Kultur : Die Unterweltordnung

Alles Gangster: „Killing Them Softly“ – Andrew Dominiks packender Thriller über die Krise Amerikas.

Julian Hanich
Foto: AP/dapd
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„Es geht nur ums Geld“, schreit der Kleinganove. „Kohle auf den Tisch, und keiner wird verletzt.“ Seine Stimme klingt nervös. Mit seinen Küchenhandschuhen und der Strumpfhose überm Kopf sieht er zudem ziemlich lächerlich aus. Im Auto hatte er mit seinem Kumpanen noch große Reden geschwungen. Doch vor diesen Poker spielenden Männern mit den breiten Schultern, Goldketten und Tätowierungen dämmert ihm: Der Überfall war wohl keine gute Idee. Dabei ahnt er noch nicht, dass ihnen von nun an das organisierte Verbrechen auf der Spur sein wird. Die Bosse schicken den beiden den supercoolen Killer Jackie Cogan (Brad Pitt) hinterher: schwarze Lederjacke, Sonnenbrille, Gel im Haar. Mit seinem hochgetunten 70er Jahre Pontiac GTO wirkt er wie Ryan Gosling in „Drive“.

„Es geht nur ums Geld.“ Der amerikanische Traum ist der Traum vom Reichwerden – ziemlich egal, mit welchen Mitteln. So sieht es Andrew Dominik. Für seinen dritten Spielfilm „Killing Them Softly“ hat der Australier sich George V. Higgins’ Roman „Cogan’s Trade“ (1974) gegriffen und ihn in die Zeit der Lehman-BrothersKrise und des ObamaMcCain-Wahlkampfs verlegt.

Aus dem Radio ertönt die Stimme George W. Bushs, der die Produktivität der amerikanischen Arbeiter feiert. Im Fernsehen beschwört Obama den Wandel. Und während im medialen Hintergrundrauschen vom neu zu gewinnenden Vertrauen in die Märkte die Rede ist, macht sich Jackie Cogan auf eigene Art ans Werk, die Verlässlichkeit des Geschäfts wiederherzustellen.

Die Botschaft ist klar: Ob Kleinkriminelle oder Großspekulanten – im urkapitalistischen Amerika darf dem Geschäftemachen nichts in die Quere kommen. Diese Haltung hat Amerika heruntergewirtschaftet. Dominik zeigt deshalb: Dreck, Brachen, heruntergekommene Gebäude. Und immer wieder hört man Figuren Sätze wie „This country is fucked“ sagen.

Für die subversiven Signale des resignativen „hardboiled“Films könnte man Dominik auf die Schulter klopfen. Doch hat er es gar zu offenkundig auf dieses Lob abgesehen. Tatsächlich hat der Sarkasmus über die USA auch etwas Wohlfeiles. In Amerika geht es nur ums Geld? Ach ja, seufz.

Dabei bietet die Geschichte des NoirFilms und des Gangster-Genres genug raffinierte Beispiele für eine parabelhafte Kritik am US-Kapitalismus. Wäre doch die Botschaft von „Killing Them Softly“ so subtil wie die Inszenierung! Da sind die packenden Schießereien in Extremzeitlupe. Oder die Prügelszene, die Blut und Kotze nicht scheut. Und einmal nimmt die Kamera die subjektive Perspektive eines Junkies auf Heroin ein – ein wildes Virtuosenstück. Vor allem aber lebt der Film von seinem Design, dem Soundtrack und intensiven Dialogen, in denen sich verwitterte Gesichter mit rauen Stimmen harte Sätze entgegenschleudern: James Gandolfini, Ray Liotta, Richard Jenkins. Und der wieder einmal ganz besonders lässige Brad Pitt. Julian Hanich

In zehn Berliner Kinos; Originalversion

im Cinestar Sony Center, OmU im

Babylon Kreuzberg und Hackesche Höfe

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