Kultur : Die Frauen des Hauses

Dessau entdeckt die Architektinnen der Avantgarde

Michael Zajonz

„Der Architekt denkt – die Hausfrau lenkt“ schrieb Bruno Taut 1924 in seinem Büchlein „Die neue Wohnung – Die Frau als Schöpferin“. In diese simple Gleichung hatte der Pionier des Neuen Bauens eine Rollenverteilung einbetoniert. Oft besteht sie heute noch. Doch wie verhält es sich mit dem Geschlechterverhältnis in der Architektur? Bauen und Entwerfen gelten noch immer als Männerdomäne. Wie bedrohlich müssen da Frauen erst in einer Zeit gewirkt haben, als Architektur mit Genialität gleichgesetzt wurde und das angeblich schwache Geschlecht als unschöpferisch galt?

Die sportliche, sexuell selbstbestimmte und ökonomisch unabhängige Neue Frau wurde in den Zwanzigerjahren zu einem der populärsten Mythen, zum Wunschbild der Werbung, propagiert in Gesellschaftsromanen und Operettenrevuen – und beschreibt doch Realität. Während des Ersten Weltkriegs hatten Frauen bewiesen, dass sie körperlich schwer arbeiten konnten, ohne zu „vermännlichen“. Die Weimarer Verfassung schrieb gleiches Wahlrecht für beide Geschlechter fest. Seit der Jahrhundertwende studierten auch Frauen: Medizin, Jura und Architektur traten neben die traditionell als weiblich geltenden künstlerischen Interessen.

Im Rahmen eines Forschungsprojektes der TU Braunschweig ermittelten Regina Prinz und Ute Maasberg rund 400 Frauen, die sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum für den Architektenberuf entschieden. Prinz und Maasberg haben ihre Erkenntnisse nun in einer Ausstellung und einem Begleitbuch über die „weibliche Avantgarde in der Architektur der zwanziger Jahre“ verdichtet. Mit Avantgarde umschreiben sie jedoch weniger die künstlerische Spitze als gezielte Abweichungen vom biografischen Muster. Neben bekannten Namen wie Lilly Reich oder Marlene Poelzig – beide Partnerinnen prominenter Architekten – treten junge Talente wie Paula Marie Canthal, deren glamouröse, am Neuen Bauen orientierte Architektur nach 1933 keine Abnehmer mehr fand. Oder die Bauhaus-Absolventin Friedl Dicker, über deren Zeichenunterricht im Ghetto Theresienstadt bislang mehr bekannt war als über ihr Werk.

In den Blick geraten überdies Vertreterinnen einer „anderen“, gemäßigten Moderne. Wie Hanna Loev, erste Regierungsbaumeisterin Bayerns, die nie Beamtin werden durfte. Nach 1945 arbeitete sie als Buchbinderin. Andere heirateten, mussten emigrieren oder schlugen sich durch. Für viele der zwischen 1890 und 1910 Geborenen geriet das Jahr 1933 zur Zäsur: zurück an den Herd. Eine typisch weibliche Architektur, so die Ausstellung, hat es auch davor nicht gegeben – nur eben typische Aufträge für Architektinnen: Innendekoration statt Städtebau.

Was blieb, waren Alltagssorgen. Selbst für Grete Schütte-Lihotzky, die legendäre Miterfinderin des Neuen Frankfurt: „Jeder hat mir das ausreden wollen, dass ich Architektin werde, mein Lehrer Strnad, mein Vater und mein Großvater. Nicht weil sie so reaktionär waren, sondern weil sie geglaubt haben, ich werde dabei verhungern.“

Dessau, Meisterhaus Klee/Kandinsky, bis 29. August. Katalog (Junius Verlag Hamburg) 19,90 €.

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