Die Kunst der Krankheit : Wir kommen nicht von uns los

Wüten, verdrängen, trauern: Krankengeschichten boomen auf dem Büchermarkt. Eine Diagnose.

Christoph Schröder
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Keiner stirbt für sich allein. Ferdinand Hodlers Gemälde "Valentine Gode-Darel" von 1914. -Foto: akg

Es gibt kaum etwas, wovon wir heute verschont bleiben; nichts, womit wir beim Aufschlagen der Zeitung oder beim Einschalten des Fernsehers nicht konfrontiert würden. Mag sein, dass allein in dieser Feststellung bereits ein kulturpessimistischer Gestus liegt. Aber das ändert nichts am Sachverhalt. Dass die privaten Vorlieben von Adolf Hitler, die Bikinizonen von Minderjährigen, die Topmodels werden möchten, oder die Küchen von B-Promis und deren Leibgerichte mittlerweile medienfähig geworden sind; dass jeder zu jeder Zeit Gelegenheit bekommt, über Brusttransplantationen oder freiwillige Vasektomien zu sprechen und dafür immer auch Zuhörer und Zuschauer findet – geschenkt.

Tabus, die naturgemäß bestimmte Bereiche des Privaten betreffen, sind nicht nur Einschränkungen und Zwänge, sie dienen auch dem „Schutz bestimmter zwischenmenschlicher Verkehrsformen oder der Intimsphäre“, wie Botho Strauß es nennt. Das gilt mittlerweile als beinahe altmodische Haltung. Das Tabu ist ein negativ konnotierter Begriff; Tabus sind dazu da, um verletzt zu werden, und sie werden verletzt, permanent und überall. Da mutet es ein wenig kühn an, wenn behauptet wird, die Krankheit – die eigene oder die eines nahestehenden Menschen – sei ein gesellschaftliches Tabu, über das nun glücklicherweise endlich gesprochen werde. Wo bitte wurde denn zuvor darüber geschwiegen?

Die Literaturkritik, die stets darauf bedacht ist, in der aktuellen Buchproduktion Trends und Tendenzen zu entdecken, hat auch für dieses Jahr einen Trend ausgemacht: das Erzählen über die Krankheit. Dass Kathrin Schmidts Roman „Du stirbst nicht“, der von einer langsamen Rückkehr ins Leben nach einem Hirnschlag erzählt, kürzlich mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, ist die logische Konsequenz.

Angesichts der frappierenden Vielzahl von Neuerscheinungen dieser Art stellt sich die Frage: Was haben wir davon? Wenn man davon ausgeht, dass es nicht darum geht, ein lange gehegtes Schweigen zu brechen, wenn also die Rede sein soll von einem allgemeinen Wert, von einem über die privatistische und individuelle Abarbeitung eines Traumas hinausgehende Legitimation von Krankenberichten – worin besteht sie?

Krankenberichte legen offen, wie sehr ein Mensch seine Daseinsberechtigung zu verlieren glaubt, wenn er nicht mehr einwandfrei funktioniert. Jürgen Leinemann war fast 40 Jahre lang Reporter und Redakteur beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Im Jahr seines 70. Geburtstags stellen ihm die Ärzte die Diagnose „Zungengrundkrebs“. Erstaunlich und erschreckend ist die Sprache, in der Leinemann von seinem Leben vor und nach diesem Ereignis erzählt. Es ändert sich alles – und nichts. Diesem Mann, der mit den Mächtigen der Welt unterwegs war, der die Weltpolitik kritisch begleitet hat, ist nichts wichtiger als das Durchhalten, die Aufrechterhaltung einer Fassade, nach der sein Denken und Schreiben ausgerichtet ist. „Es war mir wichtig, dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder, Joschka Fischer und mein ehemaliger Chefredakteur Stefan Aust mir die Hand schüttelten. Und es war mir noch wichtiger, von vielen zu hören, wie gut ich aussähe und dass ich fast schon wieder der Alte sei.“ Man quält sich mit diesem Mann, möchte ihm zurufen, dass es doch sein Leben ist, um das es da geht, und schaut gleichzeitig fasziniert diesem Kampf zu – gegen den Krebs nach innen, gegen den Verlust des Fremd- und Selbstbildes nach außen. Den offiziellen Ton wird Leinemann nicht los. Vielleicht ist das sein Rettungsanker.

