Kultur : Den Löffel weglegen

In „Tuesday, after Christmas“ zelebriert der Rumäne Radu Muntean eine eheliche Katastrophe

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Es muss irgendwann Ende der Neunziger gewesen sein, als auf dem Cottbuser Festival des Osteuropäischen Films ein rumänisches Erstlingswerk lief. Es war ein unsagbar trauriges, unsagbar hilfloses Stück Autorenkino. Ein Motorradfahrer kam darin vor, und man sah ihm zu und musste an die vielen – auch großen – Rumänen der Vergangenheit denken, die sich als Verworfene fühlten, nur weil sie aus Rumänien kamen. Es ist bestimmt kein Zufall, dass der Philosoph des unendlich aufgeschobenen Selbstmords, E.M. Cioran, ein Rumäne war.

Und nun ist alles anders. Kenner sprechen längst von der „Neuen rumänischen Welle“. Das ist insofern erstaunlich, weil es das rumänische Kino vor dieser Welle im Grunde gar nicht gab. Inzwischen ist das Ereignis fast schon katalogisiert. Kennerumgangssprachlich klingt das so: Das Hauptkennzeichen des neuen rumänischen Kinos ist die „halbnahe Plansequenz“, ja, das neue rumänische Kino ist die „halbnahe Plansequenz“.

Nun, man sollte schon etwas übrighaben für die halbnahe Plansequenz, um „Tuesday, after Christmas“, dieses Drama der Privatheit von Radu Muntean zu mögen. Muntean, nicht Mungiu: Letzterer ist der Regisseur des eindrucksvollen „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“, der die halbnahe Plansequenz und damit den quasidokumentarischen Gestus auch nicht verschmäht.

Bisher ging es im rumänischen Kino meist um die jüngste, blutig-revolutionäre Vergangenheit, so auch in Munteans „The Paper will be Blue“ über den entscheidenden Tag in Bukarest im Herbst/Winter 1989 und um die Frage, welche Gegenwart diese Vergangenheit entlässt. Nun, vor allem sie selber – die neue Generation der rumänischen Filmemacher, für die Revolution und das eigene Erwachsenwerden zusammenfielen.

Nun aber hat Muntean einen Film über jene Katastrophen gemacht, gegen die Revolutionen, selbst blutige, vergleichsweise harmlos sind. Denn wie viel Handelnkönnen und -wollen, wie viel Hoffnung und Horizont geht da mit. Wie viel Weltuntergang aber liegt in der Mitteilung „Du, ich habe da jemanden kennengelernt!“, gesprochen – halbnahe Plansequenz! – in der alltäglichsten Situation vorm Küchenschrank, im beiläufigsten Tonfall, weil Paul (Mimi Branescu) alle anderen Varianten unpassend schienen. Ein solcher kurzer Satz nur, und ein ganzes Leben ist zu Ende.

Wie reagiert man angemessen auf eine solche Mitteilung? Wahrscheinlich genau wie Pauls Frau Adriana (Mirela Oprisor). Sie legt einen Löffel in den Schrank, sehr sorgfältig. Vielleicht ist es der letzte Löffel, der noch im Bewusstsein eines gemeinsamen Lebens abgewaschen wurde.

Bewusstsein ist Weile. Und wir erleben – noch immer interniert in nämlicher Plansequenz – den quälenden Versuch Adrianas mit, diese Nachricht in die Kontinuität ihres Gestern, Heute und Morgen zu integrieren. Das hat eine ungemeine Wucht und einen Fortgang, der den Zuschauer endgültig als Geisel nimmt. Denn in der ersten Filmhälfte war er durchaus noch sehr frei, auch zur Beantwortung der Frage: Muss ich das eigentlich sehen?

Da ist diese achtminütige PlansequenzBettszene am Anfang – Paul und Raluca nach dem Beischlaf und vor dem nächsten. Nun gut. Sie fühlen sich leicht und weltenthoben, der Zuschauer nicht unbedingt. Raluca ist die junge Zahnärztin von Pauls Tochter. Dann die Plansequenz Zahnarzt: Pauls Tochter bekommt eine neue Zahnspange. Dauert sehr lange. Und Vater, uninformierte Mutter und Geliebte schauen einträchtig in den Mund des Kindes. Und wieder die Frage: Muss ich das eigentlich …?

Ja, doch, unbedingt. Paul sagt, vor allem will er niemandem wehtun. Ein solch therapeutischer Vorsatz liegt dem Regisseur fern. Wehtun ja, und zwar mit höchster Präzision. Das ist die Rechtfertigung der Kunst.

fsk und Krokodil (beide OmU)

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