Kultur : Der Mann ohne Gegenwart

Als die Bilder schweigen lernten: Aki Kaurismäki und sein neuer Solitär „Lichter der Vorstadt“

Christiane Peitz

Es stimmt ja, dass der Mensch viel redet, obwohl er meist wenig zu sagen hat. Aki Kaurismäki mag es nicht, das Geschwätz der Welt. Deshalb hat er „Lichter der Vorstadt“ gedreht, die Geschichte vom schweigsamen Wachmann Koistinen (Janne Hyytiäinen), der seine einsamen Runden durch die Shopping-Malls von Helsinki dreht und von Menschen umgeben ist, die nicht einsam sind. Es sind immer drei: Kollegen, Gangster, Männerheimbewohner. Meist schweigen diese Trios auch, beim Bier oder beim Kartenspiel. Der einzige Laut, den Koistinen von sich gibt, ist das Klingeln der Schlüssel an seinem Bund.

„Ich bin ein Junge vom Land, ich war an die Stille gewöhnt. Die Städte ertrage ich nicht wegen des Lärms. Helsinki ist der Horror, auch wegen der Neonreklame, diesem Krach für die Augen. Lärm ist deshalb schlimm, weil er die Sinne zerstört. Die meisten Leute ertragen die Stille nicht. Deshalb essen sie Popcorn im Kino – für den Fall, dass es keine Filmmusik gibt.“

Wie soll man mit einem reden, der das Schweigen vorzieht? Aki Kaurismäki ist Ende Oktober zu den Hofer Filmtagen angereist, wegen der Deutschlandpremiere seines Films. Der 49-jährige Finne, der so großartig wortkarge Filme wie „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ oder „I Hired a Contract Killer“ gedreht hat, sitzt im Hinterzimmer des Hotels Strauß, trinkt Wein, raucht Kette und fragt, ob das Interview fürs Radio ist. Nein, für die Zeitung. Prompt rückt Kaurismäki weit weg vom Mikrofon und spricht so leise, dass man jetzt gern ein Hörrohr hätte.

„Zu Stummfilmzeiten war das Kino vollkommen. Der Ton hat die Filmkunst zerstört. Alles hing plötzlich vom Mikrofon ab, die Kamera wurde eingesperrt und konnte sich nicht mehr frei bewegen. Das Kino kam vom Theater, bis Griffith in den 1910er Jahren die Nahaufnahme erfand. Das war großartig: Er zeigte nicht mehr den ganzen Menschen, sondern nur dessen Gesicht. Aber wegen des Tons entwickelte sich das Kino wieder zurück.“

Blaue Augen, schutzloser Blick. Koistinen geht, sitzt, isst, trinkt, schläft, lässt das Leben mit sich geschehen. Auch die wasserstoffblonde Gangsterbraut (nein, nicht Kaurismäkis Lieblingsschauspielerin Kati Outinen, die darf keine unsympathischen Frauen spielen, sondern Maria Järvenhelmi) schaut direkt in die Kamera, mit schmalem, undurchdringlichem Blick. Koistinen verliebt sich auf der Stelle in sie, aber sie will nur die Sicherheitscodes und die Schlüssel fürs Juweliergeschäft. Nach dem Bruch landet Koistinen als vermeintlicher Komplize im Knast. Ein Plot, präzise wie ein Uhrwerk. Bilder wie Chiffren, Menschen wie Statuen, schlichte Verrichtungen, sparsame, gemeißelte Sätze. So konzentriert, so streng war Kaurismäki noch nie.

„Ich brauche den Schauspielern nicht zu sagen, dass sie nicht die Hände ringen und nur minimal spielen sollen. Das wissen sie schon, wenn sie für einen Kaurismäki-Film gecastet werden. Ich flüstere oft, bevor wir drehen. Das bringt die Schauspieler durcheinander. Wenn sie durcheinander sind, sind sie am besten. Ein alter Theatertrick: Schüttle die Schauspieler ein bisschen, dann tun sie etwas, womit keiner rechnet.“

„Lichter der Vorstadt“ ist der letzte Teil von Kaurismäkis Trilogie der Verlierer. In „Wolken ziehen vorüber“ (1996) verliert die Heldin ihre Arbeit. In „Der Mann ohne Vergangenheit“ (2002) verliert der Held seine Existenz und sein Zuhause und findet die Liebe. Jetzt verliert der Held alles: Arbeit, Zuhause, Liebe. Koistinen ist der Mann ohne Gegenwart.

„Die Welt von heute ist die Hölle. Für Fabrikarbeiter war sie auch im 19. Jahrhundert die Hölle, aber der Unterschied ist, dass wir sie heute nicht mehr verbessern können. In den Chefetagen gibt es niemanden mehr, der die Fehler der letzten Jahrzehnte korrigieren könnte. Es gibt nur noch die automatische Bewegung des Geldes. In den Siebzigern hätten wir noch was ändern und selbst in die Parlamente einziehen können. Ich habe damals daran gedacht, Politiker zu werden, aber ich war zu selbstsüchtig. Es hätte mich meine Seele gekostet, und die war mir lieber als die Macht.“

Koistinen ist nicht einsamer als die anderen Kaurismäki-Verlierer. Aber die Indifferenz der Welt ist größer geworden. Lediglich die Imbissfrau schickt Koistinen einen Brief ins Gefängnis. Aber er liebt ja die Blonde, und den Tellerwäscherjob nach seiner Entlassung ist er auch schnell wieder los. Die Gangster mit den dicken Autos und dem dicken Geld schlagen ihn zusammen, jetzt ist er einsamer als der hungrige Hund (Kaurismäkis eigener Hund Paju), der ihm Gesellschaft leistet. Wenn nicht am Ende die Imbissfrau wäre und der Händedruck der beiden – man könnte verzweifeln.

„Es ist nie zu spät. Noch heute Nacht könnten wir anfangen, etwas zu ändern, mit friedlichen Mitteln. Wir könnten zum Beispiel aufhören zu wählen. Wenn niemand mehr wählen geht, müssen sich die Politiker fragen, warum nicht einmal die Opposition noch eine Alternative ist.“

Aki Kaurismäki ist kein Fatalist, sondern Melodramatiker. Er liebt Chaplin und Douglas Sirk und umgibt Koistinens Einsamkeit mit Musik von Puccini, Carlos Gardel oder finnischen Chansons. Wenn seine Filme die soziale Ungerechtigkeit in Szene setzen, mischt sich die Wehmut mit Zorn. Und mit Zärtlichkeit: Immer ist da dieses warme, verklärende, unwirkliche Licht. Dämmerungslicht mit langen Schatten, Spätherbstlicht, Jenseitslicht. Ein bisschen kitschig, wie es die Gleichgültigkeit der Hochhäuser von Helsinki beleuchtet. In Portugal, wo Kaurismäki inzwischen meistens lebt, züchtet er Wein und wohnt in einem Turm.

„Der Turm hat drei Fenster, aber ich habe inzwischen ein viertes eingesetzt, damit ich in jede Himmelsrichtung schauen kann. Im Westen sieht man den Atlantik, im Osten die Berge, im Süden und Norden die Küste und ein paar Häuser. Am liebsten schaue ich aus dem Westfenster, wegen des Meers.“

Eine Farbenpracht. „Lichter der Vorstadt“ lebt von der Grundfarbe Blau. Dazu eine rote oder eine gelbe Wand. Lauter Kinogemälde, arrangiert à la Edward Hopper, mit Eiszapfen an der Überwachungskamera und Sträflingen, die sich im Frühlingslicht drängeln. Das genügt für den Wechsel der Jahreszeiten.

„Ich bevorzuge Blau, Rot und Gelb, weil Grün für das Filmlabor so kompliziert ist. Grün wird auf Zelluloid meistens stumpf. Wenn wir zum Beispiel aus dieser Gaststube einen Kaurismäki-Raum machen wollten, brauchten wir nur die Wände anzustreichen. Die Lampen müssten raus, die roten Vorhänge sind in Ordnung, auch der blaue Teppich und die Holztische können bleiben. Vielleicht sollten wir die Wände besser nur mit Blenden versehen. Das ist ein Prinzip von mir: Zerstöre keine Orte. Wenn wir kommen, machen wir Polaroids vom Drehort, damit wir ihn hinterher wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzen können.“

Seltsamerweise erzählen Kaurismäki-Filme zwar von den Malochern und den Arbeitslosen der Gegenwart, aber die Requisiten stammen aus der Vergangenheit: die wunderschönen alten Autos, die Radios, das Bügeleisen.

„Die meisten dieser alten Dinge gehören mir. Nicht weil ich gerne viel besitze, sondern weil ich diese oft schäbigen Sachen bewahren will. Ich glaube nicht, dass ich Filmemacher bin. Das Kino ist doch nur eine Variante der Fotografie: Fotos mit Drama. Es war einmal eine schöne Kunst, jetzt gibt es nur noch Unterhaltung. Nein, ich bin ein Sammler. Ich sammle Stücke aus der Vergangenheit, Gefühle, Stimmungen. Ich möchte den Augenblick festhalten, der gerade vorübergeht.“

„Lichter der Vorstadt“ beginnt damit, dass drei Arbeiter auf der Straße an Koistinen vorübergehen. Sie reden über große Russen – Tschaikowsky, Gogol, Tschechow – und ihre Vergänglichkeit, es ist die einzige Stelle im Film, in der Menschen sich mit Worten verständigen. Neue Filme schaut sich Kaurismäki kaum noch an, schon immer ging er lieber ins Museum. In den Siebzigern hat er ganze Tage in der Neuen Pinakothek in München verbracht. Aber nicht einmal seinen Lieblingsmaler Goya würde er sich in seinen portugiesischen Turm hängen. Wegen der Höllenwelt, die Goya auf die Leinwand geholt hat.

„Zu Hause will ich ein bisschen Frieden haben, mit meiner Frau, meinen Hunden und meinen Zigaretten. Es genügt, wenn die böse Welt direkt vor der Tür beginnt. Was man nicht ändern kann, braucht man auch nicht zu wissen. Man sollte sich konzentrieren auf das, was man verbessern kann. Alles andere bringt einen um.“

„Lichter der Vorstadt“ läuft in Berlin im Filmtheater Friedrichshain, in der Kulturbrauerei und im Yorck; die untertitelte Originalfassung in den Hackeschen Höfen

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