Kultur : Fake und Fassade

Vorbild für Berlin? Braunschweig hat sein Stadtschloss rekonstruiert – und ein Einkaufszentrum darin untergebracht

Michael Zajonz

Makellos goldgelbe Sandsteinplatten schimmern hinter den Baugerüsten am Braunschweiger Bohlweg, einer der Haupteinkaufs- und Einfallstraßen der Stadt. Klassizismus anno 2006, mit handwerklichem Geschick von sächsischen und polnischen Steinmetzen reproduziert, die auch an der Dresdner Frauenkirche mitwirkten. Hier entsteht eine monumentale, über 25 Meter hohe Schlossfassade, am historischen Ort und in historischen Formen.

Säulen und Skulpturenschmuck der Fassade verraten mit ihrer graufleckigen Patina auf den ersten Blick, dass sie älteren Datums sind. Die wie bei der Frauenkirche wieder eingesetzten historischen Fragmente, mehr als 550 Steine, stammen vom „Original“, dem 1831 bis 1838 für Herzog Wilhelm von BraunschweigLüneburg errichteten Residenzschloss. Entworfen hat es Carl Theodor Ottmer, der, bevor er Hofbaumeister in Braunschweig wurde, Schinkel 1825 den Auftrag für die Berliner Singakademie wegschnappte, das heutige Gorki-Theater.

Berlinern kommt die Geschichte bekannt vor: Das Braunschweiger Welfenschloss war 1944 durch Bomben schwer beschädigt wurden. 1960 beschloss der Stadtrat mit zwei Stimmen Mehrheit, die Ruine abzureißen. Anfang der Siebziger entschied man sich für eine Grünanlage, euphemistisch „Schlosspark“ genannt. Eine verkehrsumtoste Verlegenheitslösung, für die Älteren ein dürftiges Pflaster auf offener Wunde, für viele Jüngere eine Erholungsfläche wie jede andere.

Bis heute markiert die Schleifung der Ruine ein Trauma in der Stadt. Dabei kann man, anders als in Berlin oder Potsdam, allerdings keine SED-Bonzen verantwortlich machen, sondern müsste die Geschichtsblindheit der jungen Bundesrepublik in den Blick nehmen.

Was nun, anstelle des 3,5 Hektar großen, im Mai 2005 gerodeten Parks, in Braunschweig seiner Vollendung entgegenwächst, nennen Befürworter liebevoll Schloss, Gegner abfällig Attrappe. Über dem gepflasterten Vorplatz erheben sich drei rekonstruierte, beeindruckend noble Schlossfassaden – und dahinter ragt eine gewaltige Baumasse aus Beton und grün getöntem Glas auf. Nach der Dresdner Frauenkirche ist es das zweitgrößte realisierte Rekonstruktionsprojekt seit 1990. Und beherbergt in seinen modern gestalteten Teilen zugleich eines der größten Einkaufszentren der Region.

Das offiziell „Schloss-Arkaden Braunschweig“ getaufte Gesamtprojekt wurde von der Hamburger ECE, eine Tochter des Otto-Konzerns, entwickelt und realisiert. ECE ist Europas größter Betreiber von Einkaufszentren, die Firma vermietet mehr Ladenfläche als die zehn größten Immobilienmakler zusammen. Mit dem Schlossareal überließ die Kommune den Hamburgern sage und schreibe zwei Hektar Innenstadt. Rund 36 Millionen Euro ermittelten die Wertgutachter, mit dem Kaufpreis verrechnet wurden zugunsten von ECE 13,3 Millionen für die Rekonstruktion der Schlossfassaden. Den Mehraufwand der Rekonstruktion und auch den Innenausbau hat die Stadt letztlich selbst bezahlt. Manchmal helfen ihr dabei Stiftungen oder Braunschweiger Honoratioren wie der Münz- und Briefmarkenhändler Richard Borek, der sich bemüht, das nie ganz erlahmte Interesse am Schloss als Mäzen anzufeuern. Auf der Welfenauktion 2005 hat er etliche Stücke für das geplante Schlossmuseum erworben.

Überzeugungstäter in Sachen Schloss ist auch Braunschweigs CDU-Oberbürgermeister. Gert Hoffmann, seit 2001 im Amt, nutzte die Chance, mit Hilfe von ECE so viel Schloss wie möglich wiederzugewinnen, gegen alle Widerstände. Eine Bürgerbefragung lehnte der Stadtrat im Februar 2003 ab, ein Bürgerbegehren scheiterte trotz 31 000 Unterschriften an der rigiden Auslegung des niedersächsischen Kommunalgesetzes. Im Juli 2003 beschloss der Stadtrat – mit einer Stimme Mehrheit! – die Aufstellung des Bebauungsplanes. Erst im Kommunalwahlkampf 2006 stellte der taktisch gewiefte OB die Schlossfrage – und wurde mit 58 Prozent wiedergewählt.

