Diogenes verliert Rechte an Simenon : Maigret zieht um

Der Diogenes Verlag hat die Rechte am Werk von Georges Simenon verloren - die Maigrets und Non-Maigrets erscheinen zukünftig im Kampa Verlag

Maigret-Cover, links ein Buch aus dem Kiepenheuer & Witsch Verlag, rechts Diogenes.
Maigret-Cover, links ein Buch aus dem Kiepenheuer & Witsch Verlag, rechts Diogenes.Foto: Verlage

Wer Paris liebt und gleichermaßen Fan von Georges Simenons Kommissar Maigret ist, dürfte nach jedem Paris-Besuch zumindest einen der 75 Maigret-Romane wieder zur Hand nehmen und lesen – um die Pariser Atmosphäre ein bisschen länger nachzufühlen, um Maigret auf genau den Straßen zu folgen, die einem allein wegen Simenons Maigret-Romanen höchst vertraut sind. Wie zum Beispiel auf der Place des Vosges, die nicht nur einer der schönsten Plätze von Paris ist, sondern an der Simenon hin und wieder Maigret und seine stets um diesen besorgte Frau hat wohnen lassen, und eben nicht am Boulevard Richard Lenoir, dem Stammsitz der kinderlosen Maigrets.

Warum? Die Erklärung gibt es in „Maigrets Memoiren“, dem Maigret-Band, in dem sich der Autor und sein Held begegnen. Als nämlich das Haus am Boulevard Richard Lenoir renoviert wird, dauern diese Arbeiten wegen eines Streiks viel länger als geplant, und Simenon fragt seinen Helden: „Warum ziehen Sie nicht in meine Wohnung an der Place des Vosges, bis die Arbeiten beendet sind?“ Gefragt, getan. „So kam es“, erzählt Maigret, ausnahmsweise mal in der Ich-Perspektive, „dass wir dort lebten – in Nr. 21, um genau zu sein –, ohne dass man uns vorwerfen kann, wir seien unserem guten alten Boulevard untreu geworden.“

So wie das eigentliche Zuhause von Maigret also der Boulevard Richard Lenoir ist, so sind die deutschsprachigen Übertragungen der Romane von Simenon, die Maigrets wie die weit über hundert sogenannten Non-Maigrets, seit Ewigkeiten im Diogenes Verlag beheimatet gewesen. Seit 1977, um genau zu sein, nachdem die Rechte vorher fast ein Vierteljahrhundert der Verlag Kiepenheuer & Witsch besessen hatte. Ein Maigret-Roman hatte also immer dieses klassisch-schlichte Cover mit weißem Rand, dem gelben Hintergrund und der schwarzen Silhouette des Maigret-Kopfes mit Pfeife; später waren die Maigrets ganz in Gelb und Schwarz gehalten, schließlich in Weiß, erst noch mit dem schwarz-gelben Kopf, dann mit schwarz-roter Schrift, ohne Maigret-Kopf, dafür mit kleinen realistischen schwarz-weißen Magnum-Aufnahmen von Pariser Szenen. Zuletzt legte Diogenes alle Maigrets noch einmal in gebundenen, sehr schönen Ausgaben auf, für den Preis der Taschenbücher, darin ein Stadtplan.

Kampa will auch viele der Bücher von Simenon neu übersetzen lassen

Doch damit ist jetzt Schluss. Die Diogenes-Simenons werden zu Sammlerstücken, so wie schon die uralten und hübschen KiWi-Taschenbuchausgaben. Der Zürcher Verlag hat die Rechte an Simenon verloren. Simenons zweitältester Sohn John, der seit 15 Jahren die Weltrechte am Werk seines Vaters verwaltet, hat sie dem Eigentümer und Geschäftsführer des neu gegründeten Kampa Verlags übertragen, Daniel Kampa. Dieser leitete bis vor Kurzem noch die Geschicke des Hoffmann und Campe Verlags, ist dort aber seit zwei Monaten nur noch beratend tätig. Ein bisschen erinnert dieser Rechtewechsel an Maigrets zeitweiliges Beziehen der Wohnung seines Erfinders an der Place des Vosges: Denn Kampa hat sich, bevor er zu Hoffmann und Campe ging, fast ein Jahrzehnt lang beim Diogenes Verlag um die Bücher von Georges Simenon gekümmert. Die Umgebung bleibt also eine vertraute, der Simenon-Schatz ist weiter in guten Händen.

Die Frage jedoch stellt sich, ob so ein großes Werk als ideale Startgrundlage für einen neu gegründeten Verlag geeignet ist, zumal wenn es, wie Kampa es vorhat, zum großen Teil neu übersetzt werden soll. Das Publikum gibt es natürlich, die Bücher Simenons, in sechzig Sprachen übersetzt, haben eine weltweite Gesamtauflage von 500 Millionen Exemplaren. Nur: Lassen sich wirklich neue, jüngere Leser und Leserinnen für die Simenon-Welt begeistern, so zeitlos diese dargestellt sein mag? Darauf wird es wohl ankommen, das muss das Ziel sein. Denn der wahre Maigret- und Simenon-Fan, der hat viele Exemplare von diversen Diogenes-Ausgaben im Schrank, der hat manchen Maigret und auch Non-Maigret doppelt, manchmal gar dreifach. Und jetzt wieder von vorn anfangen? Sich zum Beispiel alle Maigrets ein weiteres Mal in der Kampa-Edition besorgen, die ab März 2018 startet? Hm. Ach, vielleicht doch.

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