Kultur : Die Schönheit auf dem Knie

Alles soll fließen in den Gedichten des kroatischen Dichters Zvonko Makovic.

Volker Sielaff

Er ist nicht zu verstehen ohne seine erste Profession. Zvonko Makovic, 1947 in Osijek geboren, hat an der Universität Zagreb einen Lehrstuhl für moderne Kunst und visuelle Kommunikation inne. So gibt es auch in seinem dichterischen Werk zahlreiche Bezüge zur bildenden Kunst. Die Betrachtung von Bildern, die seiner Meinung nach weniger lügen als Worte, hat einen direkten Einfluss auf seine Poetologie. Makovic ist ein skeptischer Phänomenologe. Er schaut die Dinge an, die ihn umgeben, er spricht ihre Namen aus – aber er zweifelt daran, dass damit viel gesagt ist.

Man kann Makovics Schreibverfahren mit den Techniken moderner Maler vergleichen, die ihre Gegenstände bis auf die Grundformen zurückführen wollen. Magrittes lakonische Bemerkung unter der Darstellung einer Pfeife, „Ceci n’est pas une pipe“ (Das ist keine Pfeife), dürfte ihm gefallen. Makovic wirft gewissermaßen einen Blick hinter die Wörter und ihre Bedeutungen. Er misstraut ihnen auf beinahe zärtliche Weise.

„Lügen, warum nicht“, ist der lakonische Titel seines von Joachim Sartorius, Hans Thill und Ernest Wichner herausgegebenen Gedichtbandes. Das hier beinahe trotzig klingende „warum nicht?“ verweist darauf, dass die Sprache in diesen Gedichten von ihren Kommunikationspflichten befreit werden soll: „ich begann zu sprechen / und schon habe ich gelogen: perfekt ist nicht präsens. / präsens ist perfekt. worte sind nicht worte. worte / sind worte. lügen. warum nicht?“, so beginnt Makovic. Mittels Sprechen die Sprache auf die Probe stellen – so könnte man das poetologische Programm dieses Dichters auf den Punkt bringen.

Das lyrische Ich scheint denn auch verwundert zu begreifen, dass es „von der Vorstellung über mich selbst“ unabhängig wird, und das ist dann wie eine Befreiung vom Druck der Bedeutungen, diejenige eingeschlossen, selbst jemand Bestimmtes zu sein. Was eben noch feststand, kann sich im nächsten Moment schon geändert haben. Von „Sprache, die ungestört fließt“, träumt er in einem Parlandoton, bei dem ein Wort das nächste gibt – und das, wie es in dem Gedicht „Voreilige Entscheidungen“ heißt, „ohne sichtbare Gewalt“.

Man könne sich, sagt er, der Sprache „nicht beliebig bedienen“. Vielmehr bediene sie sich unser, indem sie immer wieder in einem „dazwischen“ und einem „doch“ verweile. Krešimir Bagic sieht in Makovic einen Dichter, bei dem sich „Provokation des Experiments und akademische Gefasstheit, Emotion und Gedanke, Vers- und Prosaordnung“ die Waage halten. Dabei misstraut Makovic jeder allzu gefälligen Balance: „Dein schönes Schreiben geht mir langsam auf die Nerven. / Der Satz schließt sich an den anderen an / und die Worte beginnen der Heilsarmee zu ähneln. / Setze die Schönheit auf deine Knie. / Siehst du nicht ein, dass sie bitter ist?“ Volker Sielaff

Zvonko Makovic: Lügen, warum nicht? Gedichte. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2012. 100 S., 18 €.

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