Kultur : Die USA, die Israel-Lobby und der Rest

Eine obskure amerikanische Debatte

Christoph von Marschall

Manche Thesen sind nicht falsifizierbar. Gegenargumente bringen die Gläubigen nicht von ihrer Überzeugung ab. Sie werden als scheinbare Belege interpretiert. So eine These ist die vom überragenden Einfluss der Israel-Lobby in den USA.

Zwei Professoren für internationale Beziehungen, John Mearsheimer aus Chicago und Stephen Walt aus Harvard, haben in einem länglichen Essay – 21 eng bedruckte DIN A 4-Seiten – Altbekanntes zusammen getragen: Israel bekommt von den USA mehr direkte Finanzhilfe pro Kopf als jedes andere Land, zu besonders günstigen Bedingungen, dazu Militärhilfe und beispiellose politische Unterstützung. Seit 1982 haben die USA in den UN 32 israelkritische Resolutionen per Veto verhindert. Wie kann es kommen, fragen die Autoren, dass Amerika eine Politik führe, die erkennbar den nationalen Interessen schade, den Ölpreis in die Höhe treibe, das Verhältnis zur arabischen Welt vergifte? Natürlich gibt es nur eine Antwort: der Einfluss der Israel- Lobby. Auch der Irakkrieg wurde nur dank jüdischer Einflüsterer geführt.

Die Technik der Autoren ist raffiniert simpel. Sie leugnen das Offensichtliche in Verschwörerton: Dass Israel die einzige Demokratie in Nahost zwischen Diktaturen sei, „kann das Ausmaß der Hilfe nicht erklären“. Wieso eigentlich nicht? Die USA haben auch Berlin 44 Jahre geschützt, ohne zu fragen, ob es sich bezahlt macht. Die Israel-Lobby wird mal links („New York Times“), mal rechts (Evangelikale) verortet, wie es passt.

Eine „furiose Debatte“ hätten sie mit ihrem „mutigen Stück“ in der „London Review of Books“ ausgelöst, ist nun in wenigen Zeitungen und manchen Internetseiten zu lesen. Tatsächlich hatten die Autoren in den USA niemand gefunden, der ihre Studie drucken wollte – was wiederum ein Beweis ist für …? Richtig: den Einfluss der Israel-Lobby! Die angeblich furiose Debatte in Amerika beschränkt sich im Wesentlichen auf Verrisse. Präsident Clintons Nahost-Beauftragter Dennis Ross nennt den Text „eine Ansammlung von Unterstellungen. Sie zitieren nur Leute, die ihre Sicht teilen … Der wissenschaftliche Anstrich ist Maskerade.“ Andere Autoren sehen sich im Dilemma, ob man so einen Text nicht besser ignoriert? Wer sich die Mühe mache, all die Fehler und Verdrehungen aufzudecken, verschaffe den Autoren nur unverdiente Resonanz. Harvard distanziert sich von dem Text, den ihr Dozent Walt als „Arbeitspapier“ auf die Internetseite stellte. Das Uni-Logo wurde vorsorglich entfernt.

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