Kultur : Der Apfelmann hilft

Überall Jahrhundertfluten, auch in New York: Nathaniel Richs Roman „Schlechte Aussichten“.

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Den Roman dieses Sommers hat, jedenfalls aus deutscher Sicht, ein 33-jähriger US-Amerikaner namens Nathaniel Rich geschrieben: Sein Roman „Schlechte Aussichten“ handelt von einer Art Jahrhundertflut infolge apokalyptischer Regenfälle. Nur dass statt Dresden oder Deggendorf das für Apokalypsen aller Art prädestiniert scheinende New York untergeht.

Dass sich dort kurz vor Erscheinen von „Odds Against Tomorrow“, so der Originaltitel, in den USA der Hurrican „ Sandy“ austobte, bescherte Rich in den USA viel mediale Aufmerksamkeit. Zumal sich der gebürtige New Yorker mit seinem Wahl-Wohnsitz New Orleans als Apokalypse-affiner Autor bestens verkaufen lässt. „Schlechte Aussichten“ wirbt dann auch schon auf dem Cover mit Roland-Emmerich-würdigen Szenen.

Es beginnt zwar gleich mit einem schweren Erdbeben in Seattle – dennoch wäre Richs intelligenter und ironischer Near-Future-Roman als Vorlage für einen Katastrophenfilm nur bedingt brauchbar. Ist doch sein eigentliches Thema die literaturwürdige Frage, wie man angesichts einer Zukunft lebt, in der es statt Verheißungen nur noch Bedrohungen und Risiken gibt. Und ob man, wie angeblich von Luther empfohlen, dem Weltuntergang zum Trotz noch ein Apfelbäumchen pflanzen sollte.

Eine Frage, die sich im Roman Mitchell Zukor stellt. Richs Hauptfigur ist ein „Quant“, ein Zahlenfex, dessen Fantasie zwanghaft Worst-Case-Szenarien produziert, er ist die personifizierte Katastrophenangstlust der Medienwelt. Dabei besteht zwischen Mitchells Ängsten und seiner Beschäftigung mit Wahrscheinlichkeitstheorie ein Zusammenhang: „Mein Problem ist die Neugier … Ich wünschte, ich würde mich nicht im Mindesten für Plattentektonik und Nuklearkriege interessieren, aber leider ist das Gegenteil der Fall. Also finde ich immer mehr heraus. Und je mehr ich herausfinde, umso mehr wächst meine Angst.“

Als Angestellter eines Finanzberatungsunternehmens in Manhattan soll Mitchell ausrechnen, was das Leben jedes Angestellten im Katastrophenfall wert wäre. Denn im Roman werden seit der Zerstörung von Seattle US-Firmen massenhaft von den Angehörigen ums Leben gekommener Angestellter verklagt. Bei seiner Arbeit stößt Mitchell auf eine geheimnisvolle Firma, die mit der Anzeige wirbt: „Finden Sie heraus, was die Zukunft Sie kosten wird“.

FutureWorld, so ihr Name, verspricht Unternehmen Schutz vor Katastrophenszenarien: indem sie Empfehlungen zur Vorsorge ausspricht – und, wichtiger, im Ernstfall vor Gericht als bezahlter Sündenbock einspringt, auf den alle Ansprüche abgewälzt werden können. Nur dass sich FutureWorld in diesem Fall auf eine Gesetzeslücke berufen würde: „Niemand zahlt irgendetwas“, bekommt der verblüffte Mitchell von Alec Charnoble, dem Chef dieser Firma, zu hören.

Rasch wird Mitchell von Charnoble abgeworben, ist er doch für FutureWorld mit seinem Talent, den Leuten Angst zu machen, da er selber von Angst erfüllt ist, der ideale Vertreter – ein „geborener Terrorist“, in Charnobles Worten. Das Geschäft boomt, doch Mitchells große Stunde als moderne Kassandra schlägt, als sich nach einer langen Dürre ein Supersturm über der Ostküste ergießt, dessen Folgen er als Einziger vorhersieht – weshalb allein seine Klienten ihre Angestellten retten können. Und die Medien ihn prompt als „Propheten“ feiern, als „Mann, der aus der Zukunft kam“.

Mitchell kämpft zu diesem Zeitpunkt selbst noch in New York ums Überleben und entdeckt dabei neue Seiten an sich. An die Stelle der Angst ist eine große innere Ruhe getreten, und „wenn er jetzt an die Zukunft dachte, sah er sich einer gähnenden Leere gegenüber.“ Das Kapitel, in dem Mitchell und seine Kollegin Jane in einem Kanu unter einem unfassbar kobaltblauen Himmel durch Midtown Manhattan paddeln, gehört erzählerisch zu den Glanzstücken des Romans. Vor allem den Moment, als sie durch die gespenstisch stille Säulenhalle des Grand Central Terminal gleiten, vorbei an mit Leichen verstopften Treppenschächten, wird man so rasch nicht vergessen.

Nur dass dann Treibsand in die gut geölte Romanmaschinerie gerät: Wieder auf dem Trockenen, fährt Mitchell, Jane im Schlepptau, nach Maine, um seine Brieffreundin Elsa zu suchen – die er aber nicht findet, weshalb das Duo wieder nach New York zurückkehrt. Elsa ist eine Figur mit erzählerischem Potenzial. Nur weiß Rich damit wenig anzufangen: Sie leidet am seltenen Brugada-Syndrom und könnte jederzeit einen plötzlichen Herztod erleiden.

Statt sich eine Wohnung nahe eines Krankenhauses zu suchen, zieht Elsa aufs Land und gründet eine Farm zur Selbstversorgung. Ein Projekt, das grauenhaft scheitert, aber von Mitchell im verwüsteten New York fortgesetzt wird. Vom Angsthasen über den Propheten zum Extrem-Urban Gardener quasi – womit wir wieder bei Luther und dem Apfelbäumchen wären. Oliver Pfohlmann

Nathaniel Rich: Schlechte Aussichten. Roman. Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel. Klett-Cotta, Stuttgart 2013.

370 Seiten, 21,95 €.

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