Doku über Berliner Straßenhure : "Julia": Krummes Geschöpf Gottes

Regisseurin J. Jackie Baier zeichnet in ihrem beeindruckenden Langzeit-Porträt "Julia" das intime Bild einer Berliner Straßenprostituierten.

von
Julia beim Schminken.
Szenen der Straße: Jaroslavas alias Julia beim Schminken.Foto: J. Jackie Baier

„Auf die Fresse gekriegt, ganz normal“, sagt Julia. Sie steht in einem Hauseingang und erzählt von ihrem Alltag auf dem Berliner Straßenstrich, Abteilung Transen. Vorher hat Julia mal im Hinterzimmer eines Sexkinos gearbeitet, aber auf der Straße fühlt sie sich freier. Hier müsse sie „nicht niederknien“, wie sie in ihrem wunderbaren Deutsch formuliert, durch das ein osteuropäischer Akzent schillert.

Julia zuzuhören in diesem nach ihr benannten Dokumentarfilm ist faszinierend und schockierend zugleich. Denn meist steht die junge Frau mit den rotblonden Haaren und den vollen Lippen unter hohem Alkoholeinfluss. Manchmal sind auch harte Drogen im Spiel. Doch selbst wenn Julia sichtlich zugedröhnt ist, behält sie noch ihre Sprachgewalt, analysiert ihre Lage schonungslos. In der emotionalsten Szene besucht sie den Friedhof ihres litauischen Heimatortes Klaipeda. Zwölf Jahre lang ist sie nicht hier gewesen, schon mit 18 ging sie nach Berlin. Nun soll sie vor der Kamera einen Stein auf das Grab ihres bewunderten Großvaters legen. Sie kommt nicht weit, macht sich in die Hose, kehrt um. Es ist herzzerreißend, wie sie sich anschließend als Versagerin und Wrack beschimpft.

Wie aus Student Jaroslavas Straßenhure Julia wurde

Das Litauenkapitel vermittelt eine Ahnung davon, wie aus dem begabten Kunststudenten Jaroslavas die kaputte Straßenhure Julia werden konnte. Da ist das Bewusstsein für die eigene Transsexualität, das Gefühl, nicht reinzupassen in die konservative Gesellschaft. Dann die erfahrene Nutte, die ihr rät, es mal als Prostituierte im Hafen zu probieren. Wodka hilft, das Geld fließt ...

Regisseurin J. Jackie Baier, die selbst transsexuell ist und zuletzt „House Of Shame – Chantal All Night Long“ drehte, hat Julia zwischen 2003 und 2012 immer wieder fotografiert, interviewt und gefilmt. Das dabei entstandene Vertrauen hat dieses ungewöhnliche, intime Filmporträt ermöglicht, das Julia nie würdelos zeigt. Auf den eingestreuten Fotos ähnelt sie manchmal sogar Marylin Monroe, dann wieder erinnern die Bilder an Porträts der Fotografin Nan Goldin. Ihre frappierendste Charakterisierung liefert Julia eines nachts selbst: „Ich kann nicht sagen, dass ich eine Frau bin, aber ich bin auch kein Mann. Ich bin etwas ... ein Geschöpf Gottes, aber ein krummes Geschöpf Gottes.“

Moviemento; OmU: Krokodil, Xenon

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben