Kultur : El Lissitzky: Gegen die Kunst um der Kunst willen!

RoB

El Lissitzkys Plakat "Schlagt die Weißen mit dem roten Keil" entstand 1920 in Witebsk, wo er mit Kasimir Malewitsch und Marc Chagall an der Kunsthochschule lehrte. Von seinen Kollegen wurde Lissitzky sehr beeinflusst: Entstanden vor 1919 im Stile Chagalls Illustrationen für Volksmärchen und Kinderbücher, führte ihn die Bekanntschaft mit Malewitsch zur Abstraktion, ohne dass er dessen Lehre vom Suprematismus übernahm. Die Komposition ist wohl das erste abstrakte Propagandaplakat überhaupt und vertraut ganz auf die Schlagkraft der symbolischen Form. Seine Herangehensweise beschreibt Lissitzky mit den Worten: "Ich habe die Schwarz-Weiße Skala (mit Aufleuchten von Rot) als Materie und Stoff bearbeitet. Auf diesem Wege wird eine Realität geschaffen werden, die allen eindeutig ist" (Zitate aus: El Lissitzky. Erinnerungen, Briefe, Schriften, Verlag der Kunst, Dresden, 1967/1992). Die Lithografie rief auf den Straßen Sowjetrusslands zum Kampf gegen die Weißgardisten auf. "Ich habe gegen die Kunst um der Kunst willen gekämpft", schrieb Lissitzky 1926 über seine Arbeit, "und sehe nun, wie die Kunst eine Privatangelegenheit der Kunst-Wissenschaftler, Kritiker, Liebhaber geworden ist. Verflucht, noch ein Mal!" Der Fluch des Weltverbesserungsingenieurs war vergeblich.

Lissitzkys in nur wenigen Exemplaren überliefertes Plakat ist mit einem Preis von 200 000 Mark eines der Highlights auf der erstmals veranstalteten Messe "liber Berlin", die an diesem Wochenende stattfindet. Mit 140 Teilnehmern aus zwölf Ländern ist es die größte Verkaufsausstellung für wertvolle Autografen, Grafik und Fotografie in Europa. Durch ein phantastisches Angebot mehr Menschen zu Liebhabern antiquarischer Preziosen zu machen, ist die Absicht der sechs veranstaltenden Berliner Antiquariatshändler. Als einer der Initiatoren hofft Wolfgang Mecklenburg vom Auktionshaus Stargardt mit dem opulenten Angebot wertvoller Bücher und Plakate an die große Zeit des Berliner Antiquariat- und Orthografenhandels mit weltberühmten Firmen in den zwanziger Jahren anzuknüpfen. Dank des günstigen Eurokurses ist zumindest in diesem Jahr eine rege Beteiligung aus den USA festzustellen. Für die amerikanischen Liebhaber ist die Messe geradezu ein Schnäppchenmarkt. Als Werbeträger bietet sich der fulminante Lissitzky da in jedem Fall an - allerdings als Liebhaberstück für Kenner mit dem nötigen Kleingeld.

0 Kommentare

Neuester Kommentar