Kultur : Der revolutionäre Blick

Bevor er Commandante wurde, war er Fotograf: Hamburg zeigt Bilder Che Guevaras

Burcu Dogramaci

Im Jahr 1997 sorgte er noch einmal für Schlagzeilen: Endlich hatte man das verschollene Skelett Che Guevaras gefunden und konnte den Messias der Revolution nach Kuba überführen. Egal ob tot oder lebendig, Guevara ist immer für eine Geschichte gut. Nach seinem gewaltsamen Tod verbreitete sich die Popularität des Wegbegleiters von Fidel Castro mondial. Sein Konterfei ist millionenfach auf T-Shirts produziert, der Havannaraucher, Frauenschwarm und Arzt zum Pop-Star geworden. Und nun das: Er war auch Fotograf. Eine Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe soll nun beweisen, dass Guevara nicht nur mit der Waffe sondern auch mit der Kamera umgehen konnte.

Als fotografierender Journalist bereiste Guevara, 1928 in Argentinien geboren, in den fünfziger Jahren Bolivien und Mexiko. In Guatemala ließ er sich 1954 nieder, beschäftigte sich fotografisch und literarisch mit der Inkakultur. Für die Nachrichtenagentur Agencia Latina beobachtete Che die Panamerikanischen Spiele. Befragt von einem nordamerikanischen Reporter sollte er später in einem Interview sagen: „Bevor ich Commandante wurde, war ich Fotograf.“ Obwohl einige historische Aufnahmen den Revolutionsführer mit einer Kamera um den Hals zeigen, übersah man seine Passion für die Fotografie lange Zeit. Dabei lagern im Studienzentrum in Havanna mehr als 1000 Abzüge und Negative, darunter eigenhändig entwickelte Vintageprints. Seitdem der spanische Fotografiekurator Josep Monzó den Nachlass 1995 entdeckte, setzt er sich für eine Popularisierung des Fotografen Guevara ein. Eine Auswahl von 200 Werken ist nun auf der Reise durch die Welt und macht Halt in Hamburg.

Die Einordnung des Oeuvres fällt nicht leicht. Viele Aufnahmen wirken beliebig, so wenn Guevara als „Botschafter der kubanischen Revolution“ durch Ägypten, Indien und Thailand reiste. Dann fotografierte er wie jeder interessierte Tourist die Sehenswürdigkeiten: Pyramide von rechts, Sphinx von unten, ein Tempel hier, eine liegende Kuh dort. Im Zusammenspiel mit Guevaras Biographie jedoch entwickeln die Fotografien eine besondere Spannung. Die Inhalte der Aufnahmen sind in Abhängigkeit seiner Tätigkeiten und Lebensphasen zu lesen. Im Jahr 1955 bereitete Guevara mit Fidel Castro in Mexiko die kubanische Revolution vor. In dieser Zeit entstanden Bilder von Dorfbewohnern, deren armes Leben mit distanziertem Blick aufgenommen ist – so als wolle Guevara sich der Notwendigkeit seiner politischen Ziele versichern. Sachlich dokumentiert Guevara später in seiner Funktion als Industrieminister kubanische Fabriken. In der Detailverliebtheit schwingt die Begeisterung für die technische Errungenschaft mit. Auf einer Kundgebung, bei der er selbst als Redner auftrat, hielt Guevara seine Kamera in das Publikum – vorbei am verschwommenen Konterfei seines Mitstreiters Castro.

Die Fotografien überzeugen nicht aufgrund der extraordinären Qualität. Guevara war zwar Revolutionär, aber er revolutionierte die Fotografie nicht. Es wäre ein Trugschluss, jede Unschärfe als kompositorisches Mittel zu deuten und Guevara voreilig als „Experten der Fotografie“ zu bezeichnen, wie es das propagandistisch tätige „Centro de Estudios Che Guevara“ in Havanna versucht. Die Ausstellung interessiert auf einer anderen Ebene. Sie gibt die seltene Möglichkeit, die Legende Guevaras zu vermenschlichen. Dies gelingt durch seinen Alltagsblick auf Familie, Menschen und Landschaften ferner Länder. Vor allem aber durch die eindrucksvollen Selbstporträts, in denen Guevara mit seinem eigenen Mythos spielt. Im Jahr 1959 fotografierte er sich als Schattenmann, den Militärbarett und Havanna zur Ikone der Revolution stilisieren. Kurz vor seiner missglückten Mission im Kongo entstand ein anderes Selbstbildnis in einem Hotelzimmer. Verletzlich und bar jeder Pathetik schaut Guevara in die Kamera und verschwindet fast hinter einem großen, vollbepackten Schreibtisch. Zwei Jahre später, am 9. Oktober 1967, wird er in Bolivien erschossen.

Fotograf Che Guevara, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, bis 30. März, Katalog mit 240 Abbildungen und spanischen Texten 47 Euro .

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