Das Beispiel Braunschweig zeigt, dass vielen Schlossfreunden die Errichtung einer Fassade als Identitätsangebot genügt – egal, was sich dahinter verbirgt. Architektur wird nach der größten bautechnischen Revolution des 20. Jahrhunderts, der Erfindung der (auswechselbaren)Vorhangfassade, nicht mehr zwingend als Einheit von Inhalt und Form wahrgenommen. Doch genau diese Einheit suggerieren Rekonstruktionen, auch wenn sie sich, wie in Braunschweig, in ihr Gegenteil verkehren. In der Bewerbung um den Titel als Europäische Kulturhauptstadt 2010, die Christoph Stölzl verantwortete, heißt es unter dem Motto „Die verlorene Geschichte oder die Sehnsucht nach Vergangenheit“ zur Schlossrekonstruktion: „Die authentische Umsetzung des Vorhabens veranschaulicht Geschichte auf eine überzeugende Weise.“ Über den authentischen Geschichtsgehalt von Rekonstruktionen kann man streiten. In der Lust an der Fassade manifestiert sich eine tiefe Sehnsucht nach beständigen und verlässlichen Architekturbildern, die die Moderne nur selten befriedigt hat.

Doch der Braunschweiger Schlossneubau lässt sich mit der Dresdner Frauenkirche und der dortigen Schlossreparatur oder mit den geplanten Teilrekonstruktionen der Stadtschlösser in Berlin und Potsdam nicht vergleichen. Die Sehnsüchte sind zwar die gleichen, nicht aber Methode und Ergebnis. Der Braunschweiger Bau ist zwar ebenfalls ein Hybrid aus rekonstruierten und modern gestalteten Teilen. Bauherr ist dort allerdings nicht, wie in Berlin, Potsdam oder Dresden, die öffentliche Hand oder eine durch Bürgersinn alimentierte Stiftung. In Braunschweig baute ein privater Investor, der sich von der Stadt zum Dank für das exquisite Grundstück einiges vorschreiben lassen musste.

Herausgekommen ist der architektonische Zusammenprall zweier Welten, die trotz des von der Kommune durchgesetzten Wettbewerbs nicht miteinander harmonieren. Einerseits: ein kommunales Kulturzentrum von 13 000 Quadratmetern, untergebracht in zwei Schlossflügeln hinter rekonstruierten Fassaden; ein „schlossähnlicher“ Innenausbau samt Thronsaalrekonstruktion durch die Berliner Spezialisten Rupert und York Stuhlemmer. Andererseits: die nach dem Entwurf von Alfred Grazioli und Wieka Muthesius (Berlin/Zürich) realisierten Fassaden der Shopping Mall, die 33 500 Quadratmeter Hauptnutzfläche (über 150 Läden, Restaurants) und 1200 Stellplätze umfassen. Ein riesiger Baukörper, dreimal voluminöser als das eigentliche „Schloss“. Einer der Haupteingänge führt durchs Mittelportal der Schlossfassade und stößt schon nach fünf Metern auf das Allerweltsdesign moderner Ladengalerien. Dazwischen: eine Brandmauer, die zwischen den verschiedenen Geschosshöhen beider Bauteile kompliziert verspringt und bauliche Unabhängigkeit voneinander suggeriert, aber nicht schafft.

Braunschweig zieht mit seinem Kulturamt, der Stadtbibliothek (600 000 Bände), dem Stadtarchiv (15 laufende Kilometer Akten), einem Schlossmuseum, das der Berliner Kulturhistoriker Wilfried Rogasch konzipiert, sowie einer Außenstelle des Standesamts künftig als Mieter ins „Schloss“: mit rund 120 Mitarbeitern, für über eine Millionen Euro Jahresmiete, schrittweise Eröffnung ist ab 6. Mai 2007. Auch im Humboldt-Forum hinter den rekonstruierten Fassaden des Berliner Schlosses sollen dereinst Museum, Bibliothek und kommerziell nutzbare Veranstaltungs- und Verkaufsflächen unterkommen – allerdings in einem von kulturellen Angeboten dominierten Mischungsverhältnis. Demnächst hält Wilhelm von Boddien, der Promoter der Berliner Schlossrekonstruktion, einen Vortrag in Braunschweig. Sein Thema: Kann Berlin von Braunschweig lernen? Man wird wohl sagen müssen: höchstens als abschreckendes Beispiel.

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