Das genaue Gegenteil davon unternimmt Christoph Schlingensief. Dessen Aufgabe ist es immer gewesen, laut zu sein und den Menschen auf die Nerven zu gehen. Jetzt geht ihm die eigene Krankheit auf die Nerven, der Lungenkrebs, den der Regisseur als Ungerechtigkeit und Beleidigung empfindet und mit dem er umgeht, wie er mit allem umgegangen ist – indem er rebelliert. Er wütet und zetert, er schimpft und flucht, er benennt die Krankheit als genau das, was sie ist: „Das ist der Wahnsinn an der ganzen Sache, auch jetzt. Einerseits gehst du los und sagst, du machst das jetzt, das wird klappen, alles wird gut. Andererseits glaubst du dir diesen Optimismus nicht und denkst, ja, aber nachher hab ich nur noch einen halben Atem, beim Ficken pfeif ich aus dem Mund oder was weiß ich was, das wird doch alles nix mehr, das ist alles scheiße hier.“ Was auch sonst?

So radikal Schlingensief den Blick in sein Inneres gestattet (die Entstehungsweise seines Buchs, eine Abschrift von zuvor auf ein Diktiergerät gesprochenen Aufzeichnungen, hat dazu beigetragen), so einschneidend kann sich auch die Außenperspektive auf eine Krankheit verändern. Der Journalist Georg Diez unterwirft in seinem Buch „Der Tod meiner Mutter“ das Sterben einer radikalsubjektiven Ästhetisierung, was sich in der wiederholten Verbindung von Traurigkeit und Schönheit niederschlägt – aus der Perspektive des abschiednehmenden Sohns.

Auf den Krebs, so heißt es an einer Stelle, könne man ja nicht wütend sein. Diez’ Buch ist ein klassischer Fall von double bind: Es erzählt vom Tod, um sich davor zu schützen; es bettet das konkrete Sterben der Mutter in ein erzählerisches Konzept des Ausweichens, um damit umgehen zu können. Georg Diez gibt den Körper preis, um die Erinnerung, den Geist zu bewahren.

Was der eine zu erhalten versucht, reißt der andere nieder. „Demenz“ heißt das Buch von Tilman Jens, dem Sohn von Walter Jens. Statt des Wortes „Abschied“ sollte es besser den Begriff „Abrechnung“ im Untertitel tragen. Die Akribie, mit welcher der Autor den zunächst schleichenden, dann immer drastischeren geistigen und körperlichen Verfall des Vaters inszeniert (und ihr die eigene Erinnerungsfähigkeit triumphierend entgegensetzt), hat etwas Perfides. Und doch berührt Jens’ Politisierung der Krankheit einen zentralen Aspekt – den Zusammenhang zwischen Wortfindungs- und Selbstfindungsstörung, wie er gerade bei einem Intellektuellen wie Walter Jens, der von der Rhetorik lebte, zutage tritt. Das unterscheidet Jens’ Buch von den anderen: Es lässt nichts übrig. Am allerwenigsten die Würde.

Eine Rückeroberung von Wörtern und Würde, also von Leben, leistet hingegen Kathrin Schmidts Buch; das einzige, das die Gattung „Roman“ für sich in Anspruch nimmt, obwohl auch ihm eine autobiografische Erfahrung zugrunde liegt. Ob literarisch gelungen oder nicht – in der Protagonistin Helene Wesendahl, die im Krankenhaus aufwacht und sich selbst nicht mehr kennt, ist kein Verdrängungsprozess, kein Ausweichmanöver möglich, keine Ablenkung vom Krankheitsbild, weil die Krankheit selbst den aktuellen Daseinszustand darstellt. Erst in ihrer Zurückdrängung ist Persönlichkeit behauptungsfähig. Die Beklemmung, die Schmidts Buch auslöst, ist der, die Jürgen Leinemann auslöst, genau entgegengesetzt.

Trauern, verdrängen, wüten, übersprechen, instrumentalisieren, bekämpfen. Mit welcher Technik auch immer operiert wird, es ist eine banale und doch unabweisbare Erkenntnis, beinahe die einzige, die sich aus diesen Büchern gewinnen lässt: Auch in der Krankheit, auch im Angesicht oder der Erwartung des Todes, bleibt man derjenige, der man schon immer war, gegen alle Anfechtungen und Zuschreibungen. Wir kommen von uns nicht los. Die Krankheit greift in das Leben ein, aber sie selbst kennt ein Tabu und lässt einen unberührbaren Kern zurück; etwas Unangreifbares. Man darf es Seele nennen.

Georg Diez: Der Tod meiner Mutter. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 200 Seiten, 16,95 €.

Tilman Jens: Demenz. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009, 142 S., 17,95 €.

Jürgen Leinemann: Das Leben ist der Ernstfall. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, 254 Seiten, 20 €.

Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 256 Seiten, 18,95 €.

Kathrin Schmidt:Du stirbst nicht.Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 348 Seiten, 19,95 €.

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