE·D Agentur für Fotografie. Das Bild war Teil der großen Bowie Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Foto: Jim RaketeWeitere Bilder anzeigen
1 von 28Foto: Jim Rakete
11.01.2016 08:23David Bowie (8. Januar 1947 - 10. Januar 2016). Hier ein Bild von 1976 in Berlin. Foto von Archival Pigment Print auf Baryt....

Es fühlt sich nicht wie ein Comeback an, vielmehr wie ein genial orchestrierter Relaunch. Das Album, die Videos, die Ausstellung – und immer noch kein öffentlicher Auftritt. In London wird gerätselt und gewettet, ob und wann er kommt. Vorerst vertritt ihn bei Galadinners und Empfängen Tilda Swinton, die im Minispielfilm zu „The Stars are out Tonight“ an Bowies Seite altert; nicht ohne Sex. Die Erwartung stirbt zuletzt.

Was immer der heute 66-Jährige im zurückliegenden Jahrzehnt gemacht hat, es war nicht planlos. Bowie hat für die Ausstellung die Kuratoren Geoffrey Marsh und Victoria Broackes in sein Archiv vorgelassen. Es befindet sich in New York, an einem unbekannten Ort, umfasst sagenhafte 75000 Objekte und wird professionell verwaltet. Das sind Museumsdimensionen, da hat einer gezielt und ausdauernd und mit beträchtlichem finanziellen Aufwand gesammelt – sich selbst.

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