Kultur : Eisernes Marshmallow

Ileana Sonnabend, die wichtigste Galeristin der sechziger Jahre, ist tot

Claudia Herstatt

„Mom of Pop“ wurde sie genannt. Die legendäre Galeristin Ileana Sonnabend hat Künstler wie Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Jim Dine, Jackson Pollock und Jeff Koons groß gemacht. Nun ist die Mentorin und gewiefte Geschäftsfrau am 21. Oktober in New York gestorben, kurz vor ihrem 93. Geburtstag. Mit ihr verliert die internationale Kunstwelt eine der herausragenden weiblichen Persönlichkeiten jener Generation, der auch Peggy Guggenheim, Betty Parsons, Iris Clert oder Annely Juda angehörten.

Mehr als vier Jahrzehnte hatte Ileana Sonnabend der Kunstwelt zunächst in Paris, dann in New York wichtige Impulse gegeben – von der Pop Art über den Minimalismus, die Arte Povera bis zu Werken von Bernd und Hilla Becher. Die Tochter eines reichen jüdischen Industriellen heiratete mit 18 Jahren den Bankierssohn Leo Castelli in ihrer Heimatstadt Bukarest. Statt eines Verlobungsrings wünschte sie sich eine Arbeit von Henri Matisse. Auch nach der Scheidung blieb sich das Paar bis zum Tod von Castelli im Jahr 1998 über die Kunst und die parallel betriebenen Galerien verbunden.

Ihre erste eigene Galerie eröffnete Ileana Sonnabend, die in zweiter Ehe mit einem Dante-Gelehrten verheiratet war, 1962 in Paris mit Werken von Jasper Johns. Wer in dieser Zeit in Paris amerikanische Kunst von Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Donald Judd und Robert Morris zu zeigen wagte, der riskierte fast schon einen Skandal. Die vehemente Kritik quittierte die Galeristin mit dem mütterlichen Aussehen allerdings stets mit ihrer gefürchteten scharfen Zunge. „Eisernes Marshmallow“ hieß sie im Kreis der Freunde.

Auch später bewies Ileana Sonnabend Mut zum Risiko. 1971 bat sie zur Eröffnung der New Yorker Sonnabend Gallery in Soho Gilbert & George zu einer Performance. Im Tweedanzug, die Hände und Gesichter gold bemalt, intonierte das Paar ohne Pause einen immer gleichen Varieté-Song. 1991 war es die Ausstellung „Made in Heaven", die schockierte: Fotos und Skulpturen von Jeff Koons zeigten ihn in freizügigen Posen mit seiner damaligen Frau Ilona Staller.

Ileana Sonnabend brachte allerdings nicht nur amerikanische Kunst nach Paris, sondern holte auch europäische Künstler nach New York. Sie zeigte früh die Vertreter der Arte Povera mit Jannis Kounellis, Mario Merz und Gilberto Zorio und bot in den achtziger Jahren den Malerfürsten Georg Baselitz, Jürg Immendorff und A.R. Penck eine internationale Plattform. 2003 war sie noch einmal zu Gast in Berlin: Im Haus Huth wurde ihre Privatsammlung mit der Daimler Kunst Sammlung im Dialog inszeniert.

Die engagierte Galeristin schien im Kopf und mit dem unbestechlichen Auge, ihrem Kampfgeist und ihrem Enthusiasmus immer jung zu bleiben. So entdeckte sie für New York das deutsche Duo Bernd und Hilla Becher. Die Bechers sind nun auch mit ihren spröden Fotos von Industriebauten in der letzten Gruppenausstellung der Galeristin vertreten, ebenso wie Candida Höfer und Robert Morris mit Zeichnungen aus den Siebzigern sowie andere der Galerie treu verbundene Künstler. Die „New York Times“ nennt diese Schau in ihrem Nachruf bereits das „Testament der Ileana Sonnabend“. Claudia Herstatt

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