Der Berliner Elfenbein Verlag : Einmal volltanken bitte

Englische Geheimtipps, portugiesische Klassiker und jede Menge Gegenwartsliteratur: Der Elfenbein Verlag wird 20 Jahre alt. Ein Besuch bei Gründer Ingo Držečnik.

Tobias Schwartz
Ingo Držemnik gründete den Elfenbein Verlag mit einem Studienfreund.
Ingo Držemnik gründete den Elfenbein Verlag mit einem Studienfreund.Foto: Thilo Rückeis

Groß gefeiert wird nicht. Trotz zwanzigstem Geburtstag. „Das wäre zu früh“, sagt Ingo Držečnik  beim Mittagssnack. Der gebürtige Bruchsaler ist Verleger des kleinen Elfenbein Verlags, der 1996 das Licht der Welt erblickte. Treffpunkt ist ein Italiener in Prenzlauer Berg, nahe den Verlagsräumen in der Gaudystraße. Man kennt Držečnik, er kommt öfter mit Autoren her. „Nein, keine Feier“, betont der 45-Jährige. „Da schmeißt man doch vor allem Geld raus. Ich will lieber weiter schöne Bücher machen und für Powell brauche ich auch Reserven …“

Anthony Powell. Das ist das Stichwort. In seiner Heimat genießt der Brite (1905–2000) mit seinem Upper-Class-Panorama-Roman „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ längst Klassiker-Status. In Deutschland kannte ihn kaum jemand – bis der Elfenbein Verlag die Herkulesaufgabe übernahm, sein zwölfbändiges Hauptwerk zu übersetzen (sukzessive bis 2019). Bis ins „Literarische Quartett“ hat er es damit gebracht. „Wir kommen jetzt in die fünfte Auflage“, sagt Držečnik.

Gegründet wurde Elfenbein in Heidelberg von den damaligen Germanistikstudenten Ingo Držečnik und Roman Pliske, die die inzwischen im Verbrecher Verlag unter neuer Ägide wiederbelebte Literaturzeitschrift „metamorphosen“ herausgaben. Gedichte des Lyrikers Andreas Holschuh, die zum Abdruck in den „metamorphosen“ vorlagen, beeindruckten die beiden so sehr, dass sie daraus unbedingt ein Buch machen wollten. Die Studenten verkauften sogar ihre Autos, um Geld in der Hand zu haben. „Das waren ein alter Fiat Uno und ein klappriger Golf“, erinnert sich Držemnik und lacht. „Es war zunächst nur ein Spaß. Wir hatten nicht ernsthaft vor, einen Verlag zu gründen.“

Doch sie werden bedrängt, weiterzumachen. Vor allem durch konkrete Buchvorschläge. Schon im ersten Jahr nach der Gründung beziehen sie einen Stand auf der Frankfurter Buchmesse. Gastland: Portugal. Elfenbein präsentiert neben sieben Titeln mit deutscher Prosa und Lyrik zwei portugiesische von António Botto und José Riço Direitinho – und gilt bald als heißer Tipp für Portugiesisches. Heute, im Geburtstagsjahr, ist ein 1999 begonnenes Großprojekt erfolgreich abgeschlossen: eine zweisprachige kommentierte Ausgabe der Werke von Luís de Camões, Portugals Nationaldichter – ein Projekt, dem der Übersetzer Hans-Joachim Schaeffer sein halbes Leben widmete. Leider starb er kurz vor der Publikation des letzten Bandes, aber immerhin erfuhr er noch vom Gelingen.

Gedruckt werden die Bücher in Tschechien, das ist günstiger

Zurück nach Heidelberg. 1998 bezieht der junge Verlag, bei dem es sich bis heute um eine GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts), also nicht um eine GmbH oder anderweitige Kapitalgesellschaft handelt, ein ehemaliges Tankstellenwärterhäuschen im Zentrum des Neckarstädtchens. Fortan sind Držečnik und Pliske „die zwei von der Tankstelle“. Von Beginn an lässt Elfenbein seine Bücher in Tschechien drucken, da ist es billiger. Pro Halbjahr erscheinen drei Titel, manchmal mehr. Der Vertrieb wird professionalisiert und ausgegliedert. Gleich mit der Gestaltung des ersten Titels, der Holschuh-Gedichte im Hardcover mit Schutzumschlag und farbig bedrucktem Vorsatz, setzt das Duo einen Maßstab, der bis heute eingehalten wird. Die wunderschönen Bücher lassen sich hier nicht alle aufzählen, unbedingt zu erwähnen sind aber die Liebesgedichte Pierre de Ronsards, der auf kostbarem Papier namens Avorio (Elfenbein!) gedruckte D’Annunzio-Band „Alcyone“ und natürlich die in schwarzes Leinen gebundene Klabund-Werkausgabe in acht Bänden, ein Prestigeobjekt des Verlags, dessen Programm heute Griechen, Italiener, Franzosen, Katalanen, Tschechen, Ungarn und Deutsche wie Alban Nikolai Herbst, Christoph Klimke oder Isabelle Azoulay umfasst.

Im November 2001 geschieht das Unvermeidliche: Umzug in die Literaturmetropole Berlin. Unvermeidlich? „Nein“, sagt Držečnik, der den Verlag inzwischen alleine leitet, da Pliske zum Mitteldeutschen Verlag nach Halle gewechselt ist. „Es gab keinen Zwang, nicht einmal einen akuten Anlass. Ich wollte nach Berlin ziehen. Als Einstand haben wir dann eine Neuausgabe von Peter de Mendelssohns Roman ,Fertig mit Berlin’ präsentiert.“ Seine Freundin nahm er gleich mit, sie ließen sich in Prenzlauer Berg nieder und gründeten eine Familie. Außerdem eröffnet Držečnik in der Gaudystraße die „Elfenbein Literaturhandlung“, die neben eigenen Büchern auch die anderer Kleinverlage verkauft. Das Glück scheint perfekt.

Über 130 Titel sind inzwischen im Elfenbein Verlag erschienen

Wie schafft man das? Kann man davon leben? Die Buchhandlung – ein schöner Ort, an dem auch Lesungen stattfanden – hielt sich nicht sehr lange. Vielleicht hatte Držečnik die falsche Straßenecke erwischt (wenig Laufpublikum), vielleicht aber ist auch der Bedarf an einem exklusiveren Literaturangebot selbst in einem wohlhabenden Bezirk wie Prenzlauer Berg gar nicht so groß. Auch ernährt der Verlag weder seine verschiedenen freien Mitarbeiter (Übersetzer, Herausgeber, Lektoren) – Festangestellte gibt es ohnehin nicht –, noch seinen Verleger, der halbtags einem Brotberuf nachgeht. Anfangs musste er sogar Schulden machen.

Abgesehen von anfallenden Spesen, die abgezogen werden, verwendet er Gewinne ausschließlich für neue Projekte. Über 130 Titel sind es inzwischen. Auch E-Books soll es früher oder später geben. Jedenfalls blickt Držečnik trotz aller Hindernisse optimistisch in die Zukunft. Und in fünf Jahren, zum 25-jährigen Bestehen, soll dann doch eine große Feier steigen.

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