Der Ausnahme-Kritiker: Doku über Michael Althen : Sehen ist Sein

"Was heißt hier Ende?“: Dominik Grafs sensible Dokumentation würdigt den früh verstorbenen Filmkritiker Michael Althen.

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Gebannt. Michael Althen 2010 – ausnahmsweise nicht im Kino, sondern im Deutschen Theater Berlin.
Gebannt. Michael Althen 2010 – ausnahmsweise nicht im Kino, sondern im Deutschen Theater Berlin.Foto: Arno Declair

Was für eine zarte, seelen- und geistesverwandte Hommage! Sogar den Filmtitel hat Dominik Graf sich bei dem Gegenstand seiner nachgetragenen Freundesliebeserklärung ausgeliehen. In seinem Buch „Warte, bis es dunkel ist“ (Blessing Verlag, 2002), einer Sammlung frei vagabundierender Feuilletons über das Kino, erklärt sich Michael Althen das Verschwinden des Worts „Ende“ aus den Filmabspännen so: „Was heißt hier Ende, wenn das Glück der Liebenden gerade beginnen soll? Und was heißt hier Ende, wenn es doch um den Beginn einer wunderbaren Freundschaft geht?“

Tatsächlich durchweht und prägt nicht Ende – das plötzliche Lebensende dieses herausragenden Filmkritikers mit 48 Jahren am 12. Mai 2011 – Grafs Dokumentation über Michael Althen, sondern Gegenwart. Seine Eltern, die ihn nach Kräften förderten, kommen mit warmherzigen, hellen Erinnerungen zu Wort. Seine Witwe und die beiden jungerwachsenen Kinder sprechen in inniger Nähe über ihn, als sei der so lebensbejahende Cineast nur in einen schönen Film verreist. Und auch bei den beruflichen Gefährten, ob Regisseure oder Kritiker, halten sich das Bedürfnis zur ergründenden Hommage und die Lust an der mitunter abenteuerlichen Anekdote die Waage.

Schwärmerische Nachtschreiberei

Was heißt hier also Ende, wenn die schreiberische Nachtschwärmerei, oder genauer: die schwärmerische Nachtschreiberei Althens, sein Horror vor „kalt“ geschriebenen Nachrufen und die langen Münchner Abende im Schumann's beschworen sein wollen? Was heißt schon Ende, wenn der „Robert Redford der Filmkritiker“, wie sein einstiger „SZ“-Kollege Milan Pavlovic ihn nennt, über die Festivals von Cannes oder Venedig streunt oder durch seine Lieblingsstadt Paris – und wenn er, hübsch selbstironisch, der wuchernden DVD-Stapel in seiner Berliner Wohnung nicht Herr wird? Ganz entschieden feiert Dominik Graf, da mag seine eigene Offstimme noch so melancholisch tönen, in wunderbarer Polyphonie ein glückliches, sich fühlbar selbst erfüllendes Leben.

Bereits mit Anfang zwanzig stieß Michael Althen, aufgewachsen in Unterhaching, als freier Filmkritiker zur großen „SZ“ – als einer der jungwilden Liebhaber des US-Kinos, die nicht mehr alles bloß durch die politsoziologische Brille sehen wollten. Und als er knapp zwanzig Jahre später ein Berliner Büro der „FAZ“ bezog, sah ihn sein Münchner Kollege Stephan Lebert als Anführer eines Rudels, das sich von der „SZ“ in den Rest der Republik verstreute. Noch auf dem Flughafen habe der damalige „SZ“-Chefredakteur, erinnert sich Lebert, Althen mit einem prächtigen Angebot zum Bleiben bewegen wollen – vergeblich, der Vertrag mit der Konkurrenz war bereits unterschrieben.

War Michael Althen ein Star? Er verhielt sich nicht so, er zielte aufs Leise, zur Partizipation freigegeben in freundlichem Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz. War das späte 20. Jahrhundert – noch gab es kein Internet, kein inflationäres journalistisches Prekariat – ein Paradies fürs Feuilleton? Zumindest für seine wichtigen Autoren; aber das ist, mit Abstrichen, heute nicht anders. Und vielleicht tönen auch die Pauschalverrisse, mit denen Regisseure wie Romuald Karmakar („Abgeschlafft!“) oder Wim Wenders („Es gibt nicht mehr dieses Gefühl: ,Du bist gesehen worden‘“) die heutige Filmkritik geißeln, etwas überzogen.

Althen verstand und erfühlte die Filmkünstler

Verstanden, auch erfühlt werden wollen Künstler zu allen Zeiten – so gesehen, war Althen, der sogar seine Einwände im Detail in grundsätzlicher Liebe zum Kino vortrug, ihr perfektes Medium. Auch wechselte er die Seiten, drehte zwei Filme (mit Dominik Graf) und suchte Inspiration in verwandten narrativen und visuellen Künsten, dem Theater und der Malerei. Zu den eindringlichsten Momenten von „Was heißt hier Ende?“ gehören die Passagen über den Informel-Maler Nicolas de Staël, der sich 1955 in Antibes das Leben nahm. Mit dessen Werk - davon zeugt ein unvollendetes Filmprojekt - hat sich Althen so leidenschaftlich anverwandelnd beschäftigt wie mit seinen liebsten Filmen und Filmfiguren.

Eine anregend schillernde Dokumentation ist Dominik Graf gelungen, die auf die unverwechselbare, sanft in die Filmgeschichte entgleitende Figur Althen ebenso neugierig macht wie auf das facettenreiche, fragile Selbstverständnis der Filmkritik überhaupt. Althen verstand sich als sensibler Vermittler, eher als Nachdichter denn als Kunstrichter, und in seinen schönsten Texten gehen Sehen und Sein und Vergehen schwerelos ineinander über. Wie schreibt er, in „Warte, bis es dunkel ist“, über den magischsten Moment im Kinosaal?

„Irgendwann wird es wirklich dunkel, und dann betrittst du jene Welt, die von Anfang an auf dich gewartet zu haben scheint. Nicht immer funktioniert es beim ersten Mal. Dann muss man warten, bis der Film in einem wächst, bis er wie eine Seerose auf der Oberfläche deines Bewusstseins schwimmt und sich seine Wurzeln irgendwo tief im schwarzen Wasser um dein Herz schlingen. Dann musst du dir die Filme nicht mehr erträumen, die du siehst, und nicht mehr warten, dass das Kino zu dir spricht, sondern greifst nach jenem Funkeln, das auf den Samt einer ewigen Nacht gebettet scheint.“

In Berlin in den Kinos Filmkunst 66 und fsk am Oranienplatz

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