Kultur : Erstes Leben, zweites Leben

Der unaufhaltsame Abstieg des Autohändlers Willenbrock: Andreas Dresen dreht einen neuen Kinofilm

Jan Schulz-Ojala

Axel Prahl glaubt man die Figur sofort. Zum Beispiel Bild 38, Antiquitätenladen, Innen, Tag. Da sucht Prahl alias Willenbrock mit seiner Frau Susanne ein möglichst prachtvolles Stilmöbel von Ehebettsarg und verblüfft sie mit seinem Interesse für Kunst, Abteilung Ölschinken, Thema Tod. „Na ja, was da immer so’n Gewese drum gemacht wird. Leben und Tod und Unsterblichkeit“, räsonniert Prahl mit feinem Sinn fürs abgehoben Bodenständige. „Also, ich weiß ja nicht mal, was ich sonntagnachmittags mit mir anfangen soll ...“

Naja, also: sonntagnachmittags vielleicht nicht. Unter der Woche aber hüpft der frisch zur Kunst bekehrte Banause Willenbrock, von Beruf Gebrauchtwagenhändler, schon mal tagesfreizeitlich ins Bett kunststudentisch vorbelasteter Kundinnen. Und auch sonst hat der Unternehmer, dem es „spitzensteuermäßig“ geht, zum Tod ein entspanntes Verhältnis. Er vertickt Autos, und hier in Magdeburg, sieben Jahre nach der Wende, gehen die Geschäfte immer noch super – vor allem Richtung Russland. Einfamilienhäuschen und Zweithäuschen, Ehefrau und Zweitfräuleins, erstes Leben, zweites Leben: Da sollte es nach dem unvermeidlichen Abtreten eines Tages doch auch im Jenseits irgendwie diesseitig weitergehen, oder?

Der Dreißigkäsehoch

So denkt Willenbrock vielleicht noch bis Bild 38. Und Axel Prahl, der da seine Susanne alias Inka Friedrich im „Antik- und Trödelcenter“ an der Magdeburger Fichtestraße spazieren führt, ist noch ganz Kleinbürger, dreißigkäsehoch. Bald aber tritt die erste Störung in sein Leben. Dann die erste echte Gefahr. Dann ein Drama. Und schließlich eine Katastrophe, unhörbar für die Welt, doch dröhnend für ihn selbst wie ein nicht enden wollender Tinnitus. So tickt Willenbrock und tickt doch nie so richtig aus: Titelheld von Christoph Heins vor vier Jahren erschienenem Roman über einen Wende-Gewinnler, der das Vertrauen in die Welt, den Staat und in sich selbst verliert. Willenbrock: Titelheld auch von Andreas Dresens sechstem Spielfilm, der vielleicht eines der Glanzlichter der nächsten Berlinale wird, seinem ersten in Cinemascope.

„Willenbrock“ ist Dresens erste Literaturverfilmung. Und nicht zufällig ein Stoff von Christoph Hein. Hein erzählt nüchtern von ostdeutschen Alltagsschicksalen, von Leuten, die in der DDR still quer standen und von anderen, die ordentlich mit den neuen Verhältnissen klarzukommen suchen und plötzlich total aus der Bahn geworfen sind. Solchen Welten fügt Dresen, wenn sie denn gar zu nüchtern zu werden drohen, seine unverwechselbare Dosis Humor und Wärme hinzu, ohne nun gleich gar zu gemütlich zu werden. So wird aus dem spröden Roman mit sehr offenem Ende, den die Rezensenten keineswegs durchweg gemocht haben, ein aufregender Kinostoff, auch er mit ziemlich offenem Ende.

Heins Willenbrock verliert alles: Nach zwei Überfällen auf den Autoladen brechen zwei junge Russen in seinem Wochenendhaus ein, und der vitale Unternehmer kann die mit Eisenstangen bewaffneten Gangster zunächst zwar brüllend in die Flucht schlagen. Und lässt sich doch, Folge des Traumas, von einem anderen Russen – seinem besten Kunden – eine scharfe Pistole andrehen, die er eines Tages auch benutzt. Sicherheitsfanatisch, sicherheitspanisch. Bald lassen seine Mädels ihn im Stich, der Ausbau des Autohofs geht auch irgendwie schief, und wenn seine Frau ihm bleibt, dann als eine Art Schatten. Da hat er den Tod, im weitergehenden Leben: ohne jedes „Gewese“. Auch Dresen schenkt Willenbrock nichts, aber er wird ihm wenigstens, so scheint’s, eine winzige, gewaltige Chance lassen.

