Deutscher Filmpreis : Wider den Tunnelblick

Nach der Vergabe der Deutschen Filmpreise in Berlin: Das Wagnis wird belohnt, nicht der Themenfilm.

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Milan Peschel mit der Lola für den besten Darsteller. Foto: dpa
Milan Peschel mit der Lola für den besten Darsteller. Foto: dpa

Eine Silber-Trophäe ist eine schöne Sache, zumal wenn sie mit der Gabe von 425 000 Euro veredelt wird. Mit ein bisschen Pech aber steht auch deren Gewinner noch als schlechter Verlierer da. Als Filmproduzent Florian Koerner von Gustorf am Freitagabend bei der Gala zum Deutschen Filmpreis für Christian Petzolds DDR-Drama „Barbara“ die Silberne Lola entgegennahm, beendete er seine trotzige Dankesrede so: „Jetzt bin ich aber mal gespannt, wer das Ding in Gold holt.“

Mit dieser Einschätzung dürfte er im weiten Saalhalbrund des Berliner Friedrichstadtpalasts zu diesem Zeitpunkt der Einzige geblieben sein. Denn nachdem Hauptrivale Andreas Dresen für seinen Krebs-Film „Halt auf freier Strecke“ bereits den Regiepreis und zwei Darstellerpreise geholt hatte und das Neonazi-Drama „Kriegerin“ des Regie-Novizen David Wnendt Bronze, wäre alles andere als das mit 500 000 Euro dotierte Gold für Dresen eine Sensation gewesen. Zuvor aber war der mit acht Nominierungen hoch gehandelte Favorit „Barbara“ völlig leer ausgegangen, was – mildernder Umstand – den Tunnelblick seines perplexen Produzenten befördert haben dürfte.

Der Trend zum Tunnelblick: Schon im Vorfeld der Gala machte er sich heftig bemerkbar. Da stilisierten die einen den Vorgang, dass die 1300 Mitglieder der Deutschen Filmakademie „Barbara“-Hauptdarstellerin Nina Hoss nicht einmal nominiert hatten, zur mittleren Majestätsbeleidigung. Und stellten als Neidreflex gegenüber der bereits 2008 für „Yella“ prämierten Schauspielerin hin, was wohl eher einer gewissen Ermüdung geschuldet war. Schließlich agiert sie bei Petzold im immergleichen Fach der leidenden Rätselfrau.

Andere wie der Regisseur Dominik Graf forderten munter mehr Trivialität im deutschen Kino, als sei man in dieser Hinsicht nicht verwöhnt genug. Oder ging es darum, Kassenknüllern à la „Rubbeldiekatz“ beim kulturstaatsministeriell mit Euro-Millionen geförderten Deutschen Filmpreis einen Batzen hinterherzuwerfen?

In einem solchen Klima, das auch noch durch Doris Dörries Attacken gegen den „Festival- alias Museumsfilm“ befeuert wurde, gedeihen nicht nur Verschwörungstheorien – etwa jene, die Filmakademie würde ihr demonstratives Nichtmitglied Petzold ebenso demonstrativ bashen. Sondern auch kabarettistisch dankbare Verkürzungen wie der Verdacht, preiswürdig seien in Deutschland sowieso nur bleischwere Themenfilme. Fraglos unterhaltsam schlugen manche Laudatoren des Abends, am brillantesten Josef Hader, in diese Kerbe. Etwa „Stromberg“ Christoph Maria Herbst: „Neonazis, DDR und Krebs – heiter bis tödlich!“

Tatsächlich behandeln „Halt auf freier Strecke“, „Barbara“ und „Kriegerin“, deren Regisseure zudem als ihre eigenen Drehbuchautoren nominiert gewesen waren, exakt diese Themen. Aber sind sie deshalb ödes deutsches Fernseh-Fictionmaterial, das sich im Zweifel mit dem Versand schlicht verpackter Lebenshilfe begnügt? Andreas Dresen etwa, da täuscht sein sanfter Habitus gewaltig, ist ein radikaler Regisseur, der ästhetisch keine Kompromisse macht und in seinen fiktionalen Versuchsanordnungen existenzielle Fragen schmerzhaft erörtert. Zuletzt plädierte er in „Wolke 9“ (2008) so massiv für das Recht auf Neuerfindung auch des scheinbar verbrauchtesten Lebens, wie er nun in „Halt auf freier Strecke“ dafür wirbt, todgeweihte Patienten nicht aus ihrer familiären Umgebung in Kliniken abzuschieben. Man kann dieses exakt begründete Sendungsbewusstsein unbequem finden, imponierend ist es allemal.

Mit derselben Akribie sucht Christian Petzold grundsätzlich das Wagnis– nur geht „Barbara“ einen Tick zu sorgsam auf, um Dresens Energie ernstlich etwas entgegenzusetzen. In der tränenüberströmten Dankesrede des Hauptdarstellers Milan Peschel fand diese Wucht noch einmal ihr anrührendes Echo, so wie die 27-jährige Alina Levshin, die furchterregend wilde Neonazi-„Kriegerin“, zuvor ihr plötzliches Glück kaum hatte fassen können. Auch David Wnendts Potsdamer HFF-Diplomfilm erkundet sein gesellschaftliches Minenfeld, auch wenn er ein wenig zu vorsichtig vorgeht, höchst aufregend. Das Drehbuch strotzt nicht vor simplen Außenseiter-Ausrufezeichen, sondern erkundet präzis das Faszinosum jugendlicher Gruppenprozesse. Antworten hat Wnendt keine, dafür klasse Fragen.

Übrigens: Die Filmakademie hat auch das Unterhaltungskino ordentlich bedient, mit sechs (Technik-)Preisen für Roland Emmerichs in Babelsberg gedrehten „Anonymus“. Die Preise mögen den Blockbuster-Regisseur trösten, denn sein Shakespeare-Film war weltweit ein Flop. Vielleicht weil er nicht gar so trivial war? Wer ihn guckt, verliert jedenfalls den Tunnelblick, ganz nebenbei.

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