Dotschy Reinhardt : "Ich will nicht so deutsch wie möglich leben"

Sie wurde früher "dreckige Zigeunerin" genannt und trifft heute noch auf Vorurteile. Warum Dotschy Reinhardt mit einer Flucht heiratete und Frank Sinatra liebt.

Interview: Anna Kemper,Esther Kogelboom
Dotschy Reinhardt
Jazz-Sängerin Dotschy Reinhardt -Foto: U. Haut

Frau Reinhardt, wir treffen uns auf dem Marktplatz Ihrer Heimatstadt Ravensburg. Dort drüben ist die katholische Pfarrkirche St. Jodok mit dem Denkmal für die im Holocaust ermordeten Sinti. Darauf steht 16 Mal der Name Reinhardt.

Wenn ich das sehe, denke ich an meine Großmutter. Als Ende der 90er Jahre ein paar Offizielle von der Stadt raus zu ihr nach Ummenwinkel kamen, um die Namen der Toten unserer Familie zu erfragen, sagte sie: „Zuerst bringt Ihr uns um, und dann stanzt Ihr unsere Namen auch noch in rostigen Stahl.“

Ummenwinkel – Ihre Großmutter wohnt immer noch in den alten Nazibaracken vor den Toren Ravensburgs?

Die Baracken wurden vor 15 Jahren abgerissen und durch eine Fertighäuschen-Siedlung ersetzt, in der auch fast nur Sinti leben. Die kriegt da niemand mehr weg. Aber bis in die 80er Jahre hinein lebte meine Großmutter eben in ganz primitiven Baracken ohne Bad und Heizung. Die Nazis hatten die Ravensburger Sinti dorthin umgesiedelt, um sie einfacher deportieren und zur Zwangsarbeit einsammeln zu können. Nach dem Krieg blieben die Überlebenden in Ummenwinkel wohnen. Als Kind fand ich das großartig: Es gab jede Menge Tiere, und weil der Boden aus losen Brettern bestand, konnte ich durch sie die Eier der Hennen vom Boden auflesen. Aber die Bedingungen waren unwürdig. Meine Mutter und ihre neun Geschwister wuchsen dort auf.

Sie selbst haben dort Ihre frühe Kindheit verbracht.

Wir lebten in einem Wohnwagen im Garten meiner Großeltern, bis meine Eltern ihre eigene Wohnung in Wetzisreute hatten. Es war nicht einfach für sie, eine Wohnung zu finden. Erst eine Sozialarbeiterin hat es möglich gemacht, indem sie die Dorfbewohner abstimmen ließ: Wollt Ihr wirklich „Zigeuner“ im Dorf haben oder nicht? Es muss wohl eine Mehrheit für uns gegeben haben.

Und Ihre Eltern haben sich dort zurechtgefunden?

Die ein oder andere Vertrautheit zwischen den Dorfbewohnern und meiner Familie hat sich mit den Jahren entwickelt. Es ist ja inzwischen auch in Wetzisreute angekommen, dass es so etwas wie ein Europa gibt; die Leute grüßen freundlich. Meine Eltern wohnen seit 30 Jahren dort, sesshafter kann man wirklich nicht sein. Trotzdem geht man nicht unbedingt zu den Nachbarn grillen, besucht einander nicht. Das meiste spielt sich nach wie vor innerhalb der Familie ab.

Haben Sie sich deshalb als kleines Mädchen geweigert, in den Kindergarten zu gehen?

Nein, ich wollte einfach nicht so früh aufstehen. Das bedaure ich heute. Wenn ich hingegangen wäre, hätte ich vielleicht einfacher Kontakte zu späteren Mitschülern knüpfen können. Wahrscheinlich wollte ich unbewusst meine Kindheit verlängern.

Sie kamen dann in eine Klasse mit lauter deutschen Kindern. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schultag?

O ja, sehr gut. Meine Mutter hatte mir am Vorabend die Haare mit Zuckerwasser eingedreht. Korkenzieherlocken, dazu ein türkisfarbener Pulli mit goldenen Ärmeln, Dreivierteljeans und Sneakers – ich war topgestylt und sah aus wie Shirley Temple. Die anderen Kinder trugen eher normale Klamotten. Ich war vom ersten Tag an die Exotin.

Sie lachen.

