Dokumentarfilm „Untitled“ : Aus der Welt, in die Welt

Schönheit im Chaos: Mit dem kaleidoskopischen Reise-Essay „Untitled“ hat Monika Willi dem filmischen Blick Michael Glawoggers ein Denkmal gesetzt.

Stella Donata Haag
Aufscheuchbilder. Zwei Kämpfer auf einem Volksfest in Sierra Leone.
Aufscheuchbilder. Zwei Kämpfer auf einem Volksfest in Sierra Leone.Foto: Real Fiction

Noch vor der Titelsequenz fasst „Untitled“ die Philosophie des österreichischen Filmemachers Michael Glawogger im Bild zusammen: Vor einem tiefen südlichen Himmel zeichnet sich hinter Schilf ein mehrstöckiger grauer Flachbau ab, „Hotel Eden“ steht in blauer Leuchtschrift auf dem Dach. Im Vordergrund laufen unscharf Personen durchs Bild, hier und da fliegen ein paar Vögel auf. Dann bleibt ein Mann stehen, schaut kurz in die Kamera, verdeckt sie mit seinem Körper und stößt einen lauten Schrei aus. Zigtausende Vögel erheben sich in den Himmel, der sich zu verdunkeln scheint durch dieses panische Ornament, durch die scheinbar ziellosen Flugbahnen, Richtungswechsel, die Aufspaltungen und Neugruppierungen der Formationen.

Das war oft die Absicht hinter seinen halb dokumentarischen Filmen: Glawogger suchte Aufscheuchbilder, deren Schönheit gerade in der Unordnung liegt, die sie in den Köpfen der Zuschauer anrichten. In jedem Kopf eine andere – so wie sich jeder Vogel nach dem Knall einen neuen Platz sucht. Und die Welt damit ein Stück weit eine andere ist. Ein unüberschaubarer Ort, den er filmisch zu erkunden versuchte. „Untitled“ besteht aus Material seiner letzten, auf ein Jahr angelegten Reise um die Welt, die dann nur vier Monate und 19 Tage dauerte: von Italien über den Balkan bis nach Nord- und Westafrika, wo er im April 2014 innerhalb weniger Tage an der aggressivsten Form der Malaria gestorben ist.

Monica Willi, Glawoggers langjährige Cutterin, die auch die Filme von Michael Haneke und Barbara Albert schneidet, arbeitete in Wien bereits an dem Material, das er ihr von unterwegs geschickt hatte. Nach Glawoggers Tod hat sie seinen Film vollendet. Bilder und Texte aus seinem Tagebuch sind darin zu einem imaginären Dialog verwoben, der um ein leeres Zentrum kreist und ohne Antwort bleibt. Der Tod des Autors ist hier ganz wörtlich gemeint, er hinterlässt eine spürbare Leerstelle: herrenlose Bilder, deren „warum“ umso deutlicher ist, weil ihnen das auktoriale „darum“ fehlt. Wie das Volksfest in Sierra Leone mit den extrem körperlichen Choreografien der Ringkämpfe, den Tänzern, den in ihren bunten Roben eingenähten jungen Frauen und den mit Tierzähnen behängten Priestern. Die Bilder erklären sich selbst oder lassen es bleiben.

Durchdacht und trotzdem unvorhersehbar

„Der schönste Film, den ich mir vorstellen kann, ist ein Film, der nicht zur Ruhe kommt“, zitiert der Kommentar den Filmemacher. Es sollte ein Film werden, der kein Thema hat, das ultimative Projekt zum Thema Film und Reisen. Man könnte auch sagen: Reisen und Sammeln. Dabei wird der Erzählfluss der Reise aufgebrochen durch assoziative Montagen, die sich nicht um die Entfernung zwischen den Orten scheren, sondern sich für die Ähnlichkeit ihrer Motive interessieren. Sie gliedern den Film in Akte, ohne klare Zäsuren: Tiere, Körper, Licht, Bewegung, parallel dazu der Wechsel von innen und außen, Wärme und Kälte, Tag und Nacht. So entsteht ein Raster, durch das der Film im Sehen völlig durchdacht und schlüssig wirkt, aber trotzdem immer unvorhersehbar bleibt. Die mal nervöse, mal meditative minimalistische Musik des Komponisten Wolfgang Mitterer auf der Tonspur trägt wesentlich zu dieser gefühlten Ordnung bei.

Die Struktur ist klar, der Prozess der Erkundung intuitiv. Dabei wiederholen sich Themen aus früheren Filmen wie „Megacities“ (1998) und „Whore’s Glory“ (2011): Aufbau und Zerstörung, Arbeit und Müßiggang, Heimat und Globalisierung. Immer wieder Gegensätze. Der Alltag erscheint als Kaleidoskop ästhetischer Zufallsfunde wie der Nachtmarkt bei Stromausfall, der vom blauen Licht der Handydisplays beleuchtet wird. Monica Willi versucht nicht, posthum das geplante Megaprojekt zu rekonstruieren, sondern setzt Glawoggers filmischem Blick ein Denkmal, seiner Neugier und Zärtlichkeit, mit der er auf die Umwelt schaut, auf die Menschen und die Tiere, mit denen sie in unsentimentaler Symbiose den Alltag teilen: Hunde, Ziegen, Hühner, Esel, Kamele, Affen, tote Fische.

Beim Zuschauer stellt sich ein Gespür für die unterschiedlichen Charaktere der Orte ein, ohne dass ihm irgendwann genau mitgeteilt würde, wo er sich befindet. „Let’s get lost“ wäre ein guter Alternativtitel für diesen Film gewesen, ebenso passend wie der, mit dem der letzte Akt überschrieben ist: „Jungle of Eden – Garden of Hell“. Glawoggers Sehnsucht war es, zu verschwinden: „Die Welt ist so groß, man muss sich doch irgendwo verstecken können, wo einen keiner findet.“ Mit seinem plötzlichen Tod ist ihm das auf radikale Weise gelungen.

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