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Der Oscar-Favorit 2013 : Zwielicht der Demokratie

23.01.2013 16:35 Uhrvon
Im Hinterzimmer der Macht. Daniel Day-Lewis ist Abraham Lincoln, der 1865 mit gekauften Stimmen das Verbot der Sklaverei durchsetzt. Spielbergs Historiendrama ist zwölffach für den Oscar nominiert und startet am Donnerstag in den deutschen Kinos. Foto: Twentieth Century FoxBild vergrößern
Im Hinterzimmer der Macht. Daniel Day-Lewis ist Abraham Lincoln, der 1865 mit gekauften Stimmen das Verbot der Sklaverei durchsetzt. Spielbergs Historiendrama ist zwölffach für den... - Foto: Twentieth Century Fox

Wie Amerika die Sklaverei abschaffte: Steven Spielbergs Politthriller „Lincoln“ mit Daniel Day-Lewis ist nur einer von zahlreichen hochpolitischen Filmen dieser Oscar-Saison. "Django Unchained", "Zero Dark Thirty", "Argo" - sie alle stellen die Frage: Heiligt der Zweck die Mittel?

Kaum auszudenken, wohin das ncoh führen wird, eines Tages, in 100 und noch mehr Jahren. Keine Sklaverei mehr? Dann dauert es nicht mehr lange und die Schwarzen haben gleiche Bürgerrechte, sie könnten Offiziere werden – und am Ende erhalten sogar Frauen das Wahlrecht!

Zwei Mal in diesem Film wird die Zukunft ausgemalt, als Hoffnungsvision, als Schreckensszenario. Als der Vorsitzende des Repräsentantenhauses auf dem Höhepunkt des Showdowns selber mit abstimmen will, begründet er sein außergewöhnliches Ansinnen so: „Das hier ist außergewöhnlich, das ist Geschichte.“ In der Tat ein historischer Moment: Am 31. Januar 1865 stimmen die Abgeordneten auf dem Kapitol über den 13. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung ab, nachdem er neun Monate zuvor bereits den Senat passiert hat.

An diesem 31. Januar wird in Amerika die Sklaverei verboten, ein für alle Mal. Auch der Bürgerkrieg ist bald zu Ende. Zweieinhalb Monate später wird auf Abraham Lincoln, den Mann, dem die USA den Frieden, die Einheit der Nation und den 13. Verfassungszusatz verdanken, ein Anschlag verübt. Er ist der erste amerikanische Präsident, der einem Attentat zum Opfer fällt.

Das Monument wird Mensch: Daniel Day-Lewis spielt Abraham Lincoln. Hohe, hagere Gestalt, noch höhere Fistelstimme, schlenkernde Gliedmaßen. Autoritäten sehen anders aus. Und klingen auch anders. Lincoln redet leise, brütet vor sich hin, grübelt, zögert, gibt selten direkte Antworten, erzählt lieber Geschichten aus seiner Anwaltszeit, Anekdoten, Witze. Wenn keiner lacht, lacht er selber. Als seine Ansprache einmal kein Ende findet, meint er nur: „Ich könnte kürzere Reden halten, aber wenn ich erst mal angefangen habe, bin ich zu faul, aufzuhören.“

Das Monument wird Mensch, liebender Ehemann, fürsorglicher Vater, einsamer Machtpolitiker – und bleibt in Steven Spielbergs 145-Minuten-Historiengemälde über die dramatischen Januartage 1865 doch immer auch ein Denkmal seiner selbst. Lincoln als Silhouette im Gegenlicht, das berühmte, täuschend echt nachmodellierte Profil, Ikonen eines Charismatikers. Dazu die verqualmten Hinterzimmer der Macht, ein legendenumflorter, mythischer Raum.

Oder Lincoln von hinten, so kommt er anfangs ins Bild. Ein schwarzer Unions-Soldat zitiert feierlich seine Gettysburg-Rede über den Grundsatz, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Lincoln als Wegbereiter von Obama-Country – gerade erst hat der 44. Präsident seinen zweiten Amtseid auf Lincolns Bibel abgelegt und erneut die Einheit der Nation beschworen. Scheu, ja ehrfürchtig nähert sich die Kamera dem 16. Präsidenten, diesem Halbgott der Amerikaner, den Walt Whitman mit Jesus Christus verglichen hat, denn auch Vater Abraham starb an einem Karfreitag. Oder Lincoln sitzt aufrecht, mit den Händen auf den Knien oder den Stuhllehnen, ganz so, wie jedes amerikanische Schulkind ihn vom Lincoln-Memorial in Washington kennt. Daniel Day-Lewis spricht unentwegt formvollendete Sätze, mit melodischem Bogen, feinem Rhythmus und tiefem Sinn – als stünden hinter dem Vorhang die Geschichtsschreiber und notierten jedes seiner Worte. Und als wollte der 55-jährige britisch-irische Star die Oscar-Academy auf sich aufmerksam machen: Seht her, habe ich nicht meinen dritten Goldjungen verdient, nach „Mein linker Fuß“ und „There Will Be Blood“?

Spielbergs Kostümepos ist mit zwölf Nominierungen Oscar-Favorit, auch Amerikas Filmkritiker jubelten nach dem Start im November. Sie bescheinigen dem Film meisterhaften Staatsbürgerkundeunterricht, würdigen die gelungene Vision von Politik als „Dialektik des Erhabenen und des Profanen“ („New York Times“) sowie Spielbergs zurückhaltende Regie. Obwohl es sich nicht um Actionhelden, sondern um Talking Heads handelt, liebt auch das Publikum diesen „Lincoln“ – der laut „Time“-Magazin über 300 Kinovorgänger hat. Bisheriges Einspiel in Amerika: 162 Millionen Dollar.

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