Essay von Annie Dillard : Halte deinen Finger ins Jetzt

Auf den Spuren Thoreaus: Annie Dillards denk- und sinnespraller Essay „Pilger am Tinker Creek“, für den sie 1975 den Pulitzer Preis gewann, ist erstmals auf Deutsch zu lesen.

Hans-Christian Riechers
Kontemplation über die Kraft der Natur. Annie Dillards "Pilger am Tinker Creek"
Kontemplation über die Kraft der Natur. Annie Dillards "Pilger am Tinker Creek"Foto: Promo

Seit Henry David Thoreau 1845 vor die Tore der neuenglischen Stadt Concord zog, um für eine Weile in einer selbst gezimmerten Hütte am Walden Pond zu leben, hat das Leben in den amerikanischen Wäldern, wie er es in seinem Buch „Walden, or, Life in the Woods“ beschrieb, eine ganz besondere Anziehungskraft. 1972 zog die damals 27-jährige Annie Dillard auf den Spuren Thoreaus an einen See in die Blue Ridge Mountains von Virginia, um sich von einer schweren Krankheit und einer gescheiterten Ehe zu erholen. „Pilger am Tinker Creek“, das Buch, das dabei entstand und 1975 einen Pulitzer-Preis gewann, ist jetzt in der wundervollen Übersetzung von Karen Nölle erstmals auf Deutsch zu lesen.

Natürlich hat dieses Buch mit der politischen Gegenwart der Vereinigten Staaten nichts zu tun. Auf den Spuren der Transzendentalisten Emerson und Thoreau geht es primär um Natur, nicht um Gesellschaft. Aber es ist eine atemberaubende Natur, und Dillard zieht alle Sprachregister von Alltagsprofanität bis zu biblischer Erhabenheit. Ähnlich wie Thoreaus See, der einen Spaziergang von Concord, Massachussetts, entfernt liegt, befindet sich auch Dillards Fluss-Refugium keineswegs in einem vergessenen Tal, sondern in der Nähe von Roanoake, Virginia.

Ein Einüben in die Vorstellung, der Natur zu dienen

Erfüllt von den Lesefrüchten ihres Studiums unterfüttert sie ihre Beobachtungen mit Philosophischem und Naturwissenschaftlichem. Aber vor allem erscheint sie wie eine empfindliche Membran, die die Vorgänge in ihrer Umgebung zitternd aufnimmt, eine von dem Schauspiel um sie herum fast Überwältigte: „Seit der ursprünglichen bombastischen Geste der Schöpfung hat das Universum filigranste und kolossalste Formen durch Äonen der Leere geworfen, mit nie ermüdender Kraft Übermaß auf Überfluss gehäuft. Seit fiat lux brennt das ganze Theater lichterloh. Ich komme zum Wasser, um mir die Augen zu kühlen. Aber überall, wo ich hinschaue, sehe ich Feuer; was nicht Flint ist, ist Zunder, und die ganze Welt funkt und flammt.“ Schwindelerregend saust dieser poetische Text so aus dem Makrokosmos in den Mikrokosmos und zurück.

Annie Dillard 2014 mit dem damaligen US-Präsidenten Obama bei der Verleihung der National Humanities Medaille.
Annie Dillard 2014 mit dem damaligen US-Präsidenten Obama bei der Verleihung der National Humanities Medaille.Foto: dpa / picture alliance

Diese Prosa verrät theoretische Durchdringung, weigert sich aber, auf Abstand zur sinnlichen Erfahrung zu gehen. In einer bemerkenswerten Passage reflektiert Dillard das eigene Sehen, indem sie die Geschichten der ersten Blindgeborenen nacherzählt, die man durch Operationen heilen konnte. Zunächst die Unfähigkeit, den neuen Sinn anzunehmen, die Orientierungslosigkeit, die fehlenden Begriffe von Tiefe, Größe, Entfernung, Ausdehnung. Diese elementaren Formen der Weltaneignung nicht als selbstverständlich zu erkennen, ist die Bedingung für eine solche Sehschärfe.

Die Stimme dieses Essays begreift sich selber als denkende Instanz der Natur, nicht als ihr Subjekt. Das Ins-Bewusstsein-Heben der Dinge und Geschöpfe ist ein quasi-religiöses Exerzitium: ein Einüben in die Vorstellung, der Natur zu dienen. Diese erscheint unsäglich hart, schön bis zur Besinnungslosigkeit, verschwenderisch in ihrer Pracht und ihrer Grausamkeit. Menschen sind Wesen, die sie betrachten können. Diese Fähigkeit findet Dillard bei antiken Naturphilosophen wie Heraklit und Plinius, aber auch bei der neuzeitlichen Biologie. Die Natur aber gibt die Zeit vor, die Maßstäbe, etwa da, wo Dillard den Blick stromaufwärts als einen Blick in die Zukunft wahrnimmt und von dorther ihre eigene Gegenwart flüstern hört: „Da kommt es!“ Oder den Wind beobachtet, um dann in ihn einzutauchen: „Leck einen Finger an: halte ihn ins Jetzt!“

Menschen haben eine Verantwortung

Immer wieder geraten die Zeugnisse der Zivilisation in den Blick, aber nicht störend, weil dieser Blick kein Idyll sucht. Eher bestätigt sich das Wechselspiel von Überfluss und Zerstörung auch darin. Manchmal scheint es, als würde die Amoralität dieser Natur auf menschliches Handeln übertragen. Aber die Menschen sind, in einem traditionellen, aber zugleich wie zum ersten Mal entdeckten Verständnis, das wahrnehmende, empfindende, denkende Element in dieser Natur, ihr nicht gegenüberstehend, sondern mit besonderer Verantwortung, die ihnen durch ihre Fähigkeiten zukommt, angehörig.

Schließlich tut sich in der Stimme des Essays auch eine ethische Position auf, die seit den frühen Siebzigern nicht veraltet ist. Wenn Dillard das misslungene Experiment ihrer Biologielehrerin an einem lebendigen Falter beschreibt und wieder und wieder zurückkommt auf die erbärmliche Monstrosität des durch menschlichen Eingriff mit zusammengeklebten Flügeln dahinkriechenden Lebewesens, dann weist sie auch auf die Ratlosigkeit der Menschen angesichts des von ihnen angerichteten Schadens hin. Die Menschen haben eine Verantwortung, die aus dem erwächst, was Annie Dillard so außerordentlich vorführt: der Fähigkeit, hinzusehen.

Annie Dillard: Pilger am Tinker Creek. Aus dem amerikanischen Englisch von Karen Nölle. Matthes & Seitz, Berlin 2016. 347 Seiten, 22 €.

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