Kultur : Die Brecht-Schauspielerin Angelika Hurwicz starb mit 77 Jahren

Christoph Funke

Am 7. Februar 1954 notiert Brecht: "Rollen wie der Azdak und die Grusche können in unserer Zeit nicht durch Regiearbeit gestaltet werden. Nicht weniger als fünf Jahre am Berliner Ensemble waren nötig, der außerordentlichen Angelika Hurwicz die Voraussetzungen zu geben. Und das ganze Leben Buschs, von der Kindheit im proletarischen Hamburg, über die Kämpfe in der Weimarer Republik und im spanischen Bürgerkrieg zu den bitteren Erfahrungen nach 1945 war nötig, diesen Azdak hervorzubringen". Der Dramatiker verweist auf eine der Voraussetzungen seiner Theaterarbeit am Berliner Ensemble - er brauchte Schauspieler, die ihr Leben einbrachten in die Rolle, deren Weg auf die Bühne voller Hindernisse und Rückschläge war, die von Armut und Entbehrung wussten und sich zäh und hartnäckig gegenüber allen Widrigkeiten des Schicksals behauptet hatten.

Zu diesen Schauspielern gehörte Angelika Hurwicz, 1949 zum Berliner Ensemble gekommen, damals erst 27 Jahre alt und als Tochter eines jüdischen Vaters nur mit Entbehrungen durch die Zeit des Nationalsozialismusgekommen. Sie nahm von 1939 bis 1941 Schauspiel-Unterricht in einem Berliner Studio, durfte aber nicht Mitglied der "Reichstheaterkammer" werden, arbeitete als Bürohilfe, kurze Zeit bei einem Wandertheater, dann in einer Schauspieltruppe in einem Dorf des damaligen Sudetenlandes, schließlich in einer Auto-Werkstatt. In Berlin wurde sie nach 1945 zuerst von Gustav von Wangenheim ans Deutsche Theater engagiert. Brecht holte sie sich dann als stumme Kattrin für die "Courage"-Inszenierung. 1954 übertrug er ihr die Grusche im "Kaukasischen Kreidekreis".

Angelika Hurwicz lebt nicht mehr. Ihre Rollengestaltungen, und die Grusche vor allen anderen, werden unvergessen bleiben. Klein, gedrungen, nicht landläufig schön, überwältigte sie als Kattrin und Grusche sowohl durch hinreißende Naivität und Freundlichkeit als auch durch Tapferkeit, aus unbewusst listiger Vorsicht kommend. Angelika Hurwicz brauchte nicht nach Effekten zu suchen. Sie war in allen ihren Rollen einfach und unübersehbar da, als eine Frau mit tief innerer Glaubwürdigkeit, geprägt und gebeutelt von den Widrigkeiten des Lebens, und doch voller Humor und Zuversicht. Sie zeigte immer die schreckliche Verführung zur Güte - und die Anspannung, mit der solcher Verführung widerstanden werden muss. "Sie verschärft die Situation", schrieb der Londoner "Observer" 1956, "indem sie die Verwicklung ignoriert: durch das, was sie weglässt, erkennen wir ihre Darstellung als eine große." Der Tod dieser Schauspielerin, die zuletzt in den Niederlanden lebte, zieht endgültig den Schlussstrich unter eine Epoche großen deutschen Theaters, die mit dem Berliner Ensemble, mit Brecht, Weigel, Busch, Giehse und eben mit Angelika Hurwicz verbunden ist.

Auch nach ihrer Zeit am Berliner Ensemble - dort spielte sie bis 1958 die Frau Sarti in "Galileo Galilei", die Marthe Rull im "Zerbrochnen Krug", die Frau Kleinschmidt in Erwin Strittmatters "Katzgraben" und viele andere Rollen - war sie unermüdlich tätig, als Schauspielerin, Regisseurin, Pädagogin. In Wuppertal, in Köln, in Wien arbeitete sie unter anderen mit Bernhard Minetti, Hansgünther Heyme, Roberto Ciulli, inszenierte Kleist, Tschechow, Sternheim, Camus. Ihre Prägung durch das Theater Brechts hat sie dabei behalten. Im Zusammengehen von bestechender Klugheit mit plebejischem Witz, im Blick auf die sozialen Hintergründe von Fabeln und Figuren, in der Balance von Formbewusstsein, Bescheidenheit und menschlicher Wahrhaftigkeit.

Es gibt, aus dem Jahre 1960, ein Fotobuch, das die kräftige Eleganz von Bewegungsabläufen der jungen Schauspielerin bewahrt. Die Aufnahmen belegen den Verzicht auf Schönheit, sie zeigen den Trotz und die Anspannung, die Neugier und die Widerborstigkeit, die sie ihren Figuren schenkte. In einer Leningrader Zeitung stand 1957 zu lesen: "Ohne jede Sentimentalität verkörpert sie die Menschlichkeit, die Liebe zum Leben und zur Arbeit."

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