Heute kommt es mir komisch vor, damals war es schrecklich. Meine Mutter hatte solche Angst um mich, dass sie die ersten zwei Wochen im Schulflur blieb. Danach brachte sie mir in jeder Pause eine Leberkässemmel, eine Milchschnitte und eine Capri-Sonne. Sie hatte eine Urangst in sich, die sie wiederum von ihrer Mutter vererbt bekommen hat. Meine Großmutter befürchtete, dass die Deutschen meine Mutter schlecht behandeln könnten. Die Angst war ja auch begründet. Jeden Tag musste meine Mutter ihrer Lehrerin einen Strauß Blumen mitbringen, um sie prophylaktisch milde zu stimmen.

Ihre Muttersprache ist Romanes. Konnten Sie bei Ihrer Einschulung Deutsch?

Nur das Nötigste. Unsere Adresse, falls ich verloren gehe, und meinen Namen. Ich machte Grammatikfehler und hatte Wortfindungsschwierigkeiten, weshalb ich oft belächelt wurde. Es dauerte nicht lange, bis ich als „dreckige Zigeunerin“ beschimpft wurde, doch da hat die Familie dem Schuldirektor die Hölle heiß gemacht. Freundschaften mit deutschen Kindern ergaben sich nicht. Die spielten mit Barbies, ich mit Tieren. Die hörten Pop, ich Jazz.

Erleben Sie heute noch Diskriminierung?

Meinen ersten Job im Plattenladen habe ich zum Beispiel nur bekommen, weil ich mich als Italienerin ausgegeben habe. Außerdem passiert es sehr oft, dass Menschen irgendwie enttäuscht reagieren, wenn sie erfahren, dass ich Sinteza bin. Diese Abneigung spüren wir in ganz Europa: In Neapel wurde vor kurzem eine Roma-Siedlung von italienischen Nachbarn niedergebrannt, mit Eisenstangen wurde wahllos auf die Leute eingeschlagen, weil angeblich ein Mädchen einen Säugling gestohlen haben soll. Mein Onkel Bobby Falta, der Gitarrist ist, wurde am Gardasee von einem einflussreichen Mann eingeladen, mit ihm in seiner Villa zu speisen. Der Italiener wollte irgendwann wissen, woher er kommt. Und als Bobby antwortete, sagte er: „Und jetzt, raus.“

Ein klassisches Vorurteil ist: „Zigeuner“ klauen.

„Holt alles ins Haus, Wäsche, Hühner, Kinder, die ,Zigeuner‘ kommen!“ Mit solchen Klischees wird man immer wieder auf unterschiedliche Weise konfrontiert. Das Lied „Lustig ist das Zigeunerleben“ beinhaltet viele davon: Lustig ist’s im grünen Wald / Wo des Zigeuners Aufenthalt … Ja Gott, weshalb zogen meine Leute denn von Waldversteck zu Waldversteck? Bestimmt nicht, weil sie das so schön fanden. Sie waren einfach nirgendwo sonst geduldet. Zuerst verjagen sie uns, dann verklären sie unsere Fluchtbewegung als wahnsinnig romantisch.

Sie leben mittlerweile mit Ihrem Mann, dem Swing-Musiker und Sinto David Rose, in Berlin-Pankow. Er tritt mit seiner Band manchmal in dem Club „White Trash“ auf, wo der typische Ölschinken mit einer weinenden „Zigeunerin“ hängt.

Hab ich auch schon gesehen. Ich kenne diese Bilder ja schon lange. In diesem Laden findet man die sonderbarsten Sachen, das gehört dazu. Außerdem: Das Bild zeigt eine schöne Frau mit einem herrlichen Dekolleté. Es ist nicht böse gemeint.

Was machen Sie, wenn Sie in Berlin vor einem Lokal sitzen und eine Roma-Kapelle zieht vorbei?

Seltsam, dass Sie das fragen. Erst vor kurzem saßen wir am Kollwitzplatz, als ein Roma-Knirps mit der Mundharmonika vorbeikam. Er hatte gerade angefangen zu spielen, da stürzte der Wirt heraus: „Hau ab zu deinem Zuhälter!“

Wie haben Sie reagiert?

Wir haben sofort bezahlt und sind gegangen. Da werde ich nie wieder hingehen. Ich bin ja auch dagegen, dass man sich im Winter mit Säuglingen auf den Boden setzt und bettelt, gerade in Deutschland muss das nicht sein. Aber man darf seine Wut nicht einfach an einem Knirps auslassen.

