Doku "Treffpunkt Erasmus" über Werner Klemke : Fälschungen fürs Leben

Die Filmdokumentation "Treffpunkt Erasmus" zeigt, wie der Berliner Zeichner und Illustrator Werner Klemke Juden vor den Nazis rettete.

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Werner Klemke (ganz rechts) als deutscher Besatzungssoldat im Kreise seiner Kameraden.
Opportunist und Widerständler zugleich: Werner Klemke (ganz rechts) als deutscher Besatzungssoldat im Kreise seiner Kameraden.Foto: Verleih

Friedliche Bilder aus Bussum, einem Städtchen zwanzig Kilometer östlich von Amsterdam. Sonnendurchflutete Gärten, alte Villen. Ein Villenbesitzer führt durch sein Haus. Durch modern eingerichtete Zimmer geht es die Treppe hoch zum Dachboden. Der enge, leer stehende Raum verfügt über eine Besonderheit. Wenn er von innen verschlossen wird, schwingt ein Balken gegen den Eingang. „Dann kommt von außen niemand herein“, sagt der Hausherr. Im Zweiten Weltkrieg haben sich Juden auf diesem Dachboden versteckt. Der Raum scheint noch immer angefüllt zu sein von Angst und Verzweiflung, der Hoffnung und dem Durchhaltewillen von damals.

Die Szene aus dem Versteck ist der Anne-Frank-Moment in dem Dokumentarfilm „Treffpunkt Erasmus“. Anne Frank, die berühmte Tagebuchschreiberin, wurde im August 1944 mit ihrer Familie im Amsterdamer Hinterhausversteck von den deutschen Besatzern verhaftet. Sie starb im KZ Bergen-Belsen. Die Flüchtlinge auf dem Dachboden von Bussum überlebten. Warum? Weil niemand sie verriet, und weil ein paar Menschen ihnen halfen, die dabei ihr Leben riskierten. Einer davon war der Mann, dem die niederländische Regisseurin Annet Betsalel ihren Film gewidmet hat. Werner Klemke, der später zu einem der berühmtesten Illustratoren und Buchgestalter der DDR aufsteigen sollte, hat als deutscher Besatzungssoldat in Holland sein Zeichentalent dafür eingesetzt, Papiere für Verfolgte zu fälschen.

„Auf den Krieg war ich vorbereitet“, hat Klemke 1962 in einem Interview erzählt. „Nicht vorbereitet aber war ich, dass ich das entsetzliche Schicksal unschuldiger Menschen mitansehen musste, denen man nichts weiter zur Last legen konnte, als dass sie auf der Welt waren.“ Bei einem Besuch in Amsterdam wurde der Wehrmachtssoldat zufällig Zeuge der „Zentralreinigung des großen Ghettos“. Er sah, wie „bei schönstem Sommerwetter, bei strahlendem Sonntagvormittagssonnenschein“ Menschen zusammengetrieben wurden für die Transporte in die Vernichtungslager, die am Bahnhof Muiderpoort starteten.

Marschierende Zwerge gegen Panzer und Soldaten

Über seine Arbeit im Widerstand hat Werner Klemke nach dem Krieg öffentlich nicht gesprochen. Als Fälscher und Verräter zu gelten, so glaubte der Professor an der Hochschule für Bildende und Angewandte Kunst in Berlin-Weißensee, hätte ihm geschadet. Auch gegenüber seiner Familie beließ er es bis zu seinem Tod 1994 bei Andeutungen. Die Regisseurin stieß in alten Dokumenten aus der Synagoge von Bussum auf Klemkes Namen und begann mit den Recherchen. Mit zweien seiner fünf Kinder, Christian und Ulrike, beide um die 60 Jahre alt, hat sie Stationen seiner Kriegsjahre in den Niederlanden aufgesucht.

Bevor er zum Wehrdienst eingezogen wurde, hatte Klemke als Trickfilmzeichner gearbeitet. Fröhlich durch einen Wald marschierende Zwerge aus seinem Film „Zwergenland in Not“ zeigt „Treffpunkt Erasmus“ im Gegenschnitt mit deutschen Panzern und Soldaten, die in Holland einrücken. Der Gefreite Klemke gelangt als Schreibkraft einer Fliegerabwehreinheit nach Bussum. Ein ruhiger Job, der ihm Zeit für Nebentätigkeiten lässt. Im Holzschnitt ist er „so gut, dass ich jeden Stempel fälschen konnte“.

