Essen und Trinken im Theater : Warum sitzt das Publikum auf dem Trockenen?

Nachos im Festspielhaus, Popcorn bei "Onkel Wanja"? Das geht doch nicht. Aber vor der Vorstellung und in der Pause will man nicht darben. Über den Frust im Foyer.

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Snacks müssen draußen bleiben. Warum eigentlich?
Snacks müssen draußen bleiben. Warum eigentlich?Foto: dpa

Angenehm muss es gewesen sein, damals, vor bald 2500 Jahren in den griechischen Amphitheatern. Allein die Aussicht aufs Meer, wie in Delphi, oder auf die sanften Hügel des Peloponnes in Epidauros. Sie werden auch gut gegessen und getrunken haben unter dem freien Himmel der Antike; gefüllte Weinblätter, Oliven, Zaziki und was so alles auf eine Vorspeisenplatte gehört. Der Wein floss aus Schläuchen, während unten auf der Szene die blutigen Familien- und Göttergeschichten verhandelt wurden, die uns heute noch beschäftigen und die wir Klassiker nennen.

Aber wann sind Essen und Trinken aus dem Theater verschwunden? Ich meine nicht aus der Kantine, wo das Saufen zum Handwerk gehört, sondern aus dem Zuschauerraum. Seit wann sitzt das Publikum auf dem Trockenen? Die Römer haben sich gewiss nicht zurückgehalten. Zu Shakespeares Zeiten – wir feierten soeben seinen 450. Geburtstag – gab es noch reichlich zu spachteln und zu picheln im Rund des Globe Theatre. Was auch für Louis XIV. und Versailles gilt, wo es ebenfalls Kunstdarbietungen gab und die perückte Nobilität sich nachher in den weiten Fluren des Schlosses erleichterte.

Dafür aber muss man erst einmal etwas zu sich genommen haben. Und damit ist es in unseren Theatern und Opernhäusern nicht weit her. Eine feste Größe ist der Brezelverkäufer vor der Tür. Schön, dass er da steht. Es würde sonst etwas fehlen. Hat man erst einmal das Theater – mit oder ohne Brezel – betreten, sieht es nicht gut aus. Der Mensch will jetzt vor der Vorstellung keine volle Mahlzeit mit mehreren Gängen und drei Glas Wein, das macht träge, dafür ist auch gar keine Zeit, wenn man angehetzt kommt von der Arbeit. Aber mal etwas anderes als Kanapees und die ewige Brezel darf es schon sein.

Warum sind die Brezeln jetzt schon wieder weg?

Die Tresen- und Buffetmalaise ist fast überall gleich. Es handelt sich um ein internationales Phänomen. Sehr eingeschränktes Angebot und kaum Platz. Hat man je ein Foyer ohne Getränkeschlange gesehen? Warum lernt keiner daraus? Warum muss das Getränkeholen in der Pause, wenn es überhaupt zu einer Pause kommt, immer zum Engpass führen? Und warum sind die Brezeln jetzt schon wieder weg?

Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Kino und Theater. Im Kino darf man küssen und kuscheln. Im Kino darf und soll man futtern und sich einsauen mit Popcorn, Chips, Eiskonfekt. Ich habe einmal bei einem Actionfilm Nacho-Chips mit heißer Käsesauce gegessen; danach war ich kuriert, zumindest davon. Aber es gibt ja auch andere schöne Dinge: In der Astor Lounge am Kurfürstendamm kann man zum Film auch Käse und Oliven bestellen und auch eine Flasche Wein. Gern für ein paar Euro einen Roten vom Weingut Coppola in Kalifornien.

Im Theater bleibt unterdessen der Hunger. Und der Durst. Ist ja irgendwie auch eklig, wenn – das passiert ja schon mal – jemand während der Vorstellung eine große Flasche Mineralwasser auspackt und – glucks, schlürf, schluck – gegen das aufsteigende Gefühl der inneren Versteppung antrinkt. Und selbst das geht nur mit Wasser: Wer eine Pulle Bier auspackt, wie man sie im Kino einfach in den Becherhalter neben sich stellen würde, macht sich verdächtig. Es geht nun mal spartanisch zu. Und dabei bleibt’s.

Ganz schön trocken hier. Die Römer haben sich beim Theaterbesuch kulinarisch nicht zurückgehalten. Aber wann sind Essen und Trinken aus dem Theater verschwunden?
Ganz schön trocken hier. Die Römer haben sich beim Theaterbesuch kulinarisch nicht zurückgehalten. Aber wann sind Essen und...Foto: p-a/dpa

Aber ich möchte mich damit nicht abfinden, mit dem Elend im Foyer zumindest nicht. Mit den Brezeln, die im Zweifel matschig oder angetrocknet sind und nicht kräftig genug gesalzen. Liebe Theater, macht es wie die wenigen, die es gut machen: Beim Festival Movimentos in Wolfsburg verkaufen sie köstliche kleine Schnittchen mit Wurst oder Paste. Davon kann ich so viel essen, wie ich Lust habe, die sind frisch und sehr geschmackvoll. Und die Volksbühne hat draußen vor der Tür, unter den schweren Säulen des Eingangs, einen Getränkestand. Auch vorbildlich. Ist doch gar nicht so schwer. Auch an der Deutschen Oper hat sich in den letzten Jahren die gastronomische Situation verbessert, während man in der Schaubühne im Foyer, über dessen Winzigkeit sich schon Peter Stein geärgert hat, erdrückt wird wie morgens in der S-Bahn. Drüben bei Francucci sitzen und sich einen Livestream der neuesten Hightech-Produktion von Katie Mitchell anschauen, das wäre es doch! Noch einen Weißwein, bitte ...

Wer nichts zu trinken bekommt, muss auch nicht austreten

Aber es wird wie immer sein, beim nächsten Theaterbesuch, beim Theatertreffen. Wir werden wieder ein Glas Prosecco oder eine Weinschorle (warum eigentlich immer Weinschorle im Theater, Tomatensaft im Flugzeug, ist das ein Naturgesetz?) runterkippen, weil es schon zum x-ten Mal geklingelt hat. Und bis zur Pause ist es lang – so lang wie nachher die Schlange zum Tresen. (Da vorn steht einer, denn kenne ich, der bringt mir was mit. Kann mich auch gleich mal einladen, hab ihm neulich das Bier bezahlt. Und bitte auch eine Brezel!)

Woody Allen hat früher einmal Theaterstücke geschrieben, eines heißt „Gott“. Es spielt in Athen um das Jahr 500 v. Chr., und die beiden Hauptdarsteller sind sich nicht sicher, ob sie existieren oder nur erfundene Figuren sind. Jedenfalls hat das Stück (im Stück) keinen Schluss und eigentlich keinen richtigen Anfang, aber eine Menge lustiger Dialoge. Warum ich das hier erzähle? Weil ich inzwischen in der Schlange zum Klo stehe, die ist in einigen Theatern quälend lang, auch bei den Männern, weil die Klos nur winzige Verschläge sind, wo man sich leider auch gar nicht richtig die Hände waschen kann.

Dahinter steckt ein großer, weiser Plan: Wer nichts zu trinken bekommt, muss auch nicht austreten. – Und jetzt bitte Licht, die Vorstellung beginnt!

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