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Die Rettung : Stiftung Denkmalschutz übernimmt das Nicolaihaus

24.07.2011 16:50 Uhrvon
NicolaihausBild vergrößern
Nicolaihaus - Foto: ddp

Die Geschichte hätte auch schief gehen können. Was es für Berlin bedeutet, dass der Schlüssels des Nicolaihauses an diesem Montag an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz übergeben wird, wird nur klar, wenn man sich das bewusst macht.

Eine Leidensgeschichte war es ohnedies. Nach der Wende war das Haus in die Gefahrenzone geraten, die sich in diesen Jahren oft zwischen neuen Besitzverhältnissen und der Suche nach einer dauerhaften Nutzung auftat. Dabei gehörte das Nicolaihaus zu den nicht so zahlreichen historischen Bauten, die zu DDR-Zeiten umfangreich restauriert worden waren. Doch nach der Wiedervereinigung, dem Land Berlin übereignet, wartete auf das Haus kein neuer Beginn, sondern ein jahrelanger Leerstand. Er gab zu den ärgerlichsten Befürchtungen in Hinsicht auf sein Überleben Anlass.

Das Stadtmuseum, zu dem das Nicolaihaus im Jahr 2000 kam, hat immerhin versucht, dem schönen, aber abgelegenen Ort mit Ausstellungen wieder öffentliche Anziehungskraft zu verschaffen.

Doch als das von der Stadt notorisch stiefmütterlich behandelte Museum sich darauf konzentrierte, die begrenzten Möglichkeiten in seinem Stammhaus, dem Märkischen Museum, durch den Umbau des gegenüber gelegen Marinehauses zu lösen, geriet das Nicolaihaus abermals an den Rand der städtischen Aufmerksamkeit. Wer sich in die Brüderstraße verirrte, der stieß auf ein Gebäude, auf dessen Bedeutung nicht weniger als acht Gedenktafeln hinwiesen, das aber zusehends das deprimierende Bild einer alternden, mit Nichtachtung bedachten Schönheit bot.

Die Gründung eines Freundeskreises 2008 hatte da durchaus etwas von dem verzweifelten Versuch, ein drohendes Geschick doch noch zu wenden. Als Rettungsangel warf er die einschlägigen Gedankenkonstrukte musealer und kultureller Nutzung aus, in diesem Fall die naheliegende Idee eines „Museum der Aufklärung“. Damit konnte er sich darauf berufen, dass sich in dem Haus schon einmal ein Museum befunden hatte, sogar mit einschlägiger Bestimmung: ein Lessing-Museum, gegründet 1910, nachdem das Haus, in dem Lessing in seiner Berliner Zeit gewohnt hatte, nach langem Kampf einer Erweiterung des Kaufhauses Tietz zum Opfer gefallen war. Geschichtszeugen hatten es auch damals, im Vorkriegsaufschwung, schwer. Das Museum wurde 1936 geschlossen, vermutlich fiel es dem NS-Zeitgeist zum Opfer.

Die Lage in dem städtebaulich ödesten Winkel der Berliner Mitte tat ein Übriges. In dem Sackgassen-Geviert zwischen der Gertraudenstraße, der Gartenmauer des ehemaligen Staatsratsgebäudes und gesichtslosen Plattenbauten führte es zusammen mit seinem Geschwister-Bau, dem Galgenhaus, eine triste Nischenexistenz; nur die sächsische Landesvertretung verbreitet hier so etwas wie städtisches Flair.

Dabei ist das Nicolaihaus eine der wenigen historischen Stätten in der Mitte Berlins, die der Stadt nach Kriegszerstörung und dem kahlschlaghaften Aufbau der DDR-Hauptstadt geblieben ist. Ein kleines Buch, das Marlies Ebert und Uwe Hecker vor ein paar Jahren veröffentlicht haben, zeigt es als kulturell ungemein fruchtbares Biotop. Hier verkehrte das gebildete Berlin, angezogen von dem Namensgeber, den Marcel Reich-Ranicki den „Begründer unseres literarischen Lebens“ nannte. Rainer M. Lepsius, eine große Gestalt in der Soziologie der Bundesrepublik, selbst ein Nachfahre der Familie Parthey, die das Haus im 19. Jahrhundert besaß, sah in dem Haus einen Bezugspunkt für „das gesamte Panorama der Kultur Berlins von Friedrich II. bis zu Wilhelm I. aus bürgerlicher Perspektive“.

Dem Einlaufen des Nicolaihauses in den Hafen der Stiftung Denkmalschutz kommt überdies der Rückenwind der Debatten um die künftige Stadtgestaltung zugute. Denn man muss seine Zukunft auch im Kontext der Suche nach Wiederbelebung der alten Mitte sehen. Die Wiederherstellung des Schlosses und auch die Besinnung auf die verlorene Altstadt Berlins, zutage tretend in den Ausgrabungen am Rathaus wie in den Planungen für den Petriplatz wie in den erstaunlichen Besucherzahlen der Ausstellung über Berlins Mitte im Ephraim-Palais, werden ihm eine neue Stellung im Stadtgefüge verschaffen. Die Lage, an der das Haus bisher litt, könnte zur Chance werden. Die kommenden Jahre werden den toten Winkel aufbrechen, in dem es existierte. Das wird dem alten Haus ein neues Umfeld verschaffen.

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