Kultur : Ein Dandy fast wie Oscar Wilde

Der Berliner Tenor Jan Kobow liebt Alte Musik, gute Weine – und sein fränkisches Barockschloss.

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Standesgemäß. Jan Kobow fährt gern im Oldtimer vor. Foto: Bernd Bodtländer
Standesgemäß. Jan Kobow fährt gern im Oldtimer vor. Foto: Bernd Bodtländer

Es ist beinahe eine Postkartenidylle: Vor Schloss Seehaus, inmitten der Hügel Unterfrankens gelegen, hält ein altes schwarzes Auto mit riesiger Kühlerhaube und geschwungenen Kotflügeln. Heraus steigt ein Dandy, weiß gekleidet, mit Strohhut und ledernen Fingerhandschuhen. Die Nase dominiert sein schmales Gesicht und seinen verhangenen Blick. Doch Jan Kobow ist kein Wiedergänger Oscar Wildes, er ist ein Mann der Gegenwart. Mit dem Barockschloss verbindet ihn eine ebenso tiefe wie wirklichkeitsgeprüfte Liebe. „Seehaus bietet tolle Möglichkeiten“, sagt er mit seiner melodischen Stimme, „aber es ist auch ein Klotz am Bein.“

Diesem charmanten Klotz hat er einen Gutteil seines Erwachsenenlebens gewidmet. Das Anwesen gehört ihm nicht etwa in 15. Generation, seine Großeltern haben es ganz bürgerlich gekauft. Kobow selbst, Jahrgang 1966, in Grunewald aufgewachsen und heute wieder in Nikolassee wohnhaft, ist nicht nur Sammler von Oldtimern und – mit einer Tante zusammen – Schlossbesitzer. In erster Linie ist er Tenor. Seit er 1998 den Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig gewann, hat er sich seinen Platz in der Barockszene als Lied- und Oratoriensänger erobert. Am 22. April gibt er mit dem belgischen Dirigenten und Hammerflügelspieler Jos van Immerseel einen Liederabend im Konzerthaus; auf dem Programm stehen Schuberts „Schwanengesang“ und Beethovens Zyklus „An die ferne Geliebte“.

Kobows Stimme ist vom Volumen her eher klein, dafür klingt sie natürlich und nuancenreich. Kritiker preisen seine musikalische und textliche Stilsicherheit. Doch vor allem geht sein Gesang zu Herzen, weil Kobow Stimmungswechsel sehr persönlich einfärbt. Dass Singen sein Beruf würde, hat ihm an der Wiege keiner geflüstert. Die Eltern, die Traditionellem eher skeptisch gegenüberstanden, waren nicht begeistert, als eine befreundete Sängerin befand, der Zehnjährige müsse unbedingt in den Berliner Staats- und Domchor. Aber ihm gefiel es. Von da an gehörte das Konzertieren für ihn dazu – und doch schwingt Verwunderung mit, wenn Kobow sich an seinen Werdegang erinnert: „Das meiste ist ohne meinen Antrieb geschehen“, sagt er. Andere überredeten ihn, beim Schulmusical mitzumachen; prompt bekam er die Hauptrolle. Auf die Idee, Gesang zu studieren, kam er zunächst nicht. Erst einmal studierte er Kirchenmusik an der Musikhochschule Hannover, einer Hochburg der Alten Musik.

Wie sehr ihn diese Eindrücke geprägt haben, davon zeugen die vielen historischen Tasteninstrumente, die sich unters Mobiliar mischen. Sie sind Kobows ganzer Stolz. Den Strohhut immer noch auf dem Kopf, setzt er sich an einen Hammerflügel aus dem Jahre 1810 und führt dessen verblüffend vielfältige Klangmöglichkeiten vor: einfacher Moderator, doppelter Moderator, Fagottzug. „Ein Brodmann, das ist wie ein Gewinn im Lotto.“

Kobow organisiert eigene Konzerte, und wenn für Aufnahmen ein Raum fehlt, dann lädt er mal eben die ganze Truppe zu sich ein. Mit dem Geiger Sigiswald Kuijken und dessen Ensemble „La petite bande“ hat er in der Schlosskapelle Bach-Kantaten aufgenommen. Die Orgel hat derselbe Freund eingebaut, der gerade mit seiner Tochter in der Hängematte schaukelt.

Freunde gehören zu Seehaus wie der glasierte Putto, der neckisch neben dem Gründerzeitflügel posiert. Beim Kaffee in der Schlossküche bückt sich der Hausherr nach einer Nudel: „Oh, die liegt da wohl schon länger!“, sagt er und lacht. Auf dem Tisch steht noch das Frühstück für das knappe Dutzend Menschen, das gerade zu Besuch ist: offene Marmeladengläser und Brötchenreste, nichts Extravagantes. Schließlich muss Kobow mit Bordmitteln auskommen, um Seehaus zu bewirtschaften. Das meiste macht er selbst, vor Konzerten rückt er die Stühle und schleppt Podeste.

Nur beim Wein, da kann es schon mal ein Mouton Rothschild sein – wie zu Beginn seiner Sängerlaufbahn, als der Dirigent Marcus Creed ihn vom Fleck weg als Aushilfe beim Rias-Kammerchor engagierte. Seine erste Gage investierte Kobow in teure französische Rotweine. Als er sie abholte, traf er in dem Laden ausgerechnet Creed. Der sei nämlich ebenfalls Weinliebhaber und habe einen anerkennenden Blick auf Kobows Beute geworfen, erzählt der Sänger: „Aber ich habe mich nicht getraut, ihm zu gestehen, dass ich gerade meine Gage aus dem Laden trug.“ Oscar Wilde hätte es womöglich genauso gemacht. Verena Fischer-Zernin

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