Kultur : Ein Bär irrt sich gewaltig

Tränen lachen, Tränen weinen: „Toy Story 3“ ist eine berauschende Achterbahnfahrt durch Film- und Popkultur

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Wie haben sie das bloß wieder hingekriegt? Man hat den Pixar-Machern nach all ihren kleinen und großen Meisterwerken, mit denen sie das Animationsfilm- Genre in den letzten 15 Jahren umgekrempelt haben, ja einiges zugetraut, aber ein solches Feuerwerk an Action, Spannung, Drama, Emotionen und Komik übertrifft die kühnsten Erwartungen: „Toy Story 3“ ist ein beispielloser Trip, visuell überwältigend, ein immer wieder urknallendes Farben- und Formenuniversum, selbstredend in der neuesten 3-D-Technik, die aber völlig in den Dienst der Sache gestellt wird.

Denn auch das belegt den Zauber dieses Films. Er würde immer noch funktionieren, wenn man ihn auf dem Dreizoll- Monitor eines Smartphones anschaut. Weil er grandios erzählt ist, eine Vielzahl von Akteuren durch ein komplexes Handlungslabyrinth mit permanent wechselnden Schauplätzen navigiert, ohne dass man als Zuschauer den Überblick oder gar das Interesse verliert. Im Gegenteil: Wer sich einlässt auf diese Achterbahnfahrt, gespickt mit Zitaten nicht nur aus der Filmgeschichte, sondern der gesamten Popkultur, wird am Ende Tränen gelacht und Tränen geweint haben.

Der künstlerische Triumph von „Toy Story 3“ hat eine Vorgeschichte. 1995 erreichte die digitale Revolution das Kino: „Toy Story“ war der erste komplett computeranimierte Spielfilm. Statt Heerscharen von Zeichnern sorgten nunmehr die Prozessoren eines gewaltigen Computer-Clusters für Bewegungsabläufe und Hintergründe. Immerhin 500 Gigabyte Speicher verschlang der Film, beeindruckend in einer Zeit, als die durchschnittliche Festplatten-Kapazität noch im Megabyte-Bereich lag. Dennoch konnten die alten Dateien für die Hauptcharaktere nicht mehr verwendet werden und mussten für Teil drei komplett neu berechnet werden.

„Toy Story“ wurde nicht nur zum Startschuss einer Erfolgsgeschichte, mit dem Disneys Vorherrschaft auf dem Gebiet des Animationsfilms ein Ende fand. Der Film entkräftete auch die Argumente von Kulturpessimisten, die das Menetekel einer seelenlosen Kinozukunft erkennen wollten. Mit der bis dahin undenkbaren Räumlichkeit und Farbigkeit, den rasanten Actionsequenzen demonstrierte der Film zwar auch die technische Überlegenheit gegenüber dem Zeichentrickfilm. Vor allem aber erwies sich die Geschichte einer Spielzeugrasselbande mit der Cowboypuppe Woody als Anführer, der in Gestalt des coolen Astronauten Buzz Lightyear ein Konkurrent um die Gunst des zu bespielenden Kindes Andy erwächst, als ebenso intelligente wie komische Parabel über Freundschaft, Solidarität und Loyalität.

Egal, ob die Helden in späteren Pixar- Filmen Insekten („Das große Krabbeln“), Ungeheuer („Monster AG“), Clownfische („Findet Nemo“), Superhelden („Die Unglaublichen“), Feinschmecker- Ratten („Ratatouille“), MüllentsorgungsRoboter („WALL-E“) oder grantelnde Witwer („Oben“) waren, stets gelang es den Machern, ihren Computergeschöpfen so viel Menschlichkeit einzuhauchen, dass man die Abwesenheit realer Schauspieler kaum als Manko empfand.

Über zehn Jahre sind nun bis zum dritten, wohl letzten Teil der Saga vergangen. Mittlerweile ist Andy 17 und im Begriff, aufs College zu gehen. Seine versammelten Lieblingsspielzeuge, durch jahrelangen Aufmerksamkeitsentzug nervlich angeschlagen, befürchten, auf den Dachboden oder gar in die Mülltonne entsorgt zu werden. Woody appelliert an die Moral der Truppe, wobei seine Glaubwürdigkeit darunter leidet, dass er als Einziger für die College-Umzugskiste ausgewählt wurde.

So ist die Erleichterung groß, wenn die Toys versehentlich als Spende in einem Kinderhort landen, wo paradiesische Zustände zu herrschen scheinen: In bonbonbuntem Ambiente warten Hundertschaften von Spielzeugen darauf, von Kindern in Benutzung genommen zu werden – das ist zumindest das, was Knuddelbär Lotso den Neuankömmlingen suggeriert. Doch der Garten Eden wird für Buzz und Co. schnell zum Inferno: Ihre Rolle ist es, den ganz kleinen, grobmotorischen Kindern als Verschleißmaterial zu dienen. Als Buzz bei seinem Versuch, die Situation diplomatisch zu klären, gefangen genommen und zur Bewachung seiner Freunde umprogrammiert wird, bleibt der entflohene Woody die einzige Hoffnung.

Man könnte endlos schwärmen über den Ideenreichtum des Films. Scharen neuer Figuren werden eingeführt und in kürzester Zeit präzise charakterisiert. Da gibt es die Spielzeugriege eines kleinen Mädchens, die Woody vorübergehend adoptiert: eine ähnlich verschrobene und verschworene Gemeinschaft wie die Titelhelden – man imaginiert sofort eine parallele „Toy Story“-Saga. Da ist der doppelzüngige Lotso, ein nach Erdbeeren riechendes Kuschelmonster mit sanfter Stimme, das mittels einer Schar von Helfershelfern ein diktatorisches Regime installiert hat – und selbst schwer an einem alten Trauma trägt. Albtraumartig, wenn die Babypuppe mit hängendem Augenlied wie ein von Stephen King erdachter Spielzeug-Golem Lotsos Bestrafungsaktionen exekutiert. Hinreißend, wie der eitle Ken in seiner Plastikvilla um die aus dem Fundus von Andys Schwester stammende Barbie wirbt – naturalistisch bis zu den Schweißnähten an den Gliedmaßen. Unglaublich und nichts für schwache Nerven der Showdown in einer Müllverbrennungsanlage.

Wie sich all die verzwirbelten Handlungsstränge, all das Leiden, Lachen, Kämpfen, Hoffen, Lieben, schlussendlich in einer ebenso herzzerreißenden wie tröstlichen Geste des Abschiednehmens und des Neubeginns auflösen, das ist ganz große Kunst. Es spricht überhaupt nicht gegen den Realfilm, diesen Film zum besten des Jahres zu erklären: „Toy Story 3“ ist pure Kinomagie.

Ab Donnerstag in 23 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center

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