Kultur : Ein kleines Lächeln

Und ein großer Abend mit Van Morrison im Tempodrom

H. P. Daniels

Punkt acht Uhr kommt die Band unauffällig auf die Bühne im ausverkauften Tempodrom: Ein kleines Rock-Orchester in schwarzen Anzügen spielt „Boogie-Woogie-Country-Girl“. Und dann: „Ladies and Gentlemen: Mister Vaaan Morrison!“. Der kleine kompakte Mann, wie ein Paket verschnürt im grauen Anzug, erscheint, mit neuem, breitkrempigem Hut und riesiger Designerbrille. „Keep Mediocrity At Bay“ singt der 60-Jährige, als wolle er damit das Motto für den Abend vorgeben: nur keine Mittelmäßigkeit. Darauf quietscht er ein paar wunderbar wehende Töne aus der Blues-Harp, tiefe Stoßseufzer ins Altsaxofon. Dann wird die Melodie auch schon wieder von der Stimme übernommen, die jetzt wie die Fortsetzung des Saxofons klingt. Lässig. Cool. Voller Kraft, rauchig, hauchig, bauchig.

Der Song „Stranded“ wird zum beseelt-samtigen Jukebox-Jerker, mit einem kleinen Hintergrundchor im Stil der 50er Jahre. „I do it for you“ ist ein weiteres Motto: Ja, er tut es für uns, singt für uns. Dabei scheint Van Morrison bestens aufgelegt, wie sich an den gefühlvollen Phrasierungen, kurzen stimmlichen Improvisationen, fröhlichen Scat-Einlagen, unerwarteten Melodieschlenkern erweist. Immer wieder murmelt er kleine Kommentare: „Yeah!“ oder „That was hard work!“ als Zustimmung zu einem Mitmusiker. Oder er nuschelt einfach den Titel des nächsten Songs.

„Your Cheatin’ Heart“ ist eine Huldigung an Hank Williams und zugleich eine Kostprobe vom neuen Album „Pay The Devil“ (Polydor). Die wievielte Platte ist das eigentlich? Die fünfunddreißigste? Irgendwann hat man aufgehört zu zählen. „Pay The Devil“ ist eine nette Sammlung von Countrysongs, aufgenommen in Nashville. Nichts Herausragendes, gemessen an den Maßstäben, die Morrison mit den Jahren selbst gesetzt hat. Ähnlich wie für den Blues, R&B, Jazz, Soul und keltische Folkmusik besaß Morrison immer auch eine Vorliebe für die alten Country-Heroen Hank Williams und Jimmie Rodgers. Zwischendurch hatte er auch mal einen Countrysong im Programm, sogar eine ganze Platte: „You Win Again“ (2000) mit Linda Gail Lewis, ein mittelmäßiges Werk.

Doch mit Mittelmaß gibt sich der „Belfast Gypsy“ an diesem Abend nicht ab. Von Song zu Song wird er besser, eindringlicher. Die grandiose Stimme öffnet sich immer mehr – zum großen Gefühl, zur großen Leidenschaft, zum großen Publikum. Mit knappen Handzeichen verteilt Morrison generös Soli unter seine Begleiter: Piano, Pedal Steel, Fiddle, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Als „Special Guest“ funkelt Candy Dulfer mit ihrem Altsax, Morrisons Bühnenmuse. Der singt ein paar witzige Gene-Vincent-Bebopalulas in eine Version von „Cleaning Windows“.

Morrison, dem notorische Grummeligkeit nachgesagt wird, hat heute offenbar genauso viel Vergnügen an seiner Musik wie seine Fans. Mit dem ganzen Körper biegt er die Gesangstöne nach hinten, nach oben, wirft den Kopf zurück, wippt kurz im Rhythmus, winkelt das Bein und bringt den Song mit einem kurzen Stampfer zurück auf den Boden. Ja, er lächelt sogar.

Ganz leise singt Morrison dann „Celtic New Year“. Dazu zupft er die Akustikgitarre. Als Finale reißt er mit dem seit Jahren obligaten Schluss-Song „Gloria“ die Fans aus den Sitzen. Ein großer Konzertabend.

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