Kultur : Die Kunst des Augenblicks

Wie neu: Christoph Brech entdeckt die Stadt Rom in einem fantastischen Foto-Tagebuch.

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Geisterhaft. Spiegelbild im römischen Regierungsviertel. Foto: Christoph Brech/VG Bild-Kunst
Geisterhaft. Spiegelbild im römischen Regierungsviertel. Foto: Christoph Brech/VG Bild-Kunst

Wer je einmal in Rom war und Rom- Filme oder Rom-Bildbände gesehen hat, glaubt hier vieles sofort wiederzuerkennen: wehende Soutanen der Priester auf einer Piazza, die Straßenkatzen, die Fiaker vorm Colosseum oder den Wächter mit Degen und Goldhelm vorm Eingang zum Quirinalspalast des Präsidenten. Auch die Kuppel von San Pietro im goldenen Abendlicht. Doch schon bei diesem vermeintlich zu Tode fotografierten Motiv hält der zweite Blick inne.

Da ist wohl die berühmte Kuppel als bereits dunkle Silhouette im Hintergrund. Aber die Schattenrisse der Menschen davor gehören zu einem Zwischenreich – zwischen Lebewesen und Kunstfiguren. Ein Mann, im abendlichen Gegenlicht auf einer Mauer stehend, gleicht der Statue eines Heiligen, wie versteinert von oben die Stadt segnend, obwohl seine verschattete Hand wohl nur eine Zigarette in den römischen Himmel hält. Zufällig.

Nur, es gibt in der guten Fotografie keinen Zufall. Es gibt, wie der große Cartier-Bresson einmal sagte, im Zusammenspiel von Kamera und Wirklichkeit allein den „entscheidenden Moment“. Und das Raffinierte bei dem Bildkünstler, bei dem Fotografen und Videofilmer Christoph Brech ist sein Auge für das Miteinander von Gewöhnlichem und Ungewöhnlichem. Für die Sensationen des Alltags, die er freilich auch mit dem Blick des passionierten Kunsthistorikers, Gegenwartsarchäologen und instinktiven Ikonografen wahrnimmt. So hat er ein Bilderbuch über Rom gemacht, wie es unter unzähligen Rom-Bilderbüchern gewiss noch kein solches gibt.

Vor gut 30 Jahren erschien Rolf Dieter Brinkmanns legendärer Band „Rom, Blicke“. Das war in tagebuchartiger Prosa mit eingestreuten Schwarzweißbildern und Collagen die posthum veröffentlichte leidenschaftlich wütende Abrechnung eines deutschen Poeten, der in Rom ein Jahr Stipendiat der Villa Massimo gewesen war und unter Zorn, Depression und realem oder eingebildetem Unverständnis gelitten hatte. Es war ein hoch poetisches, tief teutonisches Italien-Hassbuch. Von einem, der nur Trümmer, Ruinen und keinen Kontakt zu seiner eigenen Zeit mehr sah.

Christoph Brechs Blicke auf Rom sind ganz andere, voller Verständnis, Kenntnis und Liebe – auch für die Künste, Geister, Spuren einer Vergangenheit, die Roms überzeitliche Präsenz erschafft. Auch Brech hatte ein Jahr lang, bis Anfang 2007, ein Stipendium in der Villa Massimo und ist danach immer wieder mal nach Rom zurückgekehrt.

Als die Villa Massimo unter ihrem Direktor Joachim Blüher just im Februar 2007 zum ersten Mal für eine einzige Nacht im Berliner Gropius-Bau die Stipendiaten – vornehmlich Bildkünstler und Schriftsteller sowie Musiker und Komponisten – aus dem gerade abgelaufenen „Jahrgang“ mit ihren in Rom entstandenen Arbeiten präsentierte, war das eine Belebung der römischen Volksfesttradition: der „Kunst des Ephemeren“. Inzwischen ist auch aus dem einabendlichen Auftritt im Gropius-Bau eine nicht mehr völlig ephemere Tradition geworden. Am heutigen Abend gastieren die Massimo-Künstler wieder in Berlin, und statt eines Politikers wird diesmal der Massimo-Ehrengast des letzten Jahres, der Schauspieler Armin Müller-Stahl, die Festrede halten.

In den danach folgenden Lesungen, Konzerten und Ausstellungen bestach bei der Premiere 2007 bereits Christoph Brech mit drei Videofilmen, von denen einer eine Fahrt durch ein sonnenglänzendes Rom zeigte, dessen Menschen, Fassaden und auch der Verkehr, selbst wenn er stockte, sonderbar flüssig erschienen und dessen Azur-Himmel dem so nahen Meer glich. Dieser nicht direkt weichzeichnende, aber poetisch merkwürdige Eindruck war entstanden, weil Brechs Kamera nur immer die Spiegelung der Stadt auf dem blanken Blech seiner Autokarosserie aufgenommen hatte.

Ein Bild dieses Films findet sich jetzt auch in Brechs fulminantem, großformatigen Farbbildband „Rom. Foto-Tagebuch“, das im Wienand Verlag auf Deutsch-Italienisch-Englisch erschienen ist, mit einem kundigen Vorwort des Herausgebers Arnold Nesselrath. Der in München lebende Christoph Brech, 1964 geboren und neben anderen Preisen auch von der Berliner Akademie der Künste ausgezeichnet, ist freilich kein Mann der gesuchten Effekte. Er findet sie nur: als Flaneur durch die Straßen, Kirchen, Katakomben, Friedhöfe und Galerien der Stadt. Wie früher die Maler aller Zeiten (nur die Frage, ob Dürer nach Rom kam, ist noch ein Geheimnis) führt er Tagebuch. Mit der Digitalkamera, vom 14.3.2006 bis zum 25.2.2007. Einmal kommt er dabei von hinten dem Papst bis auf einen Schritt nah, andernmals erschreckt und berührt eine gekreuzigte Babypuppe über einem Kindergrab. Andenkenkitsch türmt sich vor Barockbrunnenfiguren, was ist da Kunst, Illusion, Realität? In einer Ladenscheibe im Regierungsviertel spiegeln sich Napoleon und Nazidevotionalien am Obelisk der Piazza, vor dem römischen Palast. In der ewigen Stadt spielen hier alle Zeiten, auch die des Jahres und des Tages, eine Commedia dell’arte. Gleichzeitig, gespenstisch, der Wunder voll.

Christoph Brech: Rom. Foto-Tagebuch. Hrsg. Arnold Nesselrath. Wienand Verlag Köln. 360 Seiten, 49,80 €.

Heute Abend ab 19.30 Uhr gastiert die Villa Massimo im Berliner Martin-Gropius-Bau (freier Eintritt).

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