Vater und Sohn waren anarchische Rebellen. Aber Ohser hat auch Hetzkarikaturen gegen die Alliierten gezeichnet, in der Zeitschrift "Das Reich".

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Der Zeichner von "Vater und Sohn" : Wie e.o.plauen aus der Reihe tanzte
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Im Erich-Ohser-Haus in Plauen läuft bis 19. Oktober eine große Ausstellung anlässlich von e.o.plauens 70. Todestag.
Im Erich-Ohser-Haus in Plauen läuft bis 19. Oktober eine große Ausstellung anlässlich von e.o.plauens 70. Todestag.Foto: dpa

Vater und Sohn, schon von zeitgenössischen Kritikern als „Parterre-Akrobaten des Lebens“ gerühmt, sind Virtuosen der Verweigerung. In einer Welt, die im Gleichschritt marschiert, tanzen sie aus der Reihe. Sie trotzen allen Uniformträgern und sonstigen Autoritäten, dem spitzbärtigen Lehrer in der Episode „Der schlechte Hausaufsatz“, dem Parkwächter in „Hoffnungsloser Fall“ oder dem Polizisten in „Täuschende Nachahmung eines Kindes“. Drei bis acht Bilder benötigt Ohser, um eine Geschichte zu erzählen, und meist kommt er dabei ohne Worte aus. Dieser Minimalismus erklärt den anhaltenden Erfolg der Serie, die bis heute im Schulunterricht eingesetzt und selbst in China und Indien gedruckt wird.

"Vater und Sohn" waren ein Hit: Es gab sie auf Tassen und als Porzellanfiguren

Schon die zeitgenössischen Leser der „Berliner Illustrirten“ waren begeistert von den anarchischen Rebellen. Die Auflagen von Sammelbänden gingen in die Hunderttausende, bald gab es „Vater und Sohn“ als Porzellanfiguren, auf Tassen oder in der Werbung für Zigaretten und Kaffeefilter. Als Ohser, der es inzwischen zu Reichtum und einem Atelier am Tauentzien gebracht hatte, der Rummel zu viel wurde, beendete er 1937 die Serie.

„Ich zeichne gegen die Alliierten – und nicht für die Nationalsozialisten“, so hat Ohser gegenüber seinem Freund Hans Fallada seine Arbeiten im „Dritten Reich“ gerechtfertigt. 1940 war dem Zeichner die Mitarbeit an der neu gegründeten Wochenzeitung „Das Reich“ angeboten worden, die von Goebbels als politisch gemäßigtes Vorzeigeblatt konzipiert worden war. Ohser nahm an, wohl auch um seine UK-Stellung zu behalten und nicht an die Front zu müssen.

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05.04.2014 14:55"Endlich allein, seufzte die weltbekannte Diva". Eine der Witzzeichnungen von e.o.plauen.

Nun zeichnete er Woche für Woche aggressive, ressentimentgeladene Karikaturen, die Russland als bösartigen Wolf oder Churchill als verschlagenen Betrüger zeigten. Ohser verstand sich als Patriot und war eingefleischter Antikommunist. Bei einer Reise mit Erich Kästner nach Moskau und Leningrad hatte er 1930 gesehen, in welcher Armut und Angst die Intellektuellen dort lebten. So wurde aus den Kompromissen mit dem NS-Regime langsam eine Kapitulation. „Weit entfernt von der Freundlichkeit von Vater und Sohn wird Ohsers Virtuosität nunmehr böse“, urteilt die Biografin Elke Schulze.

Wer den ganzen Erich Ohser kennenlernen möchte, der sollte nach Plauen fahren. Im Erich-Ohser-Haus, das seit 2004 den Nachlass des Künstlers verwahrt, ist die Ausstellung „Vom Paradies der Kindheit“ zu sehen. Erstmals werden dort Erich Ohsers dynamisch bewegten Karikaturen die harmonischen, detailliert ausgeführten Kinderbuchillustrationen seiner Frau Marigard Bantzer gegenübergestellt. Das Museum befindet sich in einem mittelalterlichen Wehrturm. Oben steht der wuchtige Schreibtisch des Zeichners mit seinem Tuschefässchen, daneben sind die „Vater und Sohn“-Cartoons aufgereiht, dann steigt der Besucher vorbei an expressionistisch angehauchten Zeichnungen und Grafiken der zwanziger Jahre buchstäblich hinab in einen Abgrund. Denn im Untergeschoss ist Ohsers andere Seite ausgebreitet, seine Vorliebe für das Schaurige, Groteske und Schwarze.

Neben einer Radierfolge, in der Gehenkte von Krähen attackiert werden, hängen auch die Karikaturen für „Das Reich“. Stalin an einem Verhandlungstisch voller Geköpfter, Churchill als Kolonialmörder. Ein Gruselkabinett über die Verführbarkeit der Kunst.

Elke Schulze: Erich Ohser alias e.o. plauen. Ein deutsches Künstlerschicksal, Südverlag, Konstanz 2014, 144 S., 24 €.

Die Ausstellung Erich Ohser und Marigard Bantzer: Vom Paradies der Kindheit im Erich-Ohser-Haus Plauen läuft bis 19.10. Infos: www.e.o.plauen.de

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