Deutscher Filmpreis 2014 : Erzähl’ mir was vom Pferd

Ende gut, alles gut? Verdientes Gold für Reitz, ein rasend komischer Milan Peschel und eine defensive Kulturstaatsministerin. Kommentar zur Verleihung der deutschen Filmpreise - und zu einer bemüht witzigen Lola-Gala.

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Die Preisträger auf einen Blick, mit Edgar Reitz (2.v.R.), Didi Hallervorden neben Jordis Triebel und Kulturstaatsministerin Grütters neben Tobias Moretti.
Die Preisträger auf einen Blick, mit Edgar Reitz (2.v.R.), Didi Hallervorden neben Jordis Triebel und Kulturstaatsministerin...Foto: dpa

In der Schweiz, erzählte einer bei der Party danach, jongliert der Moderator bei der Filmpreisverleihung gern mit den Sprachen des polyglotten Lands, startet auf Schwyzerdütsch, wechselt mitten im Satz ins Hochdeutsche und endet auf Französisch. So viel Heimat war nie: Der Lola-Gala am Freitag im Berliner Tempodrom hätte solch verspielte Virtuosität gut angestanden, bei all den preisgekrönten Filmen auf Hunsrückisch („Die andere Heimat“), Alpen-Österreichisch („Das finstere Tal“), Norwegisch mit deutschem Akzent („Zwei Leben“) und Problemschulhof-Slang („Fack ju Göhte“).

Die Stars beim Deutschen Filmpreis 2014
Oscar-Gefühle in Berlin: Zur Verleihung der Lola sind mehr als 1800 Gäste ins Berliner Tempodrom gekommen. Mit dabei und sichtlich gut gelaunt: Schauspielerin Christiane Paul.
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09.05.2014 19:04Oscar-Gefühle in Berlin: Zur Verleihung der Lola sind mehr als 1800 Gäste ins Berliner Tempodrom gekommen. Mit dabei und sichtlich...

Die Regisseure der Show hatten jedoch ganz im Gegenteil die uneigentliche Rede als Stilmittel des Abends erkoren; sie setzten auf die Techniken der Selbstironie und subversiven Miesmacherei. Eine Rechnung, die nur selten aufging, etwa bei Milan Peschels furios delirierender Wutrede als sprechendes Pferdehinterteil von Pferde-Vorderteil Charly Hübner bei der Verleihung der Kinderfilm-Lola (an den Pferdefilm „Ostwind“). Im weitläufigen Rund unter dem Betondach des Tempodroms wollten die übrigen, meist umständlich um die Ecke erdachten Pointen jedoch nicht recht zünden. Und in der zeitversetzten ARD-Ausstrahlung wurde der aberwitzige Pferde-Monolog leider komplett aus dem Auftritt des Duos gestrichen.

Was tut die Filmakademie, damit neben den Altmeistern künftig auch jüngere Filmschaffende im Glamourlicht stehen?

Ende gut, alles gut? Unbedingt. Gold (500 000 Euro) für Edgar und Christian Reitz, für Vater und Sohn und deren „Andere Heimat“ als Vorgeschichte zur „Heimat“-Trilogie, das ist kein verkappter Ehrenpreis, sondern schlicht die Auszeichnung für den besten Film der Saison. Der heute 82-jährige Reitz startete seine Hunsrück-Chronik vor 33 Jahren, auch im Prequel hat er sich die Kunst des quicklebendigen und gleichwohl epischen, mythischen Erzählens bewahrt.

Silber (400 000 Euro) für Andreas Prochaskas „Das finstere Tal“: ein sympathisches Votum für einen trotzköpfigen Genrefilm mit ebenso störrischen Helden. Dass es gleich acht Preise für das alpine Rache-Actiondrama sein mussten, verstehe, wer will. Allein Gernot Rolls poetisch-subjektive Kamera in „Die andere Heimat“ ist der respektablen Kameraarbeit im „Finsteren Tal“ doch weit überlegen. Die wählenden Profis von der Deutschen Filmakademie – auf zwei Augen blind? Und „Bronze“ für das Stasi-Familiendrama „Zwei Leben“ (375 000 Euro). Konventionelle Ästhetik, überfrachteter Plot – wieso ging der Preis nicht an Jakob Lass’ verwegenes Debüt „Love Steaks“? Auf dass neben gefeierten Altmeistern wie Helmut Dietl, Reitz und Didi Hallervorden künftig mehr jüngere Kollegen im Glamourlicht stehen?

Apropos: Die Steilvorlage von Laudator Bruno Ganz beim Publikumspreis für „Fack ju Göhte“ hat Regisseur Bora Dagtekin leider nicht verwandelt. Er hege große Sympathien schon für den Filmtitel, so Ganz, in Erinnerung an seinen Goethe-Versuch auf dem Theater "mit Faust 1 und 2“: 23-Stunden-Marathon, mehrere Aufführungsserien – 30 000 Zuschauer. Sprach’s und interessierte sich für einen Job beim supererfolgreichen Dagtekin, live bezeugt von 1600 Gala-Gästen und den (spärlichen) 940 000 ARD-Zuschauern am späteren Abend. Ein Cameo-Auftritt von Bruno Ganz in „Fack ju Göhte 2“ (Filmstart 2015), das wär’s doch gewesen! Aber: kein Angebot vom Regisseur.

Ein Wort zur Kulturstaatsministerin. Würde es Monika Grütters gelingen, aus dem Schatten ihres als Filmbuddy geliebten Vorgängers Bernd Neumann herauszutreten? Grütters machte sich klein, verteidigte sich unbeholfen, als Akademie-Präsidentin Iris Berben sie wegen der Kürzung der DFFF-Gelder anging, und bat die Branche um Unterstützung. Selbstbewusstsein geht anders.

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