Deutsches Symphonie-Orchester : Hingabe, sagt sie

Tugan Sokhiev und das DSO lassen sich von Janine Jansen Beine machen, beim französisch-russischen Abend in der Philharmonie

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Die niederländische Geigenvirtuosin Janine Jansen.
Die niederländische Geigenvirtuosin Janine Jansen.Foto: Decca/Harald Hoffmann

Es ist ein einziges Flehen und Sehnen an diesem französisch-russischen Abend in der Philharmonie. Das Deutsche Symphonie-Orchester, Tugan Sokhiev und Janine Jansen breiten das gesamte Spektrum expressiver Bangigkeit aus, vom Schmachten bis zur Kontemplation. Wobei erst Janine Jansen den eigentlichen Ton vorgibt, nach Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“, das Sokhiev nüchtern angeht: keine Trance, keine schillernden Klangfarben, keine Fabelwesen, nur ein in der Bewegung erstarrter Wachtraum. Jansens Stradivari hingegen entfaltet auf der Stelle den Zauber sich verzehrender Sehnsucht, mit dem dunklen Timbre der Inbrunst in den tiefen Lagen und Sirenengesang in den Höhen.

So macht die Solistin aus Ernest Chaussons Konzertstück „Poème“ ein verwegenes, betörendes, eindringliches Gebet. Bei Ravels „Tzigane“ durchschreitet sie schon in der halsbrecherischen Eingangskadenz der Rhapsodie das gesamte Universum musikalischer Entäußerung, erst recht im Presto mit dem Orchester. Pathos und Groteske, Eros und Ironie, Spuk und Tanz, Schmelz und Schmerz, Wahnsinn und Abstraktion – einmal mehr stellt die niederländische Extremgeigerin ihren Ausdrucksreichtum unter Beweis. Das DSO lässt sich anstecken von Jansens Hingabe, auch in der Zugabe, Jules Massenets eigentlich zu Tode gespielter Meditation aus der Oper „Thaïs“.

Nach der Pause die Fortsetzung des 2012 begonnenen Prokofjew-Zyklus des DSO, mit der letzten Sinfonie des Anfang der 1950er Jahre in der Sowjetunion schwer drangsalierten und gesundheitlich angeschlagenen Komponisten. Die Siebte in cis-Moll ist ein Manifest der inneren Emigration, klassizistisch schlicht in der Machart, aber durchsetzt von schierer Verzweiflung und Symptomen der Entfremdung vor allem im Walzer-Allegretto und im Finalsatz.

Glockenspiel, Xylofon, Klavier, gestopftes Blech – da spricht einer mit verstellter, verzerrter Stimme. Sokhiev macht ein Kraftwerk der Gefühle daraus und wählt, was sonst, die energischere der beiden Schlussvarianten. Breites Legato, insistierende Repetitionen, Pardon wird nicht gegeben. Prokofjew im ehernen Klangpanzer. Man wünschte sich den Russen etwas französischer.

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