Kultur : Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Eine Meisternovelle aus Russland: Wsewolod Petrows „Manon Lescaut von Turdej“.

Nicole Henneberg

Ungünstiger könnten die Bedingungen für eine Liebe nicht sein: Er ist ein Petersburger Intellektueller, verträumt und dünnhäutig, sie ein Mädchen aus dem Volk, vulgär und rücksichtslos. Sie lernen einander, von anderen ständig beobachtet, in einem Lazarettzug kennen, der während des Zweiten Weltkrieges durch die russische Steppe fährt. Wsewolod Petrow schrieb seine hinreißende Novelle „Die Manon Lescaut von Turdej“ 1946, unter dem Eindruck des Krieges, an dem er als Offizier teilgenommen hatte.

Er stammte aus einer Petersburger Adelsfamilie und war von Beruf Kunsthistoriker – es gibt nur wenige erzählerische Texte von ihm, und diese Novelle, ein Schlüsseltext der russischen Moderne, ist, wie Oleg Jurjew in seinem begeisterten Nachwort erklärt, erst 2006 in Russland erschienen. Und doch hatte sie großen Einfluss auf die illegale Petersburger Literatur, denn Petrow las Freunden oft daraus vor. Er gehörte zu jener „Parallelkultur“, die das Erbe der klassischen Moderne im Geheimen weiterentwickelte – schon ein unliebsames Gedicht konnte den Verfasser für Jahre ins Lager bringen. Die Novelle ist von der ersten bis zur letzten Zeile ein politisch widerständiger Text. Der Erzähler, ein sowjetischer Offizier, macht aus seiner Verachtung für die offizielle Kultur kein Hehl. Er liebt das 18. Jahrhundert und liest den „Werther“ im Original – was in seiner Situation todesmutig war.

Der Krieg bleibt so abstrakt wie die Reihe der Stationen, an denen der Zug hält, mit Ausnahme von Turdej, das in seinen Ohren „französisch, irgendwie bretonisch“ klingt und nahe der Stadt Tula liegt. Hier sind wir mitten in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts angelangt: Turgenjew, Tolstoi und Leskow lebten und schrieben hier, und Petrow stellt sich zu Recht selbstbewusst in diese Tradition.

„Man hatte uns wohl vergessen“, resümiert der höchst angespannte Erzähler, während sie, immer wieder umgeleitet, oft tagelang auf Bahnhöfen stehen. Dazu kommt die unerträgliche Situation in dem stickigen Waggon, in dem gelästert und geflucht wird und alle einander belauern. Ein Mikrokosmos des trostlosen sowjetischen Lebens: Sein Zentrum ist der Ofen, und wer sich auf die Pritsche zurückzieht, gilt als abwesend. Die Ärztinnen, der Apotheker, die grimmige Mutter mit Kleinkind: Alle empören sich über die Liebenden, malen sich aus, was sie miteinander treiben und bemitleiden den Erzähler, der Vera Muschnikowas ungestümer Sinnlichkeit verfallen ist. Sie nennen ihn einen „Gottesnarren“ (wie Dostojewskis „Idiot“).

Der Erzähler ist ein leidenschaftlicher Leser, der die Welt in der Literatur findet, aber kein Träumer: Überscharf registriert er seelische Verrohung ringsum, und seine Assoziationen, von Gogols „Toten Seelen“ bis zu Shakespeares „King Lear“, beziehen sich auf die verzweifelte Lage des Landes nach der blutigen Revolution und mehreren Terrorwellen.

Vera, in der er sofort eine „sowjetische Manon Lescaut“ erkennt, „war mädchenhaft und romantisch, sie war eingenommen von den großen Themen – nichts Geringeres als Liebe und Tod –, über die sie zum Glück nichts sagen konnte“, wie er erleichtert feststellt. So kann er seine Fantasie ungezügelt spielen lassen, gibt damit aber die unbekümmerte Vera, die ihre Träume und Sehnsüchte nicht versteht und ihre eigene Herkunft nur bruchstückhaft kennt, einem verhängnisvollen Schicksal preis, wie ihm eine befreundete Ärztin vorwirft.

Die Liebe des Autors zu dieser tragischen Figur geht nicht nur auf den Roman des Abbé Prevost, sondern vor allem auf ein Gedicht von Michail Kusmin zurück, dem die Novelle gewidmet ist und dessen Zimmer in einer Petersburger Gemeinschaftswohnung ein (illegales) literarisches Zentrum war.

Die Novelle, deren Erscheinen in Moskau eine Sensation war, verrät uns viele solche Geheimnisse, etwa die verschwiegene Sehnsucht der Intellektuellen nach einem Russentum, das erst der Krieg freigelegt hätte. Zugleich lesen wir eine geheimnisvoll changierende Liebesgeschichte, in der ein unerklärliches Glücksgefühl pulsiert: eine Ambivalenz, die Daniel Jurjews klare Übersetzung präzise einfängt. Nicole Henneberg

Wsewolod Petrow: Die Manon Lescaut von Turdej. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Stellenkommentar Olga Martynova. Nachwort Oleg Jurjew. Weidle Verlag, Bonn 2012. 125 S., 16,90 €.

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