Sie waren kürzlich in der Talkshow „Kölner Treff“ zu sehen, wo Sie auf den Fernsehkoch Tim Mälzer trafen. Der erzählte vor laufender Kamera, dass er sich regelrecht vornehmen musste, „Zigeuner“ zu mögen, obwohl die eigene Emotionalität dagegen spricht.

Ich dachte nur: He, was ist denn jetzt los? Ich kam nicht hinter die Logik seiner Äußerung und hatte das Gefühl, dass er die Talkshow als Plattform benutzt, um etwas Negatives über Sinti zu sagen. Ich war aber nicht geistesgegenwärtig genug, um zu reagieren – schließlich war es meine erste Talkshow. Nach der Sendung war Tim Mälzer total aufgedreht, hat sich permanent entschuldigt. Im Hotel bat er mich und meinen Mann an seinen Tisch, aber wir sind schnell aufs Zimmer abgehauen.

Die Sängerin Marianne Rosenberg, die wie Sie Sinteza ist, hat einmal gesagt, dass sie sich nie irgendwo zugehörig gefühlt hat, immer fremd geblieben ist.

Das ist bei mir etwas anders. Ich habe nicht das Gefühl, in Deutschland fremd zu sein; ich genieße die Rechte und befolge die Pflichten. Dann ist da die Musikszene, zu der ich mich zähle. Als ich zum ersten Mal auftrat, war ich nicht länger „Zigeunerin“, sondern eine Sängerin aus Djangos Familie …

… Django Reinhardt war einer der begnadetsten Jazz-Gitarristen der Welt.

Wir jungen Sinti sind seit dem Frühmittelalter die erste Generation meines Volkes auf deutschem Boden, die frei leben kann. Trotzdem ist es so, dass ich als Sinteza kein eigenes Land habe. Leider.

Heißt das, Sie hätten gerne eines?

Na ja, wir haben keine Fußballmannschaft, die wir anfeuern können. Aber wo sollte dieses Land sein? In der indischen Provinz Sindh, von wo meine Vorfahren im 5. Jahrhundert Richtung Westen aufbrachen? Dann schon lieber in der Karibik … Nein, ehrlich: Sinti und Roma haben sich über Jahrhunderte dort eingegliedert, wo sie wohnen. Wir sind seit 600 Jahren in Deutschland.

Sie haben die Geschichte Ihrer Familie bis zu Ihren Ur-Urgroßeltern recherchiert. Warum gibt es eigentlich in Ihrem Buch keinen Stammbaum?

Damit die Totenruhe nicht gestört wird. Außerdem sind wir Sinti ein sehr unbürokratisches Volk. Wir haben nie aufgeschrieben, wer wann wen geheiratet hat. Da kann man viele Angaben einfach gar nicht machen. Ich habe außerdem eine starke Aversion gegen Schreibmaschinenschrift, seit ich eine Kopie der Karteikarte gesehen habe, die die Nazis über meinen Urgroßvater angelegt haben. Was geschrieben steht, gilt automatisch auch als wahr? Nein.

Ihr Urgroßvater Bernhard Heinrich Pfister wurde ins KZ Mauthausen verschleppt und dort im letzten Augenblick aus der Gaskammer gezerrt, weil er musizieren sollte.

Das rettete sein Leben. Schließlich kämpfte er jahrelang mit den deutschen Behörden vergeblich um Wiedergutmachung. Ich bewundere ihn dafür sehr. Er bekam Mitte der 50er Jahre noch zu hören, er sei nicht aus „rassischen“ Gründen verfolgt worden, sondern dass „allein sein unstetes Gewerbe, sein Umherziehen und sein asoziales Verhalten maßgebend waren“.

Erst der Onkel Ihres Mannes, Romani Rose, erkämpfte 1980 als Chef des Zentralrats für Sinti und Roma vom bayerischen Innenministerium die Akteneinsicht in die Unterlagen der sogenannten Landfahrerzentrale – mit einem Hungerstreik in Dachau.

So wollten er und seine Mitstreiter belegen, dass Sinti aus „rassischen“ Gründen verfolgt wurden – und eben nicht, weil sie kriminell waren. Die Wiedergutmachungen stützten sich damals skandalöserweise auf die Akten der Nazis. Aber sosehr ich Romanis Einsatz schätze, so überholt halte ich sein Denken für die heutige Zeit.

Weshalb?

