Drama zur Griechenlandpleite „Sto Spiti“ : Die Fremde im eigenen Land

Mit wenigen Strichen entwirft Regisseur Athanasios Karanikolas in „Sto Spiti“, der zuletzt im Berlinale-Forum Aufsehen erregte und nun deutsch untertitelt ins Kino kommt, einen überschaubaren Sozialfall.

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„Du musst positiv denken“, sagt Evi zu ihrem Mann Stefanos, der schlechte Nachrichten aus seiner Bank mitgebracht hat. Noch können sie das Haus halten, diesen Musterbau hoch über dem Meer, weit weg von der Smogluft Athens. Aber das Pferd muss verkauft werden, an dem das Herz der Tochter Iris hängt. Und man muss über Nadja nachdenken, die georgische Hausangestellte. Seit 20 Jahren gehört sie fast zur Familie, doch in Zeiten der Krise gelten andere Regeln. Außerdem hat Nadja Symptome einer vermutlich fortschreitenden Erkrankung. Doch wie bei den meisten der in griechischen Haushalten beschäftigten Angestellten oder Pflegerinnen aus Georgien haben sich auch Stefanos und Evi die Krankenversicherung für Nadja gespart.

Mit wenigen Strichen entwirft Athanasios Karanikolas in „Sto Spiti“, der zuletzt im Berlinale-Forum Aufsehen erregte und nun deutsch untertitelt ins Kino kommt, einen überschaubaren Sozialfall. Im Zentrum steht Nadja, der gute Geist des Hauses. Oder genauer: ihr schmerzlicher Abschied von der Familie, die ersten Tage bei ihrem Freund in Athen, der sie erfolglos drängt, gegen „die Reichen“ zu klagen, ihr verzweifelter Besuch im Haus auf den Hügeln, nachdem sie auf der Straße zusammengebrochen ist.

Die Figuren bleiben soziale Rollenträger

All dies böte Stoff genug, sie dem Zuschauer näher zu bringen. Doch bleibt Nadja ein Mensch aus der Ferne. Das liegt weniger an der Schauspielerin Maria Kalimani, deren körperliche Präsenz ebenso beeindruckt wie ihre minimalistische Spielweise, sondern an der Regie. Sie wollte offenkundig nur zum Thema „Soziale Gerechtigkeit“ eine passende Geschichte konstruieren, eben diese Geschichte. Und so bleiben die Figuren soziale Rollenträger in einem gleichsam abgekarteten Spiel.

Ruhige Bilder von Kameramann Johannes M. Louis

Am meisten beeindrucken die ruhigen Bilder, mit denen die Kamera von Johannes M. Louis den Raum in lichte Segmente zerteilt – die Architektur des Anwesens wird inszeniert als Insel eines gewesenen Wohlstands. Sich den Alltag auszumalen, in den Nadja gestoßen wird, bleibt der Fantasie überlassen. Und doch sensibilisiert die karge Geschichte für die neue Armut, die nicht nur in Griechenland grassiert. Zwei Bilder umrahmen die bittere Erkenntnis: Am Anfang hält Nadja nach einem fernen Horizont Ausschau, als könne sie dort den Kaukasus und Georgien erkennen. Am Ende läuft sie müde und resigniert auf einer einsamen Straße zurück in die Stadt, eine Fremde in diesem Land.

fsk am Oranienplatz

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