Kultur : Der krimgotische König

Zum Tod des Dichters und diesjährigen Büchner-Preisträgers Oskar Pastior / Von Richard Wagner

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Am 21. Oktober, einen Tag nach seinem 79. Geburtstag, hätte er in Darmstadt den diesjährigen Georg-Büchner-Preis entgegengenommen. Nun ist er tot, verstorben in Frankfurt während der Buchmesse, wo er gemeinsam mit seiner Kollegin Herta Müller auftreten sollte. Oskar Pastior, ein großer deutscher Schriftsteller, ein Lyriker der ganz besonderen Art. Im Hanser-Verlag, in der Edition Akzente, ist in Einzelbänden in den letzten Jahren eine Werkausgabe erschienen, die das Besondere auf Anhieb sichtbar macht. Herausgegeben wird sie von dem wohl besten Pastior-Kenner, dem Leiter des Berliner Literaturhauses Ernest Wichner, wie Pastior aus Rumänien stammend und selber Poet und Übersetzer.

Pastior ist sicherlich einen weiten Weg gegangen, und zwar stets auch mit dem Wort, dem deutschen Wort. Das aber erscheint nicht ganz selbstverständlich, wenn man Lebenslauf und Schriftstellerlaufbahn nebeneinander legt. Schon ein oberflächlicher Blick erkennt darin eine auffallende Übereinstimmung. Das mag überraschend klingen, weil man den Mann ja zur Avantgarde rechnet, was immer das sein mag, und dabei immer noch den Abstand zu den Realien, welche auch immer die wären, vermutet.

Pastiors dokumentierte Beschäftigung mit dem Wort reicht weit in seine Kindheit hinein. Es ist eine Kindheit in der siebenbürgischen Stadt Hermannstadt, eine, wie man so sagt, behütete Zeit. Die dreißiger Jahre waren in Rumänien durchaus chaotisch, aber auch Basis einer von Ambivalenzen nicht freien Aufbruchstimmung. Pastior stammte aus einer Familie von Siebenbürger Sachsen, er ist Minderheitler, durch Status und Sprache.

Sprachen sind viele um ihn herum, er hört sie, tastet sie ab, fühlt sich in sie hinein. Ihre Wörter durchwandern seine Gedichte, auch viel später noch, klingen im Ohr nach, sagen die Welt an, zumindest die Weltlage. Pastior hat daraus sein eigenes Idiom gemacht, das Krimgotische, das er in einem eigenen Band, in den Liedern und Balladen des „krimgotischen Fächers“, in den Siebzigern dem deutschen Literaturpublikum serviert. Das klingt im Gedicht „Gelsenverreiben“ dann etwa so: „Simtar haische Guggl: Simtsar/Simtsar Guggl haische: Tsimsar/Tsimsar haische: Guggl Tsimtsar/Tsimtsar glaische Tsintsar glaische/waische Guschlwurg Tsintsar (...).“

In der Zeit seiner Kindheit kommt es aber auch zu den bekannten folgenreichen politischen Erschütterungen. Der Nationalsozialismus streckt seine Fühler bis nach Hermannstadt aus, die deutsche Minderheit wird von seinen Parolen mitgerissen, in den Abgrund gejagt. Das Kriegsende bringt die Kollektivschuld mit sich, der blutjunge Pastior wird wie zahllose seiner Landsleute zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion Stalins deportiert. Dieses Erlebnis wird zur grundlegenden existenziellen Erfahrung, zur entscheidenden Kränkung. Pastior erfährt das Menschsein in seiner Reduktion zum Arbeitssklaven im ukrainischen Kohlerevier.

Hier beginnt das große verzweifelte Spiel mit dem Wort, mit den Wörtern, die immer wieder zerfallen und sich von Silbe zu Silbe neu arrangieren, als könnten sie niemals verschwinden. Es ist der Machtlose, der spricht, der nur frei sein kann, indem er eine eigene Sprache spricht. Er sucht seine Existenz, die in der Gefangenschaft nicht lebbar ist, erträglich und verkraftbar zu machen, indem er zu spielen vorgibt, mit der Sprache zu spielen.