Es kommt mir so vor, als seien viele Sinti aus Romanis Generation bestrebt, zu betonen, dass deutsche Sinti genauso sind wie Deutsche auch: dass sie normalen Berufen nachgehen, studieren, öffentliche Ämter bekleiden, in Wohnungen leben – und dass das schon immer so gewesen ist. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich kann das nachvollziehen, die Älteren gehen aufgrund ihrer furchtbaren Erfahrungen viel vorsichtiger in den Alltag. Aber ich habe nicht so viel Böses erlebt. Ich will nicht so deutsch wie möglich leben.

Wie meinen Sie das?

Wenn ich zum Beispiel von einem eigenen Wohnmobil träume, um damit im Sommer auf Tour zu gehen, ist das für mich keine „Zigeunerromantik“. Ich möchte mich dafür nicht schämen. Ich würde gerne im langen geblümten Rock am Lagerfeuer sitzen und Lieder auf Romanes singen, ohne gleich in den Verdacht zu geraten, ein Klischee zu bedienen.

Sie sind dagegen, dass Deutsche Ihre Muttersprache lernen. Warum?

Es ist unsere Sprache, unser einziges Rückzugsgebiet, unser Schutz. Daher ist sie ausschließlich mündlich tradiert. Die einzige Deutsche, die meines Wissens perfekt Romanes konnte, war die KZ-Ärztin Eva Justin, die so das Vertrauen von Sinti-Kindern erschlich und dann furchtbare Experimente mit ihnen gemacht hat.

Sie haben Ihren Urgroßvater nie erlebt. Wenn Sie ihn treffen könnten, was würden Sie ihn fragen?

Welche Musiker er verehrt hat und warum. Ich glaube, die Liebe zur Musik hätte uns verbunden.

Frau Reinhardt, woher kommt Ihr großes Faible für die alten Crooner, allen voran Frank Sinatra?

In Wetzisreute hängt immer noch ein Frank-Sinatra-Poster an der Wand. Da ist er seitlich abgelichtet, mit Hut und lockerem Lächeln. Eigentlich ist es gar kein richtiges Poster: Ich habe die LP auf den Kopierer gelegt und das Cover vergrößert … Meine Familie war schon immer sehr amerikanisiert, auch was den Filmgeschmack betraf. Die Frauen wollten sein wie Rita Hayworth in „Gilda“, die Männer wie Frank Sinatra. Unsere Wohnungen waren voller Plüsch. Und Sinatra ist eben Lebensart, Klasse und Stil in Formvollendung. So was gibt es heute nicht mehr. Seine Qualitäten als Sänger sind unerreicht. Außerdem: Wussten Sie, dass Sinatra in einem Film sogar als Sinto verkleidet war?

Nein. Wir kennen nur seinen Song „The Gipsy“. Und Sie nehmen ihm diese Folklore nicht übel?

Nein, weil ich ja weiß, dass Sinatra sich für Minderheiten engagiert hat. Danach kam nur noch Elvis Presley mit seinen wackeligen Knien, den fand ich nicht so toll. Außerdem: Sinatras große Liebesgeschichte mit Ava Gardner lässt niemanden kalt!

Auch Ihre eigene Liebesgeschichte verlief spektakulär: Sie haben mit einer Flucht geheiratet.

So spektakulär war das gar nicht. Zunächst muss man wissen, dass man es als Sinteza vor seinen Eltern geheim hält, wenn man sich verliebt. Nicht leicht, wenn man noch in seinem Kinderzimmer in Wetzisreute wohnt. Eines Tages fasst man als Paar den Entschluss, gemeinsam durchzubrennen. Man haut in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ab, und wenn man wiederkommt, wissen die Eltern, dass man verheiratet ist. Ich habe eines Abends meine Sporttasche gepackt und einen Besuch im Fitnessstudio vorgetäuscht.

Stattdessen verschwanden Sie mit Ihrem Freund im Hotel?

Genau. Aber ich hatte nicht die Nerven. Ein paar Stunden später habe ich zu Hause angerufen: „Macht euch keine Sorgen, mir geht’s gut.“ Und am nächsten Tag bin ich zu ihm nach Berlin gezogen. Ich habe geheult bis Nürnberg.

Das Interview führten Anna Kemper und Esther Kogelboom

ZUR PERSON

Dotschy Reinhardt, 33, ist Jazz-Sängerin und Sinteza. Sie entstammt der weit verzweigten Sinti-Familie, zu der auch der Gitarrist Django Reinhardt gehört. Nächste Woche erscheint ihr Buch „Gypsy“ (Scherz), am 12.9. singt sie im Babylon. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Swing-Musiker David Rose, in Berlin-Pankow

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