Erzählungen von Ursula März : Blondinen bevorzugt

Die Literaturkritikerin Ursula März hat fünf Dates – und erzählt „Für eine Nacht oder fürs ganze Leben“ über die Liebe in digitalen Zeiten.

Tilman Strasser
Seitenwechsel. Die Literaturkritikerin und jetzt auch Erzählerin Ursula März.
Seitenwechsel. Die Literaturkritikerin und jetzt auch Erzählerin Ursula März.Foto: Peter Peitsch / peitschphoto.com

Der Prototyp des Junggesellen: Thomas Lüttich sieht blendend aus, ist Arzt, gebildet, wohlhabend – und leidet unter einer handfesten Bindungsphobie. Die nährt er im Netz: Zwei Partnerbörsen spülen dem Enddreißiger täglich Anwärterinnen aufs Profil, schon der Gedanke an Festlegung scheint absurd. Den Blondinenkatalog (denn nur Blondinen kommen infrage) wischt er auf seinem Smartphone durch, unfähig, die Anfragen auseinanderzuhalten: „In zwei Jahren waren es dann mittlerweile achthundert Frauen, die an Thomas Lüttich ein Zeichen gesandt hatten.“

Eine stattliche Zahl, die ohne Online-Dating wohl nicht zusammengekommen wäre. Doch Lüttichs Zuhörerin fragt weniger nach Quantität als nach Qualität der Liebe in Zeiten des Internet. „Für eine Nacht oder fürs ganze Leben“ heißt dieser Erzählungenband von Ursula März. Ein skurriler Titel: Weder geht es auch nur ein einziges Mal um nur eine Nacht, noch findet sich der Gegenwartsbezug darin aufgehoben. Vor allem ist die zeitlos schnulzige Formulierung auf dem Wohlfühlfarben-Cover für eine Leserschaft gedacht, die letztendlich von dem nachdenklichen Ton der Texte nur enttäuscht werden kann.

Ein glückliches Ende findet keine der Geschichten

Der Untertitel „Fünf Dates“ wäre die bessere Wahl gewesen: In fünf Begegnungen recherchiert eine Erzählerin namens, nun: Ursula März modernes Liebesleid. Sie trifft Maja Feldkirch, die sich bei einem Kuba-Urlaub in einen Bongospieler verguckt hat und nun kulturelle wie bürokratische Hürden überspringt. Sie lernt Manfred Hügel kennen, dem von einer Seitensprungagentur eine Unbekannte zugeschanzt wurde, die seine Beuteschema-Grenze von sechzig Kilogramm sprengt und, hoppla, ihn trotzdem anzieht. Und Ursula März speist mit eben jenem Thomas Lüttich Lachsnudeln und lässt sich erzählen, wie der ein einziges Mal mehr für eine Frau aus dem World Wide Web empfand – obwohl sie noch nicht einmal blond war.

Ein glückliches Ende findet keine der Geschichten: Sie enden offen. Auch der Gesprächsrahmen wird nur skizziert. Ausführlich dagegen schweift die Heldin März in Gedanken zum heutigen Suchen und Finden ab – und in die eigene Biografie. Diese Binnenerzählungen sind die stärksten Passagen: Wie die Zuhörerin Thomas Lüttichs Faible für Blondinen ihre eigene Fixierung auf schwarze Haare entgegensetzt und sich unverblümt einer wenig schmeichelhaften Episode mit einem italienischen Junkie entsinnt. Wie sie sich an ein Blind Date mit einem glücklosen Physiker erinnert, das sie aus hilflosem Widerwillen sabotierte: „Als ich der Schilderung seiner Wohnverhältnisse entnahm, dass er zu fester Ordnung und Reinlichkeit ein etwas penibles Verhältnis pflegte, begann ich, mein Zusammenleben mit einer Mäusefamilie auszumalen, die sich in meiner Küche angeblich frei ausbreiten durfte und deren Trippel-, Knabber- und Pfeifkonzert mich beim Einschlafen selig begleite.“

Ihr Journalistendasein macht diesen Band jedoch zu einem Rätsel

Dieser Stil, oft geschliffen-ornamental, zuweilen altbacken-umständlich („Wenn ich heute überlege, mit welchem Wesenszug sich Thomas Lüttich am deutlichsten beschreiben ließe, dann ist dies nichts anderes als sein beständiges Manövrieren gegen die Eindeutigkeit“) dürfte aufmerksamen Zeitungslesern bekannt vorkommen: Ursula März ist selbst Literaturkritikerin, bei der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Ihr Journalistendasein macht diesen Band jedoch zu einem Rätsel. Nicht, dass die Autorin nicht viel Kluges über die Single-Gesellschaft und ihre historischen Parallelen zu sagen hätte; nicht, dass sie nicht erzählen könnte: farbig, lebendig, elegant. Doch die reportagenhafte Machart suggeriert wirkliche Begebenheiten, und die Aufmachung widerspricht diesem Eindruck nicht.

März hingegen hat in einem Interview schon offen eingeräumt, ihre fünf Gesprächspartner erfunden zu haben. Naiv ist, wer das ignoriert, gerade in Zeiten, in denen das Buch selbst nicht mehr ohne medialen Hall gedacht werden will. Schleierhaft, wozu März die postmoderne Spielerei verwendet und offenlegt: Es wirkt, als habe sie ihrer Stimme nicht zugetraut, ohne einen solchen Kniff Wirkung zu entfalten. Tatsächlich stellt sich bei einem zweiten Lesedurchgang die Frage, warum Ursula März nicht spannendere, wenigstens paradigmatischere Figuren erfindet. Kurz: Sie hätte die Frage nach der Echtheit so offen lassen sollen wie die Enden ihrer Dates.

Ursula März: Für eine Nacht oder fürs ganze Leben. Fünf Dates. Hanser Verlag, München 2015.232 Seiten, 19, 90 €.

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