Gedreht wird derzeit in Magdeburg und Havelberg, und Winter ist Pflicht, wie bei Hein. Und der Winter macht mit. Heins Schauplatz Berlin, irgendwo im Norden, hat Dresen in eine altneue Oststadt verlegt, weil dort, sagt er, eine „Aufsteiger-Biografie besser darstellbar“ ist – überschaubar zwischen Autohof-Brachen und neuem „Allee-Center“ nebst protzigem „Maritim“. Wichtiger noch: Magdeburg bringt, wie Frankfurt/Oder zuletzt bei „Halbe Treppe“, ein ganzes Team für ein paar Wochen Lebenszeit zusammen und aus allen sonstigen Zusammenhängen raus. Sowas mag Dresen, in seiner Beharrlichkeit zum Besonderen hin, im Erarbeiten eines Stolzes, der auf der Überwindung einer uralten Angst gründet. Als sei das Leben ein ewiges Zitterspiel: immer wieder die Angst und immer wieder der Sieg drüber.

Die Blühendglühende

Aber da sind wir schon im Keller der Magdeburger Pizzeria „Belmondo“, wo man sich abends nach dem Dreh, sagen wir’s mit einem Werbewort, ganz urig aufwärmen kann. Da sind UFA-Produzent Norbert Sauer, der die knapp 3 Millionen Euro, das ist deutsches Kinofilm-Durchschnittsbudget, zusammengetrommelt hat für „Willenbrock“. Da ist die Theaterschauspielerin Inka Friedrich, geradezu blühend glühend für ihre erste Kinorolle. Da sind Producerin Cooky Ziesche und Produktionsleiter Peter Hartwig und noch ein paar Leute aus dem so kleinen, klugen Dresen-Clan. Und da sind ein paar Journalisten, für die der „closed set“, eine Arbeit eher unter Freunden als Kollegen, heute mal aufgemacht wird, schließlich hat man den Dreh schon fast hinter sich.

Fragen wir was? Nicht eigentlich. Was zu erzählen wäre aus dem leichten Ins-Gespräch-Gezogensein: dass Christoph Hein selber jenen Überfall erlebte, von dem er schrieb, dramatischer und sprachlicher Höhepunkt von „Willenbrock“; dass auch dem leisen Andreas Dresen, der am Set nicht „Action“ und „Cut“ sagt, sondern „Bitte!“ und „Danke!“, etwas Ähnliches unlängst passierte – sogar das Sich-Freibrüllen, jener „Ton. vor dem man selbst erschrickt“. Da wäre auch noch des gern heiteren Axel Prahl todernstes Bekenntnis zu seiner Filmfigur: „Auch ich habe einen gewissen Aufstieg geschafft, auch ich habe Angst zu fallen“. Und, warum nicht, Cooky Ziesches inniges Bekenntnis zu einem Regisseur, der eine „Vision hat, die er auch ausdrücken kann“.

Wie überhaupt alle hier, keine Show, wirklich, ihren „Andy“ lieben. Nur Andy selber bleibt da vorsichtig. Vom „Tunnel“ spricht er, in dem man als Regisseur vorausgehen muss, von schnellen Antworten, die er am Set auch mal auf schnelle Fragen schuldig bleibt. Und überhaupt, dem allzu Eindeutigen, das leicht ins Pathos überschlägt, misstraut er grundsätzlich. „Das muss man kippen“, sagt er dann und erzählte dazu eine kleine, typische Szene. Einmal, so steht’s in Laila Stielers Drehbuch, 86. Bild, sitzt der verzweifelte Willenbrock im Auto „und schreit anhaltend“. Im Film aber geht ein alter Passant, eben noch Zaungast beim Dreh, durchs Bild und guckt belustigt-irritiert auf den schreienden Mann da in seiner Kiste. Ganz wie im richtigen Leben: Jedes Glück ist auch Schmerz, jede Katastrophe auch ein bisschen komisch – ein Haus weiter.

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