"Eins im Andern" von Monique Schwitter : Zwölf Männer sollt ihr sein

Roman über das Schreiben: Monique Schwitter veranstaltet in ihrem für den Buchpreis nominierten Roman "Eins im Andern" ein Defilee vergangener Lieben.

Eva Behrendt
Spiel mit der Autobiografie. Die Schweizer Schriftstellerin und Schauspielerin Monique Schwitter.
Spiel mit der Autobiografie. Die Schweizer Schriftstellerin und Schauspielerin Monique Schwitter.Foto: Matthias Oertel

"Die Liebe, mein Herz, sucht man sich nicht aus“: Diesen Satz hat die Großmutter der Ich-Erzählerin einst mit auf den Weg gegeben. Mittlerweile ist sie Anfang vierzig, einst Schauspielerin, jetzt Schriftstellerin, Mutter zweier Söhne und in Hamburg mit einem Bühnentechniker verheiratet – ähnlich wie die 1972 in der Schweiz geborene Monique Schwitter, die ihren dritten Roman „Eins im Andern“ mit unverhohlen autobiografischen Zügen ausgestattet hat. Ihre Erzählerin schreibt einen Roman über die Lieben ihres Lebens, in der die großmütterliche Weisheit immer wieder auftaucht: als Menetekel und Beschwörungsformel, als Stolperstein und Entlastungsbotschaft in einer Zeit, in der freie Liebeswahl selbstverständlich und selbstverständlich schwierig ist.

Gleichzeitig ist „Eins im Andern“ ein Buch über das Schreiben. Immer wieder lässt sich die Erzählerin bei der Arbeit über die Schulter blicken. Sie berichtet, wie das Googeln ihrer ersten Liebe Petrus den Anstoß für das Buch gab: Dieser Petrus hat sich vor vier Jahren das Leben genommen. Beim Sicherinnern an die Zeit mit ihm, in der sie ihn einmal mit seinem Bruder Andreas betrügt, entsteht das Konzept des Romans: Zwölf Kapitel soll er haben, von zwölf Männern handeln. „Wie viele Lieben hat man? Würde ich weitererzählen, käme ich dann auf zwölf? Wahrscheinlich nicht. Obwohl: Wie ich zähle, hängt davon ab, was ich erzähle. Eins aber ist sicher: Wie auch immer ich zähle, was auch immer ich erzähle, mein Mann sollte Letzter sein.“

Monique Schwitters schmerzhaftes Schlusskapitel gilt dem jüngeren Bruder

Mit Jakob, dem Schauspieler, den sie auf der Schauspielschule in Becketts Minidrama „Kommen und Gehen“ inszeniert, ist sie zwölf Jahre zusammen. Den selbstbewussten 17-jährigen Mathieu aus Togo, dessen Hamburger Schulklasse sie Kreatives Schreiben beibringt, tadelt sie, als er sie auf die Wange küsst: „Mathieu, bitte lass das.“ Mit dem schwulen Seelenfreund Nathanael sucht sie das Grab seiner Mutter, ein huskyäugiger Johannes erzählt ihr eine Berliner Nacht lang die Geschichte von Undine, bevor beide in einem Jugendstilpissoir übereinander herfallen. Vom zudringlichen Fan Thomas lässt sie sich einmal bekochen, der immer schon hundetreue Simon hütet treu ihre Hündin, als sie ihn in der Züricher Heimat besucht, und der schmierige Theateraltmeister Tadeusz, an dessen Seite auch noch im Greisenalter stets eine Studentin klebt, hat auch sie einst ins Bett gequatscht. Sogar ein Geträumter fügt sich in das biblische Dutzend: Jakob der Jüngere, „so schön, dass das Herz aussetzt, wenn man ihn sieht“, der zugleich zum schmerzhaften Schlusskapitel führt, das dem jüngeren, viel zu früh gestorbenen Bruder gilt.

Virtuos springt Schwitter von einer Zeitebene zur anderen

Verhältnismäßig früh wird deutlich, welche Abgründe und Prüfungen hinter der Reihe stehen. Der sympathische Ehemann Philipp ist spielsüchtig, hat das Familienvermögen einschließlich Kindersparbuch verzockt und gigantische Schulden angehäuft. Kann das die letzte Liebe sein? Als die Erzählerin von den ersten Begegnungen in einem Bühnenbild und der Theaterkantine berichtet, als sie in wenigen Sätzen und knappen Dialogen Philipps Familiengeschichte rekapituliert und dort den Grund für die Sucht erspürt, strömt der mitunter angespannt gefeilte Text plötzlich frei und gelöst. Trotzdem ergreift sie beim Hundespaziergang die Flucht, reist ohne Gepäck nach Zürich und bleibt mehrere Wochen, bis das Buch fertig ist. Manchmal geht Liebe nur aus der Distanz – oder über den Umweg Literatur.

Das Buch-Cover.
Das Buch-Cover.Foto: Rowohlt

Narzisstische Nabelschau und Edelkitsch lauten grob zusammengefasst die Vorwürfe, die Monique Schwitter für ihr zum Buchpreis nominierten Roman in einigen Rezensionen einstecken musste. Dass das angeblich saturierte, westeuropäische Bildungsbürgerleben nicht als Romanstoff tauge, ist natürlich Unsinn – blickt doch gerade diese Ich-Literatur auf eine glanzvolle, tatsächlich auch emanzipatorische Tradition zurück. Anders als Karl Ove Knausgård, dessen autobiografisches Mammutprojekt trotz stellenweise sprachlicher Ambitionslosigkeit und dramaturgischem Laissez-faire als umfassend ehrliches Porträt eines Mannes in der westlichen Gegenwartsgesellschaft fesselt, hat Monique Schwitter ihren Roman sorgfältig inszeniert und gestaltet.

Ein Netz von Motiven zieht sich durch die Kapitel, kein Heiliger Christopherus, keine Undine, keine Ratte, die nicht an anderer Stelle sinnfällige Entsprechung fänden. Virtuos springt die Autorin von einer Zeitebene zur anderen. Dass ihr auch die ein oder andere Liebesbinse unterläuft: geschenkt. Man kommt der spröden Protagonistin im Verlauf dieses Buches erstaunlich nahe. Schwitter nimmt sie wie die anderen Figuren ernst, ohne deshalb die Distanz der geübten (Selbst-)Beobachterin aufzugeben, die jeder Larmoyanz einen ziemlich trockenen Riegel vorschiebt.

Monique Schwitter: Eins im Andern. Roman. Droschl Verlag, Graz 2015. 232 Seiten, 19 €.

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