Kultur : Denken heißt scheitern

In den Kulissen von Cambridge: Angelika Meiers Wissenschaftsfarce „England“

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Wer viel über das Leben weiß, dem wird es nicht unbedingt leichter fallen. Wer die Philosophie verstanden hat, wird sie vielleicht aufgeben – das wünschte sich Wittgenstein. Und wer die Spielregeln der Literatur überblickt, wird sich hüten, sie allzu beflissen zu erfüllen.

Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Angelika Meier hat über die Grenzbereiche des Schreibens geforscht, wo Philosophie in Literatur umschlägt und Literatur in Wahnsinn. Ihre Dissertation zu Derrida und Wittgenstein heißt „Die monströse Kleinheit des Denkens“ und erklärt in monströsem Umfang das aporetische Verhältnis von Leben, Literatur und Philosophie. Darüber hinaus brachte Meier die Seiltänze des Geistes in einen außergewöhnlichen Roman.

„England“ beginnt, wo die Philosophie begann, in Griechenland, allerdings zwischen sich sonnenden Touristen am Strand. In einer langen Rückblende erzählt Valentine, eine Nichtschwimmerin, die Geschichte ihres Scheiterns als Nachwuchsforscherin in Cambridge.

Cambridge ist eine Kulissenstadt, die ihre äußere Rechtfertigung vor allem aus den Touristengruppen zieht, durch die sich die neue Lehrkraft ihren Weg bahnen muss. Die Verhaltensweisen des Personals sind schwer durchschaubar. „Seltsamerweise trugen sie alle, Männer wie Frauen, Reitkleidung, und ich fühlte mich in meinem Talar, den ich zwar schon aus Gründen der Informalität offen gelassen hatte, etwas klerikal unter ihnen.“

Philosophiert im engeren Sinn wird in diesem Cambridge nicht, dafür viel Tee und Whisky getrunken und drei Monate Winterschlaf gehalten. Das Seminar trainiert lieber für den „Great Court Run“, als sprachphilosophische Probleme zu diskutieren, und den Höhepunkt des akademischen Jahres bilden die „Bill-Gates-Lectures“. Die Ökonomisierung der Hochschulen als absurde Lachnummer.

Es ist eine elaborierte Campus-Satire, die hier zur Aufführung kommt, eine Wissenschaftsfarce, ein Abenteuermärchen und ein verhinderter Kriminalroman. Darin treten auf: ein Rektor mit Magnum-Schnurrbart; Ludwig Wittgenstein, ein schrulliger Lehrmeister in den norwegischen Wäldern; und ein umkämpfter Koffer, der das Werk eines unbekannten Sprachphilosophen aus dem 17. Jahrhundert birgt. Mit dessen Edition soll Valentine Karriere machen.

Nun ist Valentine von ähnlich geringer Bodenhaftung wie Karl Roßmann in Franz Kafkas „Amerika“. Wie dieser leidet auch sie unter einer übergroßen Aufmerksamkeit für Details, in der die Gesamtzusammenhänge diffundieren. Noch in höchster Eile registriert sie eine „lächerlich romantisierende Säulenpompfassade“. Die Erzählung ist eine Aneinanderreihung von Übersprungshandlungen, ein Aufschub von Showdowns, deren Eintreffen dann wieder jeder Erwartung spottet. Die Sprache ist so klar, dass sie oft nichts erklärt. Es gibt wunderbare Metaphern, die mit Lust in überdehnte Bilder oder Kalauer kippen („Fünf Monate lang glich ein Tag dem anderen wie das Ei dem Columbus“).

So ist auch sprachlich und erzählerisch durchgespielt, was Valentine erlebt: das beflissene Bemühen um Angleichung an Allgemeinplätze und äußere Ansprüche, das zuverlässig ins Scheitern führt. Es ist ein verrücktes Schreiben, in dem nichts zur Deckung kommt, da sich nichts Normales als Maßstab bietet. Es gibt Märchenszenen, Kinderverse, Anspielungen auf Fernsehserien, auf The Smiths und wieder und wieder auf Wittgensteins Philosophie. Ein bisschen Tim und Struppi ist wohl auch dabei.

Meier reiht sich gerade nicht in die Tradition der campus novel wie von David Lodge. „England“ ist der Roman von einer, die die Romanform zu ernst nimmt, um sie ernst nehmen zu können. Ein großer Spaß für alle, die über die Zwanghaftigkeiten des Denkens lachen können.

Angelika Meier: England. Roman.

Diaphanes Verlag,

Zürich/Berlin 2011. 328 Seiten, 19,90 €.

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