• Der Amerikaner David S. Landes erklärt, warum Europa bei der wirtschaftlichen Entwicklung die Nase vorn hatte

Kultur : Der Amerikaner David S. Landes erklärt, warum Europa bei der wirtschaftlichen Entwicklung die Nase vorn hatte

Dietrich Creutzburg

Warum Europa? Es ist eine der ganz großen Fragen der Sozialwissenschaft, warum ausgerechnet dieser im Mittelalter scheinbar so rückständige Kontinent die industrielle Revolution hervorgebracht hat. Warum haben gerade seine Menschen mit ihren Entdeckungsreisen und der darauf folgenden Kolonialherrschaft der ganzen Welt ihren Stempel aufgedrückt - während etwa zur gleichen Zeit ein Riesenreich wie China in relativer Bedeutungslosigkeit versank?

Die Zahl der möglichen Antworten entspricht dem Anspruch der Frage. Die einen drohen sich auf der Suche nach der Ur-Ursache in historischer Unendlichkeit zu verlieren. In diese Richtung weist der Befund, dass Europas kleinteilige, Pluralität und Wettbewerb fördernde Machtstrukturen vor allem auf eine kleinteilige Geographie zurückzuführen seien. Einem anderen Extrem zufolge ist schon die Frage falsch gestellt. Das Wort vom "europäischen Wunder" sei schon deshalb unzulässig, weil es von einem für andere Kulturen völlig fremden Begriff des Fortschritts ausgehe.

David Landes folgt in seiner großen Wirtschaftsgeschichte über "Wohlstand und Armut von Nationen" dem Ziel der Ausgewogenheit. Sie ist dennoch eurozentristisch, weil es auch für den renommierten Wirtschaftshistoriker keinen Zweifel gibt, dass die Entwicklung Europas seit dem Mittelalter eine eigene Qualität hatte, die sich als prägend für die heutige Zivilisation ansehen lässt. Landes verengt seinen Blick allerdings nicht auf den "Alten Kontinent", sondern geht ausführlich den Fragen nach, weshalb China, Lateinamerika, Japan andere Entwicklungen nahmen.

Landes ist nicht der Autor, der provoziert und theoretische Diskurse auf die Spitze treibt. Ihm liegt viel daran zu betonen, dass stets ein Bündel von Ursachen - geographische, klimatische, politische und ökonomische - für die Weltläufte verantwortlich zu machen sei. Auf eine Rangordnung der Erklärungsansätze legt er sich erst im zweiten Schritt fest: "Die Kultur macht den entscheidenden Unterschied."

Landes lässt ökonomische Argumente dennoch gelten. Etwa bei der Frage, warum die industrielle Revolution ihren Anfang in Großbritannien und nicht etwa in Indien nahm, obwohl Indien in der Verarbeitung von Baumwolle im 17. und 18. Jahrhundert eine führende Rolle spielte. Angesichts eines dort überaus flexiblen Arbeitskräfteangebots, so seine Erklärung, war der Anreiz vergleichsweise gering, für eine Ausweitung der Produktion auf technischen Fortschritt zu setzen. Doch ein kulturelles Element kommt auch hier hinzu: Anders als in Großbritannien galt schwere Arbeit in Indien nicht nur als zweckmäßig, sondern auch "als das normale Los jedes Arbeiters."

Landes kann dafür mit Max Weber einen Kronzeugen benennen: Weber hat bereits 1920 mit seinen Aufsätzen zur Religionssoziologie akribisch aufgezeigt, inwiefern die protestantische Ethik die Entstehung einer kapitalistischen Wirtschaft begünstigt haben könnte - sie verwies die Menschen auf Bewährung im weltlichen Leben und vermittelte individuelle Anreize, Kapital zu akkumulieren. Das, so die Überlegung, lieferte einen wesentlichen Antrieb für den Übergang von einer Subsistenzwirtschaft zu Strukturen industrieller Produktion.

Wer die verschiedenen Ansätze gegeneinander abwägt, stellt schnell fest, dass ein einzelnes Argument nie eine zufrieden stellende Erklärung liefern kann. Auch der Verweis auf den Faktor Kultur fordert die Frage nach den Vorbedingungen heraus. War es in Europa nicht der über Jahrhunderte unentschiedene Konflikt zwischen Kirche und weltlicher Macht, welcher der protestantischen Ethik den Weg bereitete? Und wird man hier bei der Suche nach Antworten nicht in letzter Konsequenz wiederum auf geographische Ansätze verwiesen? Oder noch allgemeiner: Was leistet neben den ethisch-kulturellen und politisch-historischen Überlegungen eine ökonomisch geprägte Theorie, die sich auf die Entstehung von Verfügungsrechten und die Verminderung von Transaktionskosten konzentriert?

Wer sich in diesen Fragen Aufklärung wünscht, wird beim Lesen der 29 Kapitel ungeduldig auf die Schlussfolgerungen warten und auch am Ende nicht alle Antworten in der erhofften Klarheit erhalten haben. Anders als Eric L. Jones ("Das Wunder Europa") oder Douglas C. North ("Theorie des institutionellen Wandels") hat Landes hat seine Weltgeschichte nicht einer theoretischen Fragestellung untergeordnet. Umso eher kann das Buch als ein anschauliches Standardwerk der globalen Wirtschaftsgeschichte gelten.David S. Landes: Wohlstand und Armut der Nationen. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Enderwitz, Monika Noll und Rolf Schubert. Siedler-Verlag, Berlin 1999. 704 Seiten. 68 DM.

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