Kultur : Der Riss durch uns

Patchwork in Paris: Asghar Farhadis brillante Familienstudie „Le Passé“.

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Schwieriger Neustart. Marie (Bérénice Bejo) und Samir (Tamar Rahim). Noch ist Marie nicht von Ahmad geschieden. Foto: Camino
Schwieriger Neustart. Marie (Bérénice Bejo) und Samir (Tamar Rahim). Noch ist Marie nicht von Ahmad geschieden. Foto: Camino

Das Haus ist ein einziges Chaos. Verwinkelt, vollgestopft, mit Hochbetten für die Kinder und einem verkrauteten Vorgarten, ein typisches Familienhaus irgendwo in der Pariser Vorstadt. Marie, die Mutter (Bérénice Bejo aus „The Artist“) will renovieren, Planen liegen aus, Farbeimer stehen im Weg. Ahmad, ihr Ex-Mann (Ali Mosaffa) ist aus Teheran angereist, wegen des Scheidungstermins.

Er will ins Hotel, sie quartiert ihn bei sich ein, trotz der Enge. Marie weiß, was sie tut, sie ist schwanger, ihr jetziger Lebensgefährte Samir (Tahar Rahim) wohnt mit seinem kleinen Sohn Fouad ebenfalls hier, für die kleine Léa hat erst recht keiner mehr Zeit, und TeenagerTochter Lucie (Pauline Burlet) führt Krieg gegen Samir. Schon wieder ein neuer Stiefvater, sie bockt, wütet, bleibt weg bis spät nachts. Vielleicht kann Ahmad mit ihr reden, hofft Marie, die beiden haben sich immer so gut verstanden.

Es ist das klassische Patchwork. Streit liegt in der Luft, der Alltag entfaltet zivilisierende Wirkung. Ein Rad muss repariert werden, ein Abfluss ist verstopft, Ahmad macht sich nützlich im Haus und kocht erst mal für alle. Nach und nach erfährt er, was Lucies Verzweiflung wirklich zugrunde liegt. Es hat etwas mit Samirs Noch-Ehefrau Céline zu tun, die sich das Leben nehmen wollte und in der Klinik im Koma liegt.

Die Frau, die in die Zukunft startet, die aufräumen, wegräumen, weiterkommen will. Die Männer, die reagieren, sich arrangieren, in Aktivismus verfallen. Die Kinder, die überfordert sind und wissen wollen, wo jetzt bitte ihr Zuhause ist. Die Vergangenheit, die ihre Spuren hinterlässt und großes Unheil anrichtet, wenn man glaubt, sie sei einfach vergangen. Eine Familie, die es schier zerreißt, obwohl alle es gut meinen. Menschen im Clinch, das Schweigen, der Schmerz, die Notlüge, die Verzweiflungstat – man kennt das von Asghar Farhadi.

Wie in seinem oscar- und bären-prämierten „Nader und Simin“ (2011) entrollt der iranische Filmemacher auch in „Le Passé“ eine Tragödie der unvermuteten Verstrickung, subtil, behutsam, präzise. Wieder ein Ensemblefilm, wieder eine Szene vor dem Scheidungsrichter, wieder die Multiperspektive und die Empathie für die Zwiespältigkeiten, Zwangslagen, Hoffnungen und Ängste aller Beteiligter. Mit der Zeit erfährt der Zuschauer, warum Marie so wankelmütig, der kleine Fouad so verschreckt, Samir so passiv und Lucie so panisch ist. Man kann sie alle nur zu gut verstehen, es zerreißt einen selber.

Nach seinem Riesenerfolg mit „Nader und Simin“, der weltweit über 80 Auszeichnungen erhielt, hat der mittlerweile 42-jährige Farhadi erstmals im Ausland gedreht. Die Kamera verhält sich ruhiger, laviert sich weniger nervös durch das Beziehungsgeflecht. Man spürt, vor allem bei Bérénice Bejo, wie sich der Regisseur den französischen Schauspielern aus größerer Distanz nähert. Kein Schleier, kaum äußere Zwänge, fast ist es, als setze Farhadi in Gestalt von Ahmad, diesem aufmerksamen, aber etwas ungelenken Gast, auch das eigene Fremdeln in Szene. Farhadis Offenheit frappiert. Schon am Anfang im Flughafen trennt eine dicke Glasscheibe Marie und Ahmad voneinander. Immer wieder Spiegelbilder, verwehrte Blicke, erschwerte Verständigung.

„Nader und Simin“ erzählte, in Farhadis eigenem Milieu, vom Teheraner Bürgertum und seiner Zerrissenheit zwischen Moderne und altem Wertesystem. Farhadi lebt weiter mit seiner Familie in Teheran, er war selbst überrascht, dass er „Le Passé“ tatsächlich in einer anderen Sprache drehte, sagt aber, der Pariser Lebensrhythmus sei dem im Iran sehr ähnlich. Der Film spielt im Kleinbürgertum. Marie arbeitet in einer Apotheke, Samir unterhält eine Reinigung, erneut beweist Farhadi ein sicheres Gespür für die soziale Verortung seiner Figuren. Und für die Topographie des Schauplatzes: Das verwinkelte Haus ist einem bald vertraut.

Eine Familienstudie als Krimi: Was geschah wirklich vor Célines Selbstmordversuch? Darin ist Farhadi Meister, er schaut geduldig zu, legt mit detektivischem Gespür Verletzungen und Beklemmungen frei, erkundet die vergiftende Wirkung des Schweigens und des Verrats, all die Missverständnisse, mit denen Menschen aneinander schuldig werden. Die Wahrheit mag brutal sein, aber wer sie ergründet, wird begreifen, dass sie sich aus tausend Facetten zusammensetzt. Am Ende plädiert „Le Passé“ für die Gnade des Verzeihens. Es geht nicht darum, das Vergangene zu vergessen, sondern darum zu wissen und es dennoch eines Tages hinter sich zu lassen. Da ist Farhadi ganz bei Marie, auf der Seite der Frau. „Le Passé“ entfaltet den Moment davor, den Augenblick des Zögerns.

Capitol, Delphi, FaF, Kulturbrauerei,

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