"Ein Festtag" von Graham Swift : Wir sind alle Brennstoff

Selbstwerdung eines englischen Dienstmädchens: Graham Swifts meisterlicher Roman „Ein Festtag“.

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Frivol ist mir zumute. Der englische Erzähler und Dichter Graham Swift. Foto: Guardian News and Media/dtv
Frivol ist mir zumute. Der englische Erzähler und Dichter Graham Swift. Foto: Guardian News and Media/dtvFoto: Guardian News and Media/dtv

Es gibt literarische Werke, die sind wie das magische Perlenhandtäschchen von Harry Potters Freundin Hermine. Sie erinnern sich: ein äußerlich unscheinbares Accessoire, das aber in seinem Inneren viel mehr enthält, als man für möglich hält, vom Tarnumhang bis zur kompletten Zeltausrüstung. So ein Zaubertäschchen ist auch der neue Roman von Rowlings Landsmann Graham Swift. Auf weniger als 150 Seiten bietet „Ein Festtag“ nicht nur den Roman einer heimlichen Liebe. Sondern entpuppt sich ebenso als eindrucksvolles Porträt einer versehrten, sich an der Vergangenheit festklammernden Gesellschaft im Umbruch und zuletzt, so überraschend wie konsequent, als Künstlerroman.

Und das Beste: Obwohl der Roman des 68-jährigen Londoners, der 1996 für „Last Orders“ den Booker-Preis erhielt und neben Ian McEwan als bedeutendster Schriftsteller Englands gilt, durchweg fiktiv ist, geht von ihm eine Wahrhaftigkeit aus, wie sie nur große Literatur auszeichnet. Im Original heißt der Roman „Mothering Sunday“; an diesem Sonntag im Frühjahr bekamen in der englischen Klassengesellschaft die Dienstboten frei, um ihr Elternhaus zu besuchen, sodass ihre Herrschaften einmal ohne Personal auskommen mussten.

Drei Upperclass-Familien aus der Grafschaft Berkshire, die Nivens, die Hobdays und die Sheringhams, machen in Swifts Roman das Beste aus dieser „Unbequemlichkeit“: Sie treffen sich an diesem 30. März 1924, einem unerhört schönen, beinah junihaften Sonntag, auf dem Land zum Lunch, um die anstehende „grandiose Hochzeit“ von Emma Hobday und Paul Sheringham zu besprechen. Die Verbindung ist, daran besteht kein Zweifel, arrangiert, und ihre Aufgabe liegt schmerzhaft offen zutage: Sie soll all das wieder heil machen, was mit „dem großen Sturm der Verwüstung“, dem Ersten Weltkrieg, zerstört wurde.

Die Gefallenen sind als Geister gegenwärtig

Denn auch sechs Jahre nach Kriegsende werden die ehrwürdigen Anwesen vom „allgegenwärtigen Gefühl von Trauer und Verlust“ beherrscht. Alles ist kleiner geworden, die Familien, die Vermögen, die Zahl der Dienstboten, die sich auch um jene Zimmer kümmern müssen, „in denen alles so bleiben sollte“, sind doch die gefallenen Söhne wie Geister gegenwärtig. Auch in Pauls Zimmer, wo dessen drei tote Brüder gerahmt auf dem Toilettentisch stehen. Und Zeugen werden, wie Paul diesen Festtag feiert, nämlich mit seiner Geliebten Jane, während seine Verlobte in einem Hotel auf ihn wartet.

Jane Fairchild, Swifts Hauptfigur und die Quasi-Erzählerin des Romans, ist das Dienstmädchen der Nivens, und Pauls überraschender morgendlicher Anruf, der sie an ihrem freien Tag nach Upleigh House bestellt, ist so etwas wie sein Abschiedsgeschenk an sie, wie der jungen Frau wohlbewusst ist. Das Verhältnis zwischen ihr und dem attraktiven Erben besteht schon seit sieben Jahren; Jane war damals 15 und bekam noch ein Sixpence-Stück, wenn sie sich mit Paul heimlich im Gewächshaus oder hinter den Ställen traf. Später wurde es aber trotz des Standesunterschieds eine Beziehung auf Augenhöhe, wohl auch, weil die bücherliebende Jane die Klügere von beiden ist.

An diesem Tag nun stehen die Verhältnisse für ein paar kostbare Stunden auf dem Kopf: Erst fährt Paul wie ein Chauffeur die Upleigh-Dienstmädchen zum Bahnhof, später öffnet er seiner Geliebten wie ein Butler die Vordertür: „Sie war noch nie hier gewesen, würde auch nie wieder herkommen.“ Und nach dem erstmals nackt im Bett bei offenen Vorhängen stattfindenden Sex, als er sich mit aller Sorgfalt wieder ankleidet, um doch noch zu seiner Verlobten aufzubrechen, tut er das vor der ungeniert daliegenden Jane und macht sich somit für sie zum begehrten Objekt. Oder zur „komischen Figur“, indem er ohne Rücksicht auf seine Würde zuerst sein Hemd anzieht, wie Jane verwundert bemerkt.

Selbstwerdung vor dem Spiegel

Beim Abschied, äußerlich nun wieder ganz ein junger, standesbewusster Gentleman, ermuntert er seine Geliebte, das verlassene Anwesen nach Belieben zu besichtigen. Was das als Waisenkind zur Welt gekommene Dienstmädchen dann auch tut, von der Bibliothek bis zur Küche im Untergeschoss, in aller Seelenruhe und vor allem – splitternackt. Diese „Ungeheuerlichkeit“ ist der Höhepunkt von Swifts Roman, ein Akt der Inbesitznahme, der Aneignung und, in der Halle vor dem Spiegel, der jubilatorischen, verwandelnden Selbstwerdung: „Nie zuvor hatte sie die Möglichkeit gehabt, sich selbst in ihrer Nacktheit zu betrachten. In ihrer Mädchenkammer hatte sie einen kleinen Spiegel, der nicht größer war als eine der Bodenfliesen in der Halle. Das ist Jane Fairchild! Das bin ich!“

Dieser große Moment der Freiheit, ja dieser ganze rauschhaft schöne Tag, an dem sich das Leben noch als „so freigiebig und so grausam“ zugleich erweisen sollte, an dem für die drei Familien ganz und gar nichts wieder heil wird, ist aber auch die Geburtsstunde einer berühmten Schriftstellerin. Die zeitlebens angetrieben wird von der Erkenntnis: „Wir sind alle Brennstoff. Wir werden geboren, und wir brennen, manche schneller als andere. Und es gibt unterschiedliche Zündstoffe. Aber nicht zu brennen, nie zu entflammen, das wäre wahrhaftig ein trauriges Leben.“

Fast hundert Jahre alt wird diese Jane Fairchild werden und auf ein erfülltes Leben als selbstbewusste Frau zurückblicken; aber weder ihren Liebhabern noch einem ihrer vielen Interviewer wird sie verraten, wann genau sie zur Schriftstellerin wurde. Vielleicht liegt hier das Geheimnis der Wirkung von Graham Swifts meisterlich komponiertem, von großem Sprach- und Formbewusstsein zeugenden Roman, in dem die Zeiten – die von sinnlichen Details nur so getränkten Erinnerungen und die Gegenwart der greisen Jane Fairchild – miteinander verwoben sind. Er lässt den Leser auf bezaubernde Weise zum heimlichen Mitwisser, zum Komplizen werden.

Graham Swift: Ein Festtag. Roman. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. dtv, München 2017. 144 Seiten, 18 €.

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