Der Tiermaler Wilhelm Kuhnert : Mit Staffelei und Jagdgewehr

Er illustrierte "Brehms Tierleben" und war ein Pionier der Freiluftmalerei: Die Alte Nationalgalerie widmet Wilhelm Kuhnert eine Ausstellung zum 150. Geburtstag.

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Die Briten nannten ihn Löwen-Kuhnert.
Die Briten nannten ihn Löwen-Kuhnert.Foto: SMB/Nationalgalerie/Andres Kilger

Bildliche Darstellungen exotischer Tiere sind ideale Projektionsflächen eines Fernwehs, in dem sich Lust und Angst mischen. „Brehms Tierleben“, das in die Fauna entferntester Weltgegenden einführt, gehörte einst in jedes bildungsbürgerliche deutsche Bücherregal. In der dritten (1890) und vierten (1911–1918) Auflage des vielbändigen Werks stammen die prächtigen Farbabbildungen von Wilhelm Kuhnert, dessen Geburtstag sich an diesem Montag zum 150. Mal jährt. Der 1865 geborene und 1926 gestorbene Berliner Maler und Zeichner, zu Lebzeiten berühmt und erfolgreich, ist heute in Deutschland so gut wie vergessen. Dabei gehört er zu den besten Tiermalern der Kunstgeschichte.Im angelsächsischen Raum erzielen seine suggestiven Großgemälde aus der afrikanischen Savanne, die ihm den Beinamen „Löwen-Kuhnert“ einbrachten, hingegen noch immer Höchstpreise.

Für Philipp Demandt, der zusammen mit Benjamin Rux den ungewöhnlichen Künstler in einer zugleich originellen und erlesenen Kabinettausstellung der Alten Nationalgalerie würdigt, liegt Kuhnerts Bedeutung weniger im großen malerischen Kino als in den kleinen Arbeiten auf Papier. Wer die realistische Zeichenkunst Adolph von Menzels bewundert, wird Kuhnerts Studienblätter lieben. Hier wie dort geht es nicht um Wunschbilder, sondern um obsessives Hinschauen. Nur das Sujet ist ein anderes: Saugt sich Menzels Blick am kalten Glanz polierter Waffen oder der Morbidität preußischer Generalsuniformen fest, ergründet Kuhnert in virtuosen Bleistiftstudien die stolze Kopfhaltung einer Gazelle, das voluminöse Gehörn des Kaffernbüffels oder das muntere Treiben von Elefantenspitzmäusen.

Hundsaffe, gezeichnet von Wilhelm Kuhnert. Bleistift auf Papier.1909.
Hundsaffe, gezeichnet von Wilhelm Kuhnert. Bleistift auf Papier.1909.Foto:SMB/Nationalgalerie/Andres Kilger

Wie er das gemacht hat, bleibt ein Rätsel, das Kuhnert auch in den launigen Texten seines 1918 erschienenen Reisebuchs „Im Lande meiner Modelle“ nur teilweise lüftet. Viermal war der Künstler zwischen 1891 und 1912 in Nord- und Ostafrika unterwegs, meist mit großem Gefolge von bis zu 80 einheimischen Lastenträgern, für deren Ernährung er mit dem Jagdgewehr aufkam. Das Verhalten und die typischen Bewegungen seiner „Modelle“ mit den Augen des Malers zu studieren und die Tiere danach weidmännisch zu erlegen, war oft nur eine Sache weniger Minuten. Ein Foto zeigt Kuhnert mit Tropenhelm vor der Staffelei, zu seinen Füßen liegen drei Jagdgewehre.

Menschen hat er selten gezeichnet oder gemalt. Aber wenn doch, dann mit großer Empathie

Auch in anderer Hinsicht blieb er kein unschuldiger Beobachter. Bei drei seiner Expeditionen nutzte er die Infrastruktur militärischer Stützpunkte im gerade erst besetzten Deutsch-Ostafrika und erlebte die grausame Härte der deutschen Kolonialherren. Sein Verhalten blieb ambivalent: Als in Berlin 1895 die Verbrechen des „Reichskommissars für das Kilimandscharogebiet“ Carl Peters untersucht wurden, sagte er gegen diesen aus. Als während seiner zweiten Expedition 1905 ein bewaffneter Aufstand gegen die deutschen Besatzer losbrach, meldete sich Kuhnert spontan als Freiwilliger und nahm an Gefechten teil.

Lässt sich das aus heutiger Sicht moralisch angreifbare Verhalten eines Künstlers von seinem Lebenswerk trennen? Die Darstellung von Menschen fällt im fast 7000 Arbeiten umfassenden Œuvre Wilhelm Kuhnerts kaum ins Gewicht. Die wenigen Beispiele, die im lesenswerten Katalogheft abgebildet sind, nicht jedoch in der Ausstellung gezeigt werden, legen nahe, dass Kuhnerts Blick auf fremde Menschen genauso respektvoll, ja empathisch gewesen ist wie der auf exotische Tiere. Die Faszination des Unbekannten liegt im Moment des Wiedererkennens.

Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel, bis 6. Dezember. Der Katalog (Nicolai) kostet im Museum 14,95 Euro.

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