Zeichnung von Werner Klemke.
Zeichnung von Werner Klemke.Foto: Verleih

Das Antiquariat Erasmus dient als Schleuse in den Untergrund

Als Schleuse in den Untergrund fungiert das Antiquariat Erasmus in Amsterdam. Gegründet von Abraham Horodisch, einem jüdischen Emigranten aus Berlin, war das Geschäft unter deutschen Soldaten dafür bekannt, dass dort auch Bücher von verbotenen Autoren zu bekommen waren, von Tucholsky, Thomas Mann oder Stefan Zweig. Klemke, ein großer Bibliophiler, der später seine Wohnung in Weißensee mit 33 000 Büchern teilen sollte, wurde Stammkunde. Bei Erasmus lernte er den Wehrmachtssoldaten Johannes Gerhardt kennen, der sich mit ihm dem Widerstand gegen das NS-Regime anschloss. Und bei Erasmus hörte er von der Familie van Perlstein, die verzweifelt versuchte, der Deportation zu entgehen. Klemke war kein sonderlich politischer Mensch, aber den gelben Stern, den schon jüdische Kinder tragen mussten, hielt er für „ein Zeichen unserer Schande“.

Als im Sommer 1942 alle jüdischen Einwohner Bussums in das Ghetto von Amsterdam umgesiedelt werden sollen, wächst, so heißt es in einer Chronik der jüdischen Gemeinde, „langsam der Gedanke, sich zu wehren“. Nicht weiter den Befehlen der Deutschen folgen, nicht Handlanger werden, untertauchen. Die Familie van Perlstein hatte in Amsterdam einen Import/Export-Betrieb gegründet, ein Kaufhaus geführt und das Copyright an der ersten holländischen Ausgabe des „Monopoly“-Spiels besessen. Das alles war ihr genommen worden.

Nun stand die Familie, von den Besatzern entrechtet und gedemütigt, vor dem Nichts. Werner Klemke und Johannes Gerhardt verhalfen den van Perlsteins zu einem „arischen“ Großvater. Sie fälschten Dokumente und montierten Fotos, die den Behörden suggerierten, dass der unehelich geborene Vater einen nicht-jüdischen Erzeuger gehabt habe. Im Film zeigen seine Enkel Bilder von seinem Hinterkopf, dem Kinn und den Füßen, die fürs grausig-groteske „Arisierungsgutachten“ eingereicht werden mussten. „Es waren gefährliche Zeiten, aber wir haben auch viel gelacht“, sagte die Mutter nach dem Krieg häufig .

"Treffpunkt Erasmus" erzählt eine Heldengeschichte

Etwa 300 Menschen sollen Klemke, sein Freund Gerhardt, der 1944 bei einem Fliegerangriff starb, und ihre kleine holländisch-deutsche Widerstandsgruppe gerettet haben. Nicht nur Juden, auch politische Flüchtlinge und Deserteure. Es ist eine Heldengeschichte, die „Treffpunkt Erasmus“ erzählt. Aber Klemke, das wird im Film nicht verschwiegen, war auch ein Opportunist. Er arbeitete für Soldatenzeitungen, beteiligte sich an der Propagandaausstellung „Kunst der Front“ im Rijksmuseum, dessen „Bilder Zeugen unseres gerechten Kampfes sein sollten“, und zeichnete eine Karikatur, die den Text von „Lilli Marleen“ antisemitisch persiflierte.

Werner Klemke hat es in der DDR zu Ruhm und Ehren gebracht. Er illustrierte Homer, Diderot und Bocaccio, entwarf Briefmarken und 35 Jahre lang allmonatlich das Cover der Zeitschrift „Das Magazin“. Doch Parteimitglied wurde er nie, seinen Kindern verbot er, an der Jugendweihe teilzunehmen. Was er im Krieg erlebte, prägte ihn. „Es geschah öffentlich“, sagte er über die Schoah. „Ich werde das nicht vergessen können, und ich werde auch die nicht vergessen können, die dafür verantwortlich waren.“

läuft in Berlin in den Kinos Cubix, Cinemaxx Potsdamer Platz, Toni, Kulturbrauerei, Cinemotion, Spreehöfe, Casablanca, Cinestar Hellersdorf

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