Kultur : Die Mühlen der Ebene

Andreas Dresens Politikerporträt „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“.

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So sehen Sieger aus. Henryk Wichmann vertritt die Uckermark im Brandenburger Landtag. Foto: Piffl Medien
So sehen Sieger aus. Henryk Wichmann vertritt die Uckermark im Brandenburger Landtag. Foto: Piffl Medien

Vor fast zehn Jahren hatte der Regisseur Andreas Dresen für seinen Dokumentarfilm „Herr Wichmann von der CDU“ den Bundestagswahlkampf des damals 25-jährigen Studenten Henryk Wichmann in der Uckermark begleitet. Gegen den SPD-Konkurrenten Markus Meckel, immerhin der letzte Außenminister der DDR, und seine Mehrheiten im 50-plus-Prozentbereich gab es für den jungen Christdemokraten in der Diaspora damals keine Chance.

Doch im Jahr 2009 kam Wichmann als Nachrücker über die Landesliste in den Brandenburger Landtag. Und bald war auch Dresen wieder dabei, Wichmanns politischen Alltag mit Kamera und Ansteckmikrofon zu begleiten. Es ist ein anstrengender Alltag, weil Wichmann nicht zu den politischen Sesselpupsern gehört, sondern als hyperaktiver Kommunikator seinen Status als Volksvertreter fast naiv ernst nimmt. So braust er neben der Potsdamer Parlamentsroutine im Auto zwischen Seniorentreffen, Ortsterminen und den von ihm neu eingerichteten Bürgerbüros hin und her.

Die Wichmann dort zur Eröffnung überbrachten Topfpflanzen sind einer der klug eingesetzten (auch metaphorisch zu lesenden) visuellen running gags von Dresens höchst unterhaltsamer dokumentarischer Tragikomödie. Gezähmtes Büro-Grün, dessen wildnatürliches Gegenstück der Schreiadler ist, der über Brandenburger Wiesen und Wäldern kreist, von den Naturschutzverbänden Nabu und BUND unterstützt, aber von Wichmann gefürchtet. Der Greifvogel gehört zu Wichmanns Lieblingsfeinden, im Film hat das Tier einige symbolische und teilweise grotesk-komische Auftritte als großer Infrastruktur-Verhinderer. Dabei lässt sich mustergültig besichtigen, dass auch Naturschützer paragrafenreiterische Bürokraten sein können.

Wichmann handelt durchaus als Idealist. Die Kontrolle der Exekutive ist für ihn die Hauptfunktion von Politik. Neben dem Umweltschutz und einem Bahnunternehmen sind es im Film Kreis- und Landesbehörden, mit denen er im Clinch um illegale Mülldeponien oder einen von Nachbarn gemobbten Hartz-IV-Empfänger liegt. Dabei kungelt der Unionist gerne auch mal mit Ministerpräsident Platzeck von der SPD.

Im Vergleich mit dem Vorgängerfilm kommt Wichmann in „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ gut weg. Denn in den Mühen der politischen Ebenen lässt sich von den manchmal schildaesken Lebensrealitäten in der Provinz mehr und tiefer erzählen als beim Blick auf einen Wahlkämpfer. Und der Naturalismus, an dem Dresens Spielfilme (zuletzt „Halt auf freier Strecke“) manchmal leiden, ist im Dokumentarischen kein Problem. Schön, dass der ohne einen Off-Kommentar auskommende Film genauso kritisch auf den Politiker wie auf die Bürgerinnen und Bürger blickt. Einige der auftretenden Brandenburger sehen dabei nörgelnd und quengelnd nicht gut aus, der Wille zur Selbsthilfe scheint oft klein.

Und Herr Wichmann, der Held? Natürlich ist es in der Opposition leicht, Bürgernähe zu zeigen. Sicherlich spielt bei seinen Aktionen immer auch Selbstinszenierung mit. Einmal, in einer Landtagsdebatte – worum ging es noch mal? – gerät das Bild des sympathischen Streiters fürs Allgemeinwohl gefährlich ins Wanken. Als Wichmann und ein Parteikollege eine Rednerin aus dem Regierungslager mit diffamierenden Bemerkungen verhöhnen, ahnt man, dass auch einiges an dunkler Energie in dem jungen Abgeordneten stecken muss. Einen Tag lang hätte Wichmann Einspruch gegen die Veröffentlichung der Szene einlegen können, so war es mit Dresen abgemacht. Er hat es nicht getan. Wer weiß, wie weit Henryk Wichmann es noch bringen wird. Als Zuschauer wäre man gerne weiter mit dabei.

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