Elektroschlager : Schönheit ist wichtiger als Schnitzel

Der Schweizer Schnulzensänger Dagobert hat mit seinem gleichnamigen Debütalbum einen formidablen Start in die Berliner Musikszene hingelegt. Eine Begegnung in seiner Wahlheimat Kreuzberg.

Kirsten Riesselmann
Ironiefrei. Schlagersänger Dagobert, 30, lebt seit zwei Jahren in Berlin.
Ironiefrei. Schlagersänger Dagobert, 30, lebt seit zwei Jahren in Berlin.Foto: Fabian Frost

Einen Menschen wie Dagobert Jäger trifft man nicht alle Tage. Ein Mensch wie Dagobert Jäger trägt 1,23 Euro in seiner Hosentasche mit sich herum, behauptet, das sei alles, was er momentan habe, und trinkt dann nicht mal ein Glas Leitungswasser im Café. Ein Mensch wie Dagobert Jäger sagt: „Ich habe vor zwölf Jahren aufgehört, Existenzängste zu haben. Es hilft, wenn man mal gar nichts hat und merkt: ist auch nicht so schlimm.“ Man kommt schon immer irgendwo unter, die paar CDs und Klamotten, die man hat, lassen sich leicht umziehen, und bevor im Mai die Tour zum Debütalbum startet, wird von irgendwoher auch noch ein neues Bühnenoutfit kommen. Der alte Frack ist nämlich zerschlissen und etwas eng geworden. Vielleicht, weil Dagobert Jäger heute zwei Mal täglich Reis isst – anstatt nur ein Mal, wie früher.

Schlank ist er trotzdem. 30 Jahre ist der Schweizer alt und lebt seit zwei Jahren erfolgreich quasi ohne Geld in Berlin. Sich selbst bezeichnet er als Schnulzensänger. Man muss keine fünf Takte seines Erstlings hören und sagt eben das: ein Schnulzensänger. Nach weiteren fünf Takten und nachdem man die Ohren auch für den Text aufgesperrt hat, ergänzt man: ein fantastischer Schnulzensänger.

Dagobert steht als leicht ungelenker Schlacks auf der Bühne und gibt den melancholischen Impresario

Zum Einstieg schaue und höre man sich das Video zu „Morgens um halb vier“ an. Da steht dieser leicht ungelenke Schlacks mit zurückgegelten Haaren in seinem Frack auf einer Bühne und gibt den melancholischen Impresario am Mikrofon. Seine Körpersprache erinnert an Max Schrecks Nosferatu, sein Lied beschwört die abgetakeltsten Sehnsuchtsmotive: zusammenkommen, Kinder kriegen, gemeinsam alt werden. Die Musik ist von einer streicherteppichunterfütterten Ohrwurm-deluxe-Qualität, die in Sachen Üppigkeit der Münchner Freiheit in nichts nachsteht. Und der Text erstrahlt in einer so wenig schamverstellten Direktheit, dass es einem – erst mal noch ungewollt – die Härchen auf dem Unterarm hebt.

Dagobert erläutert: „Ich bin Schlagersänger. Weil: Ich singe nur Liebeslieder. Was anderes fällt mir einfach nicht ein, ich habe sonst nichts zu sagen. Und ich singe auch nur Liebeslieder für Frauen. Was soll ich machen. Ich mag halt Frauen.“ Leicht könnte einen da der Gedanke beschleichen: Naivling, du gehst brutal in die Falle der neokonservativ-bourgeoisen Idyllik. Aber dann kommt Dagoberts Geschichte und Erscheinung dazu, und schon wird aus dem Einfaltspinsel ein extrem autonomer Künstler, der sein Schaffen einer sehr ehrlich gemeinten – und gemachten – Form der heutigen Minne verschrieben hat. Wenn man diese Geschichte auf dem Infozettel der Plattenfirma liest, befindet man: Schön, aber ausgedacht. Wenn Dagobert selbst diese Geschichte erzählt, glaubt man, dass man ihm glauben kann.

Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf im Schweizer Kanton Aargau. Seine „Mami“, berichtet er, sei „eine verstrahlte Esoterikerin mit einem riesigen Herz, die fest daran glaubt, dass demnächst die Delfine aus den Meeren auffahren und andere Planeten besiedeln“. Mit acht Jahren entdeckt Dagobert die Scorpions – eine Liebe fürs Leben. Bis heute sind die Scorpions für ihn „einfach das Beste“, Konkurrenz machen den Kunstlederrockern aus Hannover nur David Hasselhoff und der Ex-Flipper Olaf. Tom Waits, Iggy Pop und David Bowie hat Dagobert hingegen abgeschrieben, nachdem er sie auf der Bühne gesehen hatte und sie ihm unsympathisch waren. Dagobert Jäger ist klar aufseiten der „guten Menschen“.

Dagobert sucht das Selbstexperiment - er isst täglich einen Topf Reis

Nach dem Abitur haust er ein Jahr lang in einem Proberaum, fängt an, eigene Songs zu schreiben, obwohl er „kein einziges Instrument“ spielt. Schließlich reicht er „fünf unfertige Songs“ bei einem Kulturpreis ein. Und gewinnt. Ein halbes Jahr Berlin in einer Stipendiatenwohnung, dazu 18 000 Franken. Für die Hälfte des Geldes lässt er sich seinen Frack maßschneidern, die andere Hälfte haut er auf den Kopf: „Ich war die ganze Zeit besoffen. Heute bin ich gegen Subvention. Ich will nicht, dass der Steuerzahler solche Typen wie mich finanziert.“

Dann die große Frage: Was, wenn es immer so weitergeht? Essen, trinken, schlafen, jeden Tag? Dagobert sucht das Selbstexperiment und geht in Graubünden auf den Berg. Für fünf Jahre. In dem leer stehenden Haus eines verstorbenen Onkels lebt er allein und macht Selbstversuche. Schlafentzug, Hunger, Durst. Kommt schlecht drauf davon. Lässt die Experimente wieder sein. Erkennt, dass man „nicht alles ausprobieren muss, denn würde man das konsequent tun, endete man als Massenmörder“. Da isst er lieber Reis. Täglich einen großen Topf. Über Jahre. Das macht er bis heute so, denn es ist billig und nahrhaft, der Parboiled-Reis von Lidl für 89 Cent das Kilo reicht bei ihm für zwei Tage.

In seinem Berghaus geht er im Kreis und wartet auf musikalische Eingebungen. Einmal geht er anderthalb Jahre, bis die nächste Idee kommt, er ist ein geduldiger Mensch, sagt er. An einem alten Laptop schiebt er mit dem Programm Cubase seine Lieder zurecht. Eines Tages kommen Leute vom Plattenlabel Universal mit einem fetten Wagen zu ihm hochgefahren und überzeugen ihn davon, sich mit einem Produzenten zusammenzutun. Ihm gefällt nicht, was der Produzent mit seinen Liedern macht. Auch die nächsten 13 Produzenten finden nicht seine Billigung. Aber er kommt von seinem Berg herunter und zieht nach Berlin, Universal vermittelt ihn an das Hamburger Indielabel Buback, die ihn zu Sizarr-Produzent Markus Ganter nach Mannheim schicken, mit dem es endlich funktioniert, bei dem alles so klingt, wie es soll.

Jetzt ist das Debüt da, und selbst die ballermannhaften Betas können Dagoberts Liedern nichts anhaben

Und jetzt ist das Debüt da. Sicher, es gibt darauf ballermannhafte HumptaBeats, den Bombast trotzig erzwingende Halleffekte und manchmal zu sehr auf Ha-ha-Retro-Effekte setzende Synthiesounds. Aber das alles kann Dagoberts Liedern nicht wirklich etwas anhaben. Wenn dieser asketische, die Schlagerkunst mit aller ihm zu Gebote stehenden Ernsthaftigkeit betreibende Prophet einer überreichen, liebevollen Zukunft seine Zeilen schmelzt („Du bist viel zu schön, um auszusterben /Lass deine Kinder deine Schönheit erben/ Es muss weitergehn mit Menschen so wie du und so wie wir/ Ich will ein Kind von dir“), dann explodiert einem das Herz. Und man weiß wieder glasklar, dass das Haben nicht mit dem Sein verwechselt gehört, dass die Schönheit wichtiger ist als das Schweineschnitzel – und dass Luft und Liebe die Seele der Musik sind.

„Dagobert“ erscheint bei Buback/Universal. Konzert: Ritter Butzke, Ritterstraße 26, 24.5., 22 Uhr

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