Kultur : Die Kunst liegt auf der Straße

CHRISTIAN SCHRÖDER

Das Schwarzweißfoto zeigt eine hübsche junge Frau, deren blasses Gesicht von madonnenhaft herunterfallendem Haar gerahmt ist. Darunter steht: "Ulrike Meinhof spricht über ihre Verhaftung am 15. 6. 1972 in Langenhagen am 28. 2. 1997 um 20 Uhr auf dem Marktplatz in Langenhagen." Sechzig solcher Plakate hingen vor zwei Jahren in Hannover, eines von ihnen ist jetzt in der Kunstbank in Berlin ausgestellt. Eine tote Terroristin erzählt von ihrer Verhaftung: Das muß Kunst sein. Dabei ist am 28. 2. 1997 in Langenhagen tatsächlich über die RAF-Gründerin und ihre Festnahme gesprochen worden. Nur daß Meinhof selber eben nicht dabei war. Achtzig Einwohner des Hannoverschen Stadtteils versammelten sich auf ihrem Marktplatz, wo eine Bühne mit einem Stehpult, einer üppigen Lautsprecheranlage und einem Dutzend Stühlen davor aufgebaut worden war. Um 20 Uhr richtete sich ein weißer Scheinwerferstrahl auf das Pult, doch sonst passierte nichts. Im Publikum machte sich Unmut Luft. "Es ist eine Riesensauerei, daß der Stadtdirektor diese Veranstaltung nicht verhindert hat", empörte sich ein älterer Herr. Und eine Frau mit Regenschirm pflichtete ihm bei: "Ich finde so etwas paßt im Moment nicht in die Zeit."Zu hören und teilweise auch zu sehen sind diese Reaktionen auf einem nachtschwarzen, mitunter heftig verwackelten Video, mit dem die Künstlergruppe "paint the town red" (p.t.t.red) ihre Aktion festgehalten hat. Hinter p.t.t.red stecken die beiden in Kreuzberg ansässigen Künstler Stefan Micheel und Hs Winkler, die ihre Arbeit konsequent in den öffentlichen Raum verlagert haben. Mit ihren Eingriffen kratzen sie an der Oberfläche der Wirklichkeit kratzen. Was darunter zum Vorschein kommt, ist manchmal bitter, meist aber komisch. Als sie 1995/96 als Stipendiaten in Amerika waren, gelang es p.t.t.red sogar, eine Lücke im Sicherheitsnetz von Ellis Island zu nutzen, 56 Richtscheinwerfer zu manipulieren und die Freiheitsstatue für eine Nacht in ein rotes Licht zu tauchen. Bilder des beeindruckenden Lichtspiels sind in der Kunstbank zusammen mit den Erinnerungen an andere Happenings als Holzspielzeuge auf einem "Objekttisch" arrangiert. Die Wand dahinter ziert ein Fries von Polaroidfotos, auf denen Pflastersteine, Teereinfahrten, Treppen in extremer Nahsicht zu sehen sind. Jeweils 77 Orte in New York und Berlin, mit einem weißen "m" markiert: Hier wurde gemordet.Mit Mord und Totschlag beschäftigt sich auch Daniela Alina Plewe, allerdings auf eine abstraktere Art. "Ultima Ratio" heißt die interaktive Installation der Berliner Künstlerin, die auf der Ars Electronica in Linz ihre Premiere hatte und momentan in der Zeche Zollverein in Essen aufgebaut ist. In der Kunstbank, die im Monatsrhythmus die Arbeiten von mit Senatsmitteln geförderten Stipendiaten präsentiert, ist eine PC-Version ihrer Arbeit zu sehen. Es geht um die Rationalität des scheinbar Irrationalen und darum, wie nah eine Maschine den Gefühlen des Menschen kommen kann. Ausgehend von Figuren aus der populären Mythologie versucht der Computer, Intuition in Logik zu übersetzen. Soll Hamlet Claudius töten? Darf Ingrid Bergman in "Casablanca" Victor Lazlo verlassen? Je vertrackter die Frage, desto psychedelischer werden die Linienmuster, die über den Bildschirm tanzen.

Kunstbank, Brunnenstr. 188-90, Mitte, Mo-Fr 14 bis 18 Uhr, bis 30. Juli. Beim Galerienrundgang am 17. Juli von 17 bis 21 Uhr geöffnet

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