Kultur : Die Finnische Nationaloper zeigt in der Deutschen Oper Berlin "Der singende Baum"

Frederik Hanssen

Vuorikatu 22 C, eine ruhige Seitenstraße im Zentrum von Helsinki. Erik Bergman, "der Vater der zeitgenössischen finnischen Musik", wohnt im Hinterhof: Gartenhaus, erster Stock links. "Eigentlich müsste man ja Großvater der neuen finnischen Musik sagen. Schließlich bin ich 1911 geboren", erklärt der kleine alte Herr mit dem schwedischen Namen in perfektem Deutsch. Bergman heißt er, weil er zur schwedischen Minderheit gehört, die in Helsinki so mächtig ist, dass alle Straßen zweisprachig gekennzeichnet sind. Und Deutsch spricht er deshalb so gut, weil er in den 30er Jahren in Berlin Musik studiert hat. Einer seiner Kommilitonen war damals Sergiu Celibidache.

Doch während der legendäre Dirigent bereits seit zwei Jahren tot ist, blitzt die Lebensfreude dem 88-Jährigen deutlich in den Augen. Stolz führt er den Besucher aus Berlin durch sein Wohnzimmer, das eher an ein Musikethnologisches Museum erinnert denn an eine Privatwohnung. Alle die merkwürdig geformten Blas-, Zupf- und Schlaginstrumente hat er sich selber von seinen Reisen rund um den Globus mitgebracht. Denn multikulti war Bergman schon immer, vor allem der Mittelmeerraum interessierte ihn, aber auch die Kultur von Neuseeland.

Seinen finnischen Landsleuten fiel es zuerst nicht leicht, die fremden Klänge, die in Bergmans Kompositionen auftauchten, zu akzeptieren. Doch das störte den jungen Komponisten nicht - er war sowieso entschlossen, gegen alle Regeln zu opponieren, die ihm in die Quere kamen. Vor allem gegen die akademischen. Bis hin zur ZwölftonTechnik à la Schönberg probierte er sich in allen Stilen aus, um seinen "eigenen Ton" zu finden. Vor allem wollte er kein Epigone des allmächtigen finnischen Nationalkomponisten Jean Sibelius sein.

Dass es schließlich ausgerechnet Sibelius sein sollte, der ihm zum Durchbruch verhalf, ist für Bergman Ironie des Schicksals: Durch Zufall hörte Sibelius eines Tages ein Werk des Bilderstürmers Bergman im Radio - doch anstatt sich über den Nonkonformismus des jungen Kollegen zu erheben, wollte er den jungen Wilden sofort kennenlernen. "Nachdem der allseits hochverehrte alte Meister erklärt hatte, er sei froh, endlich jemandem begegnet zu sein, der es nicht nötig habe, in seinem Schatten zu leben, traute sich keiner mehr, gegen mich Front zu machen", erzählt Bergman lachend.

Von diesem Tag an hatte er keine Probleme mehr, seine Werke aufgeführt zu hören. 1960 wurde er zum Kompositionsprofessor an der Musikhochschule Helsinki berufen. Die höchste Ehre aber widerfuhr ihm, als er den Auftrag bekam, zu Eröffnung des Neubaus der Finnischen Nationaloper eine Oper zu komponieren.

Bergman wählte ein altes schwedisches Volksmärchen, die Geschichte vom Prinzen der Dunkelheit, der so gerne die Tochter des Lichtkönigs heiraten würde. "Der singende Baum" von 1988 ist ein Prototyp der "schönen" zeitgenössischen Musik, die bei allem Wohlklang keinen Moment lang rückwärtsgewandt wirkt. Neben Bergmans erstaunlichem exotischen Klangfarbenspektrum und seiner außergewöhnlichen Behandlung des Chores ist es vor allem die virtuose Verwendlung der Rhythmen, die seine Musik leicht zugänglich macht.

Als sich die Finnische Nationaloper entschied, ihr Berlin-Gastspiel mit Bergmans "Singendem Baum" zu eröffnen, beschloss der Komponist, der Stadt auch mal wieder einen Besuch abzustatten - den ersten seit 1939. Er dürfte nur noch Weniges wiedererkennen.Die Finnische Nationaloper zeigt am Mittwoch in der Deutschen Oper Berlin Bergmans "Der singende Baum", am 15. und 16. 10. Brittens "Peter Grimes". Am 17. 10. dirigiert Leif Segerstam ein Orchesterkonzert.

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