Die Schauspielerin Charlotte Rampling : „Kate, das bin ich“

Charlotte Rampling erhielt auf der Berlinale für ihre Rolle in „45 Years“ den Silbernen Bären. Jetzt kommt das britische Ehedrama ins Kino. Eine Begegnung.

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Charlotte Rampling in Andrew Haighs Ehedrama „45 Years“, das am Donnerstag in die Kinos kommt.
Charlotte Rampling in Andrew Haighs Ehedrama „45 Years“, das am Donnerstag in die Kinos kommt.Foto: Piffl

Sie sitzt am Tisch, mit dem Rücken zur Tür. Der Interviewraum im Londoner Hoxon Holborn Hotel ist klein, wer eintritt, stolpert fast über sie. Typisch Charlotte Rampling. Gleich ist man ihr nah, und sie wahrt doch Distanz. Die Leute mit offenen Armen empfangen, das ist nicht ihr Stil. Roter Teppich, Papparazzi, das mag sie eh nicht. Puh, sie schüttelt sich, wedelt mit ihren schmalen Händen in der Luft, lacht mit ihrer tiefen rauen Stimme. Ja doch, sie macht den Medienrummel mit, sie tut es für den Film, den sie liebt, es ist ihr Job, sagt sie und fügt ihrer Stimme eine Prise Befehlsgehorsam hinzu. Als ob sie innerlich die Hacken zusammen schlägt und sich dabei amüsiert.

Charlotte Rampling, Jahrgang 1946, Tochter eines britischen Colonels (der 1936 in Berlin olympisches Staffel-Gold gewann), Sex- Ikone der Swinging Sixties, Ex von Jean- Michel Jarre, Mutter zweier Söhne, inzwischen Großmutter – und eine der aufregendsten Schauspielerinnen ihrer Generation. Sie war Lucia, die frivole KZ-Überlebende in „Der Nachtportier“, sie war Elisabeth in Viscontis „Die Verdammten“, sie war die betörende Dorrie in Woody Allens „Stardust Memories“, die trauernde Marie in François Ozons „Sous le sable“, die raffinierte Schriftstellerin Sarah in dessen „Swimming Pool“.

Sie war auch Helmut Newtons erstes nacktes Modell, auf dem berühmten Foto von 1973, sie machte Skandal. Seit 50 Jahren provoziert, bezaubert, bewegt Charlotte Rampling ihr Publikum, in 100 Filmen und mehr. Die Franzosen – sie lebt seit vielen Jahren in Paris – nennen sie „La Légende“. Vor allem ihr Blick hat Filmgeschichte geschrieben. Diese grünen, verschatteten Augen, die den Schrecken und die Schönheit der Welt bergen.

Die Tragödie spielt sich in Charlotte Ramplings Gesicht

An diesem Interviewtag in London trägt sie eine weiße Bluse und eine Leinenjacke darüber, aschblondes Haar, kein Schmuck, kein Lippenstift, eine schlichte, monochrome Charlotte Rampling. Ohne aufzuschauen sagt sie: „Kate zu spielen, das war, wie ich selber zu sein.“ Kate Mercer in Andrew Haighs „45 Years“, der auf der Berlinale uraufgeführt wurde und am Donnerstag ins Kino kommt, ist genau so alt, genau so ungeschminkt wie Rampling. Eine Frau, die mit sich im Reinen ist, wenige Tage vor dem Fest zu ihrem 45. Hochzeitstag. Ein Brief an ihren Ehemann Geoff trifft ein, der ein Geheimnis aus dessen Vergangenheit offenbart und die Liebe der beiden radikal in Frage stellt. Ihre lebenslange Nähe, die Vertrautheit – eine Lüge? Kate ist in ihren Grundfesten erschüttert. Aber sie macht keine Szene, weint keine Träne, verzweifelt nicht, sagt die Party nicht ab. Die Tragödie spielt sich im Stillen ab, in Charlotte Ramplings Gesicht.

„Gut, Kate ist Lehrerin gewesen und hat anders als ich keine Kinder“, gesteht Rampling ein. Aber auch sie kennt langjährige Beziehungen (mit Jarre war sie 20 Jahre verheiratet, mit Jean-Noel Tassez ist sie seit 1998 liiert), auch sie hat ein gutes Stück ihres Lebenswegs zurückgelegt: „Kate, das bin ich. Ich meine nicht den Filmstar, ich meine mein eigenes, inneres Selbst, meine Erfahrungen, meine Seele.“

Rampling nennt sich eine instinktive Schauspielerin. Method Acting, da schüttelt sie sich wieder, redet sich fröhlich in Rage. „Dieses Analytische, das passt nicht zu mir. Herumgrübeln, welchen Hintergrund die Figur hat, warum sie jetzt so und nicht anders dasitzt und ob man diese oder jene Geste vielleicht minimal ändern sollte, nein, das ist nicht meins.“

Bei ihrer ersten größeren Rolle, der Komödie „Rotten to the Core“, war sie 19, von lauter Profis umgeben und kam sich vor wie ein Parvenü. „Aber ich hatte keine Angst vor der Kamera, das hat mich selbst überrascht.“ Also absolvierte sie keine dieser seriösen dreijährigen britischen Schauspiel-Ausbildungen, lernte nur ein bisschen am Londoner Royal Court Theatre, blieb Autodidaktin und machte ihre eigene Filmschule auf, wie sie es nennt. Die kurzen Momente beim Dreh, „bits and pieces, die man vervollkommnen kann, das eignete sich bestens zum Üben.“

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