Kultur : Der Geist, der stets vereint

18.01.2012 00:00 UhrVon Rüdiger Schaper
Kermit kämpft . Der neue Film mit den „Muppets“ läuft ab Donnerstag im Kino. Foto: dpa Foto: dpa
Kermit kämpft . Der neue Film mit den „Muppets“ läuft ab Donnerstag im Kino. Foto: dpa - Foto: dpa

They never come back!? Was für Boxer gilt, das gilt für die „Muppets“ nicht. Sie sind jetzt mit einem neuen Film wieder im Kino.

Bist du ein Muppet oder bist du ein Mensch? Hast du Fell oder Haut? Wo hört die Kindheit auf, wann beginnt das Erwachsenenleben, wer bestimmt darüber? Muss man sich wirklich irgendwann für das eine oder das andere entscheiden?

Das sind Fragen, die man vielleicht gar nicht beantworten will. In der Identitätskrise bieten Jim Hensons legendäre Geschöpfe Trost. Bei den berühmtesten Puppen des Planeten ist jeder willkommen, gleich welchen Alters, Aussehens, welcher Hautfarbe, Überzeugung oder Größe, kurz: Kermit & Co. verkörpern eine freie, gerechtere, lustige, anarchische Welt. Die Muppets und ihre Freunde aus der „Sesamstraße“ haben das historische Verdienst, dass Eltern eine angebliche Kindersendung einschalteten, weil sie selbst scharf drauf waren.

Sie waren Helden einer Kindheit, die nicht enden will; Struwwelpeter des Pop.

Die Geburtsstunde der pelzigen Entertainer liegt in den Sechzigern, die Muppets sind Blumenkinder – „alter Hippie- Quatsch“, wie ein TV-Produzent im neuen Film der „Muppets“ meint, als ihn die bunte Truppe wegen eines Comebacks bestürmt. Ein anderer kennt sie wohl gar nicht mehr, und bei einer Oberzicke von Programmchefin dringen sie schließlich nur deshalb durch, weil dem Sender soeben eine billige Reality-Show platzt. Da kommen die Altstars Fozzy Bär, das Tier, Miss Piggy, Gonzo als Lückenfüller im rechten Moment.

Vergessen waren sie nie, aber verschwunden. Ihr letzter Kinoauftritt liegt dreizehn Jahre zurück, und bei aller Wiedersehensfreude muss man sagen, dass die neuen „Muppets“ tatsächlich wie Pensionäre behandelt werden. Regisseur James Bobin, ein britischer Comedy-Spezialist, und seine Drehbuchautoren Nicholas Stoller und Jason Segel („Nie wieder Sex mit der Ex!“) packen die Puppen in Zuckerwatte. Bevor die Story beginnt – und dieser Film hat zu viele Parallelgeschichten – wird das idyllische Kleinstadtamerika im Stil eines quietschigen Musicals gefeiert. Die Brüder Gary und Walter leben hier, in Smalltown. Gary ist ein Schrank von Kerl, Walter ein pelziges Wesen, das an Sesamstraßen-Ernie erinnert, nur viel braver. Walter liebt die Muppets über alles, weiß aber noch nicht, dass er selbst einer von ihnen ist.

Es ist die Geschichte eines, seines Coming-outs. Es ist auch die Liebesgeschichte von Gary und Mary, die auf eine harte Probe gestellt wird. Das kennt man, die Frau („Die Muppets oder ich!“) gibt immer nach. Die Hauptstory führt zu den alten Muppets-Studios in Los Angeles. Ein mieser Investor will sie plattmachen, um nach Öl zu bohren. Was gibt es Tristeres als ein Theater, das seine Seele aushauchen muss? Was wäre ergreifender als ein altes Starensemble, das sich noch einmal in höchste Höhen aufschwingt, die besten Nummern auspackt, wieder zu sich selbst findet, um das Unheil abzuwenden?

Es ist ein typisches Disney-Produkt, überladen und hohl zugleich. Man würde so gern mehr Zeit mit Kermit und seinen Leuten im Theater verbringen, es geht alles viel zu schnell; die Proben zur Spendengala, die den Rückkauf der Studios finanzieren soll, die neuen Nummern („Smells like Teen Spirit“ von Nirvana als Barber-Shop-Einlage). Zeit, das ist mehr als ein paar Spinnweben und Umarmungen beim Wiedersehen. Und was ist aus den alten Stinkefinger-Kritikern Waldorf und Statler geworden? Hier kaum einmal im Bild, und wie milde!

Der neue „Muppets“-Film hat viele Happy Ends abzuarbeiten! Gary und Mary, Kermit und Miss Piggy, Walter und seine neue Familie – dieser Film will so sehr ein amerikanischer Familienfilm sein, so clean, so perfekt, dass vom Geist der Muppets wenig bleibt. Es war ja immer ein Geist, der quält, der stets verneint und doch so viel bejaht. Die lieben Viecher sind hier völlig unverändert, kein graues Haar, kein Bauchansatz, und eben das macht sie alt.

In Pakistan übrigens läuft jetzt eine „Sesamstraße“ an, die Kindern in einem von religiösen Konflikten, vom Fundamentalismus und Krieg bedrohten Land Mut machen will. Zum Lernen, zum Lachen. Und mit ganz neuen Figuren.

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