Pastior ist in den letzten Jahren explizit auf dieses Erlebnis, auf das Trauma seines Lebens zurückgekommen. Er hat sich entschieden, zusammen mit der Schriftstellerin Herta Müller, die ebenfalls aus Rumänien stammt und deren Mutter ebenso deportiert wurde, in einem autobiografischen Romanprojekt die Erfahrung der Unfreiheit zu schildern. Er hat die Orte seiner Gefangenschaft zusammen mit der Kollegin besucht, entstehen sollte ein Text, der wohl in ganz anderer Weise der Realität beikommen wollte. Hatte er das Bedürfnis, doch noch aus dem Versteck des Spiels herauszutreten?

Es handelt sich schließlich um ein Spiel, das ihm auch nach seiner Entlassung aus dem Lager und seiner Rückkehr nach Rumänien Beistand und Ausdrucksweise war. Kam er doch in den rumänischen Stalinismus zurück, wo er sich zunächst einmal an den offiziellen Diskurs anpasste, er veröffentlichte sogar etliche der Propaganda genehme Gedichte. Parallel dazu und zunächst nur für sich, bald danach aber auch in publizierter Form, in den sechziger Jahren, in der offeneren Zeit des kurzlebigen rumänischen Reform-Kommunismus, stellte er die Weichen für das spätere Werk im deutschen Westen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er in jenen Jahren beim Bukarester Rundfunk, wo er das damals Gängige zur Sprache brachte, während er mit seinen Gedichten gleichzeitig „vom Sichersten ins Tausendste“ schlitterte, ganz Literat, mit dem unverkennbaren Willen, frei zu sein.

Bukarest bot Pastior das Erlebnis der Metropole. Nach dem siebenbürgisch- sächsischen Hermannstadt, das zwar die Anbindung an die deutsche Kultur gewährleistete, aber doch Provinz blieb, war Bukarest in den Sechzigern trotz allem immer noch ein Ort des Kosmopolitismus, an dem man außergewöhnlichen Menschen begegnen konnte, die ein Wissen mit sich führten, nicht zuletzt über Kunst und Literatur, das die Kommunisten gerne ausgelöscht gewusst hätten. Hier lernte er auch die rumänischen Autoren kennen, die er später ins Deutsche übersetzte: Gellu Naum, Marin Sorescu.

Aber es war für ihn, mit den (politischen) Zumutungen des Polizeistaats, kein Ort des Bleibens. Pastior, dem man 1968 eine Reise in den Westen genehmigt hatte, kehrte von dieser Reise nicht mehr zurück. Er blieb im Westen, seit 1968 lebte er in Berlin, in Westberlin. Nun war er tatsächlich frei in der Gestaltung seiner Lyrik wie seines Lebensmodells. Die Jahrzehnte, die folgten, zeigen uns einen konsequenten Dichter, der seine Texte wie Partituren behandelt. Das große Erlebnis war, wenn Pastior seine Gedichte sprach. Mit ihnen im Gepäck reiste er unermüdlich von Ort zu Ort, von Auftritt zu Auftritt. Seine Texte begannen dann ihr zweites Leben: im Mund des Poeten, der sie mit tausend phonetischen Farben, Fällen und Fallstricken in fabelhafte, oft abgründig komische Wortmusik verwandelte. Wie bei dem Radio-Vortrag „Angenommen Agamemnon“ von 2002, den der Deutschlandfunk just an jenem Tag, zu jener Stunde erneut ausstrahlt, da der Dichter stirbt.

Nun ist die Reise zu Ende, achtundsiebzig Jahre alt wurde Oskar Pastior. Es bleibt die Erinnerung an ihn, es bleibt sein Werk, eines der originellsten der deutschen Gegenwartsliteratur.

Richard Wagner, geboren 1952 in Rumänien, lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihm im Aufbau-Verlag der Essay „Der deutsche Horizont. Vom Schicksal eines guten Landes“.

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